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Warnung des Verfassungsschutzes: Salafisten wollen Flüchtlinge rekrutieren

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Pierre Vogel: Einer der einflussreichsten Salafisten-Hetzer in Deutschland

Kommen mit den Flüchtlingen auch Terroristen nach Deutschland? Eher unwahrscheinlich, glauben die Sicherheitsbehörden. Allerdings könnten Salafisten versuchen, unter den Verzweifelten neue Anhänger zu werben.

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Pierre Vogel war früher Boxer, Halbschwergewicht. Es heißt, er habe viel besser als andere sehen können: Wann muss ich zuschlagen, wann die Deckung wieder hochnehmen?

Heute ist Vogel einer der lautesten und einflussreichsten Salafisten-Hetzer in Deutschland. Er spielt jetzt geschickt mit den Gefühlen junger Menschen, und er weiß immer noch sehr genau, wann er zuschlagen muss.

So wie jetzt, in der Flüchtlingskrise, in der ein ganzer Kontinent mit der gewaltigen Herausforderung Zehntausender Verzweifelter ringt. Pierre Vogel will das für seine Zwecke nutzen. Wiederholt hat er seine Gesinnungsgenossen inzwischen aufgefordert, vor Flüchtlingsheimen zu missionieren, Geschenke zu bringen, über Religion zu plaudern. Auf diese Weise sollen nach Einschätzung von Experten neue Extremisten herangezogen werden.

"Erhebliches Rekrutierungspotenzial"

Die Sicherheitsbehörden beobachten diese Unternehmungen. "Es bereitet uns große Sorge, dass Islamisten in Deutschland unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe versuchen, die Situation der Flüchtlinge gezielt für ihre Zwecke zu missbrauchen", sagt der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV), Hans-Georg Maaßen. Er spricht von einem "erheblichen Rekrutierungspotenzial". Vor allem jugendliche Flüchtlinge, die allein nach Deutschland gekommen seien, "könnten eine leichte Beute für Islamisten sein".

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen: "Erhebliches Rekrutierungspotenzial" Zur Großansicht
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Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen: "Erhebliches Rekrutierungspotenzial"

Wie das nordrhein-westfälische Innenministerium mitteilte, haben Salafisten in einigen Einzelfällen bereits Kontakt mit Flüchtlingen aufzunehmen versucht. "Eine breit angelegte Strategie ist jedoch bislang nicht erkennbar", so ein Beamter. Dennoch werde das Landesamt für Verfassungsschutz die Mitarbeiter von Flüchtlingsunterkünften entsprechend sensibilisieren. Derartige Vorfälle sollten künftig gemeldet werden. Dass Islamisten versuchten, Suchende, Strauchelnde, Verirrte anzusprechen, sei aber nicht ungewöhnlich, so der Beamte.

"Die Warnungen, dass Islamisten gezielt in Flüchtlingsunterkünften für den Dschihad werben, häufen sich. Besonders junge, unbegleitete Flüchtlinge sind im Visier", sagt die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU). "Damit werben diese Personen gezielt für ein Klima des Hasses, der Intoleranz und der Gewalt." Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) müsse hier endlich aktiv werden und die Werbung für kriminelle und terroristische Vereinigungen unter Strafe stellen. "Seit Jahren liegen ihm entsprechende Vorschläge der Länder auf den Tisch", so Kühne-Hörmann.

Nach Angaben des BfV hat sich die Zahl der Salafisten in Deutschland erneut erhöht. Die Verfassungsschützer rechnen der Szene nun 7900 Personen zu. Zum Vergleich: 2011 waren es lediglich 3800. Das Milieu gilt mit seiner radikalen Auslegung des Islam als "Nährboden für den Dschihad", wie Maaßen vor einiger Zeit sagte. "Salafisten wollen auch in Deutschland einen islamischen Staat errichten. Ihre Hochburgen sind nach wie vor in Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hessen."

Terroristen unter Flüchtlingen

Dass mit den Flüchtlingstrecks auch Terroristen nach Deutschland gelangen könnten, halten die Sicherheitsbehörden zwar für denkbar, aber nicht für besonders wahrscheinlich. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen prüft die Polizei trotzdem etwa 60 Verdachtsfälle, in denen Kämpfer oder Gesinnungsgenossen des "Islamischen Staats" (IS) in die Bundesrepublik eingereist sein sollen. Einzelne Ermittlungsverfahren sind bereits öffentlich geworden.

Es gebe zwar immer wieder Hinweise, so BfV-Präsident Maaßen, aber bisher "keine belastbaren Erkenntnisse", dass "dschihadistische Gruppierungen die Flüchtlingsströme zielgerichtet zur Infiltration des Bundesgebiets" genutzt hätten.

Dem steht nämlich entgegen, dass der IS zum einen über genügend Geld verfügt, um potenziellen Attentätern ein Flugticket nach Deutschland zu bezahlen. Auch falsche Ausweise und Papiere stellen die Organisation nicht vor besondere Probleme. Hinzu kommt, dass es genügend Deutsche gibt, die sich freiwillig der Terrorgruppe angeschlossen haben - und die sich mit einem tödlichen Auftrag auch zurück in ihre Heimat schicken ließen.

120 Dschihadisten aus Deutschland gestorben

Tatsächlich hat sich die Zahl der vermeintlichen Gotteskrieger, die aus Deutschland in das Krisengebiet Syrien und Irak gezogen sind, erneut erhöht. Das BfV geht inzwischen von mehr als 740 ausgereisten Dschihadisten aus, die meisten sind jünger als 30 Jahre, etwa ein Fünftel von ihnen sind Frauen.

Über derzeit etwa 70 Personen liegen den Nachrichtendiensten Hinweise vor, dass diese an Kampfhandlungen beteiligt waren. Der Großteil der deutschen IS-Mitglieder wird demnach mit anderen Aufgaben betraut und etwa für Wach- und Transportdienste eingesetzt oder in der Propagandaabteilung verwendet.

Ein Drittel der Dschihadisten ist mittlerweile nach Deutschland zurückgekehrt. Rund 120 Islamisten aus der Bundesrepublik sind nach offiziellen Angaben in dem Krisengebiet gestorben. Damit hat sich die Zahl der Toten in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt.


Zusammengefasst: Die Zahl der Menschen, die aus Krisen- und Kriegsgebieten nach Deutschland fliehen, wächst weiter. Der Verfassungsschutz ist daher alarmiert: Salafisten könnten versuchen, junge Flüchtlinge gezielt anzuwerben. Allerdings halten die Sicherheitsbehörden es für eher unwahrscheinlich, dass mit den Flüchtlingstrecks auch Terroristen nach Deutschland gelangen könnten.

Zum Autor

Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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