Kandidaten bei der Bürgerschaftswahl Bremer Traditionen und eine Hamburger Strategie 

Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen setzt am Sonntag auf seine Wiederwahl. Doch eine resolute CDU-Frau und eine Schar kleiner Parteien wollen ihm im kleinsten Bundesland Stimmen abjagen - wie stehen ihre Chancen?

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Er ist der große Unbekannte der deutschen Politik: Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen (SPD). Nur einmal trat er bundesweit bislang größer in Erscheinung: Als er nach dem Rücktritt von Horst Köhler vom Amt des Bundespräsidenten zeitweilig die Geschäfte im Schloss Bellevue führte.

Am kommenden Sonntag will er nun in der Hansestadt wiedergewählt werden, und niemand zweifelt daran, dass Böhrnsen das gelingt. Die Bremer mögen ihn, seine nüchterne Art.

Seine Partei liegt in Umfragen bei stabilen 37 Prozent. Bremen ist seit Jahren rot-grün regiert, die Koalition wird wohl fortgesetzt. Die Hansestadt ist traditionell eine SPD-Hochburg. Seit 1945 stellen die Sozialdemokraten den Regierungschef.

Die Grünen sind ein bewährter Koalitionspartner für die SPD. Bei der Wahl 2011 traf die Öko-Partei dank Fukushima-Thematik auf breite Unterstützung in der Bevölkerung. In diesem Jahr fehlt ein solches Zug-Thema. Die Spitzenkandidatin Karoline Linnert hat es als derzeitige Finanzsenatorin im Pleiteland Bremen nicht leicht. Dennoch haben auch die Grünen an der Weser traditionell eine große Wählerschaft: Auch in bürgerlichen Vierteln erzielen sie Ergebnisse im zweistelligen Bereich.

Rot-grüne Koalition an einem Tisch: Linnert (l.) und Bürgermeister Böhrnsen (r.)
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Rot-grüne Koalition an einem Tisch: Linnert (l.) und Bürgermeister Böhrnsen (r.)

Interessant wird vor allem das Abschneiden der anderen Parteien. Wie schlägt sich diesmal die AfD? Was wird aus der CDU? Wie schlägt sich die FDP?

FDP setzt auf den Hamburg-Trend

Die Liberalen treten in Bremen mit der 29-jährigen Spitzenkandidatin Lencke Steiner an. Sie ist politisch noch recht unerfahren, macht aber mit netten Fotos und kleineren PR-Gags eine Menge Wirbel.

"In Bremen können wir beobachten, ob professionelles Politik-Marketing politische Substanz ersetzen kann", sagt der Bremer Politologe Lothar Probst.

FDP-Spitzenkandidatin Lencke Steiner: Wahlsieg durch Politik-Marketing?
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FDP-Spitzenkandidatin Lencke Steiner: Wahlsieg durch Politik-Marketing?

Die FDP setzt an der Weser auf die gleiche Magenta-Marketingstrategie wie in Hamburg: "Eine Frau als Spitzenkandidatin, gut in Szene gesetzt, ein bisschen frech und aufmüpfig, große Versprechen für eine neue Generation - dabei ist Steiner sogar parteilos", sagt Probst.

In Hamburg hat mit Katja Suding eine Frau zuletzt ein starkes Ergebnis für die FDP geholt. Ob der Plan auch in Bremen aufgeht, ist fraglich - trotz Umfragewerten über fünf Prozent. In der Hansestadt gibt es quasi keine Stammwählerschaft für die Liberalen. "Hinter Lencke Steiner steht eine schwache Partei, die in den letzten Jahren in der Landespolitik keine Rolle gespielt hat", so Probst.

Motschmann soll CDU nach vorne bringen

Auch die CDU kämpft um den Wiederaufstieg. An ihrer Spitze steht die Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motschmann. Eigentlich kann es nur besser werden nach dem schwachen Wahlergebnis von 2011, als die CDU nur noch drittstärkste Partei hinter den Grünen war.

CDU-Spitzenkandidatin Elisabeth Motschmann: Will mindestens 25 Prozent schaffen
imago/ Eckhard Stengel

CDU-Spitzenkandidatin Elisabeth Motschmann: Will mindestens 25 Prozent schaffen

Motschmann soll es nun richten - keine leichte Aufgabe. Die 62-Jährige gilt als konservativ. Sie hofft ganz offen auf Wähler, die sonst eher bei der Alternative für Deutschland (AfD) ihr Kreuzchen machen würden. Aber sie will auch die Großstadtwähler abholen mit jugendlichen Themen, wie kostenlosem WLAN in Bus und Bahn. "Es ist schwierig für Frau Motschmann, in beide Richtungen so viel Profil zu entwickeln, dass es für die CDU gewinnbringend ist", erklärt Probst.

