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Michael Müller: Auf Party-Wowi folgt Hauptstadt-Verwalter

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Berlins nächster Regierender Bürgermeister: Das ist Michael Müller Fotos
DPA

Michael Müller wird der nächste Regierende Bürgermeister von Berlin. Der 49-Jährige ist völlig anders als Klaus Wowereit - und soll doch die Politik seines Vorgängers weiterführen.

Berlin - "Ich freue mich wahnsinnig, ich bin ganz platt", sagt Michael Müller und strahlt. Für den SPD-Politiker ist das eine ungewöhnlich intensive Gefühlsregung, meist hält er sich in der Öffentlichkeit zurück. Doch der 49-Jährige befindet sich im Ausnahmezustand: Seit Samstagsnachmittag weiß Müller, dass er der nächste Regierende Bürgermeister von Berlin wird, und damit Nachfolger von Klaus Wowereit.

Am Morgen hatte die Post Dutzende Kisten mit Briefumschlägen vor die Parteizentrale im Stadtteil Wedding gekarrt, ein paar Stunden später verkündete die Berliner SPD das Ergebnis ihres Mitgliederentscheids. Müller setzte sich mit 59,1 Prozent der Stimmen überraschend klar gegen seine Konkurrenten Jan Stöß (20,9 Prozent) und Raed Saleh (18,7 Prozent) durch. Insgesamt nahmen von den 17.200 SPD-Mitgliedern knapp 11.000 teil, also etwa zwei Drittel.

Willy Brandt, Richard von Weizsäcker und schließlich Deutschlands dienstältester Ministerpräsident Wowereit - es gibt einige prominente Regierende Bürgermeister von Berlin. Jetzt kommt also Michael Müller, bislang Bausenator im rot-schwarzen Kabinett. Ein Politiker, dessen Namen man garantiert nicht falsch schreiben kann, und zu dessen größten Schwächen nach eigenen Angaben Schokoladenkonsum gehört.

Buchdrucker und Bürokaufmann

"Ich gebe zu, der Glamour-Faktor hat noch Luft nach oben", räumte Müller im Wahlkampf ein und wies immer wieder auf seine Verwaltungserfahrung hin. Womöglich sehnte sich die Berliner SPD nach 13 Jahren Wowereit nach einem "Herrn Müller", der Zuverlässigkeit und Pragmatismus ausstrahlt.

Fairerweise sei darauf hingewiesen, dass sich Klaus Wowereit mittlerweile zu Unrecht als Party-König tituliert sieht. "Das ist kein Ruf, das ist eine Diffamierung", sagte er dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Sei's drum, viele Berliner verbinden mit ihrem Noch-Bürgermeister eine gewisse Leichtigkeit und Lebensart, die zur unaufgeräumten Metropole passt.

Ganz anders sein Nachfolger. Müller ist verheiratet und hat zwei Kinder. Dem Bürokaufmann, der bei seinem Vater auch das Buchdruckerhandwerk erlernte, haftet in der eigenen Partei das Bild eines spröden, trockenen Politikers an. Beim Volksentscheid über die Nutzung des stillgelegten Flughafens Tempelhof erlitt er eine heftige Niederlage, ansonsten arbeitet er unauffällig und ohne Skandälchen.

Müller als Nachfolger Wowereits, damit hatte lange niemand gerechnet. Vor zwei Jahren wurde er von den Berliner Genossen als Landeschef abgesetzt. Sein Comeback wurde professionell eingefädelt, in den letzten Wochen wurde er vom Ex-SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel gecoacht. Müller war Wowereits Wunschkandidat, die beiden kennen sich seit über zwanzig Jahren.

Am Ende dürfte vielen Mitgliedern der linke Landeschef Stöß zu kantig, der 37-jährige Fraktionschef Saleh zu unerfahren gewesen sein. Also stimmte ein Großteil der Berliner SPD-Mitglieder für ein "Weiter so": Müller soll den bisherigen Kurs von Rot-Schwarz fortsetzen, nicht neu erfinden.

Hauptsache, die SPD hält Berlin

Das ist auch die Hoffnung in der Bundes-SPD. Hauptsache, man hält die Senatskanzlei, so die Sicht im Willy-Brandt-Haus. Mit Müller können die Genossen um Parteichef Sigmar Gabriel gut leben. Er verspricht eine solide Arbeit und dürfte berechenbarer agieren als Wowereit. Mit dessen Inszenierungskünsten hatte man in der Parteizentrale hin und wieder Probleme. Man baut darauf, dass die Große Koalition in Berlin unter Müller am ehesten halten kann.

Selbstverständlich ist das nicht. In Umfragen wurde die Berliner SPD längst vom Koalitionspartner CDU überholt, vorgezogene Wahlen vor 2016 sind nicht ausgeschlossen. Müller erbt zudem die riesigen Probleme der Stadt - den Pannenflughafen BER, den Wohnungsmangel, die marode Infrastruktur. Berlin hat noch immer eine Arbeitslosenquote von über zehn Prozent, dazu kommen Schulden und Kinderarmut.

Am Freitag zog sich auch noch der parteilose Finanzsenator Ulrich Nußbaum aus der Landesregierung zurück, bislang eine wichtige Stütze der SPD im Kabinett. Sein Verhältnis zu Müller gilt als schwierig. Der Mangel an profilierten Politikern im Landesverband wird den Umbau des Kabinetts erschweren.

Doch erst einmal soll für Müller alles nach Plan laufen. Anfang November soll er auf einem Parteitag nominiert, am 11. Dezember nach dem Rücktritt Wowereits ins Amt gewählt werden. Zwei Tage später feiert er seinen 50. Geburtstag.

Mitarbeit: Veit Medick

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