Motschmann war die Kompromisskandidatin, die sich für den Bremer Wahlkampf geopfert hat, denn keiner wollte für die CDU antreten. "Sie hat sich aber gerne geopfert", meint Probst. "Sie versucht, etwas zu reißen, aber sie steht auf verlorenem Posten."

25 Prozent wolle sie mindestens schaffen, sagte sie der Bremer Tageszeitung "Weser-Kurier" im Interview. "Sehr ambitioniert", findet der Parteienforscher. Ein Wahl-Debakel wie in Hamburg müsse sie jedoch nicht befürchten. In den Umfragen liegt die CDU derzeit bei 22 Prozent - immerhin wieder vor den Grünen.

Zwei Parteien am rechten Rand

Am rechten Rand drängen sich gleich zwei Parteien: Die AfD spekuliert auch in Bremen auf Wähler, denen die CDU nicht konservativ genug ist. Ihr gelang bisher der Einzug ins Europaparlament und in vier Landesparlamente.

Allerdings hat das Image der Partei durch die internen Streitigkeiten und Rücktritte in jüngster Vergangenheit gelitten.

Außerdem tritt ein harter Konkurrent mit einem ähnlichen Programm an: Die "Bürger in Wut" (BiW) sitzen schon jetzt im Landtag. Insbesondere in Bremerhaven hat die Partei ihre Stammwähler.

Droht jetzt die geballte Gefahr von rechts? Wohl kaum, sagt Politologe Probst. "Eher werden sich die beiden Parteien wechselseitig kannibalisieren", sagt Probst. Ihre Wähler seien nahezu dieselben, die beiden Parteien werden sich wahrscheinlich gegenseitig die Stimmen wegnehmen.



insgesamt 11 Beiträge
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friedrich_eckard 10.05.2015
1.
Die LINKE, die Aussicht hat, den Erfolg von Hamburg zu wiederholen, wenn nicht zu übertreffen, und ein Rekordergebnis für die Länder der alten Bundesrepblik, das Saarland ausgenommen, zu erreichen, wird als einzige Partei in einem Text mit keinem Wort erwähnt, der sich dafür ausführlich mit der FDP - falls noch jemand weiss, wer oder was das war - den Teebeutelz und der lokalen Erscheinung BIW, als welche an oder unter der %-Grenze herumkrebsen werden, befasst: Meinungsmache durch Verschweigen. Unsereins hat sich zwar längst abgewöhnt, sich über so etwas noch zu empören, aber aufgespiesst und festgenagelt soll dieser ungewöhnlich grobschlächtige Fall denn doch werden.
wo_st 10.05.2015
2. Steuerverschwendung
Wir zahlen für diesen Ministaat Steuergelder, damit einige Pöstchen haben. Bananenrepublik lässt grüßen.
internetkobold 10.05.2015
3. Sind die FDP-Wähler alle blöd?
Angesichts des sich abzeichnenden Wahlerfolgs der FDP werden deren Wähler vorsorglich schon mal allesamt für blöd erklärt. Die würden doch nur wegen irgendeinem Merketing-Gag und den blonden Haaren und blauen Augen von Frau Steiner die FDP wählen, wird im obigen Artikel unterstellt. Sind die Wähler wirklich so dumm? Dann könnten sie ja auch gleich die Satirepartei "Die Partei" wegen der lustigen Wahlplakate wählen. Tatsächlich aber hat Frau Steiner mit klassischen liberalen Themen - Förderung von Start-ups, Entbürokratisierung, Bildung als Mittel zum sozialen Aufstieg - Wahlkampf gemacht, womit ihr gelungen ist, die liberale Wählerschaft zu mobilisieren, die es durchaus auch in Bremen gibt.
Pandora0611 10.05.2015
4. Bremen ist arm
Es lebt nur dank LFA. Seit 70 Jahren regieren dort die Sozialisten (SPD). Die Ergebnisse sieht man. Früher war Bremen einmal eine reiche Hansestadt. Heute ist sie die ärmste Stadt Deutschlands.
Badischer Revoluzzer 10.05.2015
5. Es sind Wahlen.
Dieses mal in Bremen. Das ist demokratisch und schön. Aber was ist das in Wirklich, eine Wahl in Deutschland. Ich kann die Antwort geben: Es ist eine Bestätigung oder Neuverteilung der Inkompetenz und der Korruption. Wer möchte hier widersprechen?
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