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Bundesgerichtshof-Urteil: Konservative wollen Gen-Selektion von Embryonen verbieten

Wie weit dürfen Krankheitsprävention und genetische Selektion gehen? Der Bundesgerichtshof hat die umstrittene Präimplantationsdiagnostik für legal erklärt - prominente Unionspolitiker dringen jetzt im SPIEGEL auf ein Testverbot bei Embryonen.

Streit um Gentests: Grundsatzurteil schafft Rechtssicherheit Fotos
DPA

Berlin - In der Union mehren sich die Stimmen für ein schnelles Verbot von Gentests an Embryonen. Angeheizt wurde die seit Jahren geführte Diskussion durch das überraschende Urteil des 5. Strafsenats des Bundesgerichtshofs am 6. Juli: Er hat entschieden, dass genetische Voruntersuchungen zur Erkennung von Gendefekten bei Embryonen in Deutschland erlaubt sind. Mediziner nahmen dies mit Zustimmung auf. In den Unionsparteien hingegen mehren sich nun die Forderungen nach einem gesetzlichen Verbot.

"Wir brauchen rasch eine Gesetzesänderung, um klarzustellen, dass die Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht zur Selektion führt", sagt der bayerische Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) dem SPIEGEL. Er habe Verständnis für betroffene Eltern, doch sei es nicht akzeptabel, dass durch PID Embryonen zerstört würden.

Präimplantationsdiagnostik ist ein Verfahren, das nur bei der sogenannten In-vitro-Befruchtung angewandt wird: Es geht um die Untersuchung von Embryonen in einem frühen Stadium, die aus einer Befruchtung außerhalb des Körpers hervorgegangen sind. Dabei werden in der Regel mehrere Eizellen befruchtet und ihre Entwicklung bis zum dritten Tag beobachtet. Ab der ersten Zellteilung gelten sie als Embryonen. Die PID-Probe wird entnommen, wenn vier bis acht Zellen erreicht wurden, die entnommene Zelle - eine embryonale Stammzelle, aus der sich im weiteren Verlauf der Entwicklung potentiell jede Art der Körperzelle entwickeln könnte - stirbt dabei.

Das umstrittene Diagnoseverfahren prüft die Embryonen auf das Vorliegen von Erbkrankheiten oder Gendefekten, die dazu führen könnten, dass die Lebenschancen eines Fötus und später Kindes möglicherweise beeinträchtigt werden. Kritiker sehen darin ein Selektionsverfahren, das auf eine genetische Optimierung des Nachwuchses hinauslaufe und auf eine Diskriminierung von Behinderungen. Eine ebenfalls verbreitete Kritik ist ethisch-religiös motiviert: Markus Söder steht mit dem Standpunkt nicht allein, der generell das Recht abspricht, über embryonales menschliches Leben in dieser Form zu verfügen.

Der nächste Koalitionsstreit?

Mit seiner Forderung nach einem gesetzlichen Verbot wendet er sich gegen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und den Kurs ihrer FDP, die es Frauenärzten unter Berufung auf das Bundesgerichtshof-Urteil ab sofort erlauben will, die sogenannte PID anzuwenden. Das Verfahren beinhalte zwangsläufig, dass menschliche Embryonen nach genetischen Kriterien ausgewählt würden, kritisiert Söder. "Das geht an den Kern unseres christlichen Weltbilds. Deshalb gibt es keine Kompromisse", sagt der CSU-Politiker im SPIEGEL.

Auch die Staatsministerin im Kanzleramt, Maria Böhmer (CDU), fordert ein schnelles PID-Verbot: "Es darf keine Selektion zwischen behinderten und nicht-behinderten Leben geben", sagt Böhmer. Eine Grenzziehung, wo die Auswahl von Merkmalen aufhöre, sei nicht möglich, sobald die PID einmal praktiziert werden dürfe. Dahinter steht bei Kritikern die Befürchtung, dass PID nicht nur zur Vermeidung negativer Eigenschaften eingesetzt werden könnte, sondern auch zur Optimierung gewünschter Attribute - eine Zuchtauswahl, wenn man es negativ sagen will.

Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) will nach SPIEGEL-Informationen Anfang September bei einer Klausur über ein PID-Verbot beraten. Die Ablehnung der PID wird allerdings nicht überall in CDU und CSU geteilt. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hält es noch für zu früh, um über eine mögliche Gesetzesänderung zu reden. Schavan will den Deutschen Ethikrat damit beauftragen, das Urteil der BGH-Richter zu bewerten und Konsequenzen für den Gesetzgeber darzulegen. Man müsse in der Bioethik "dem Rechnung tragen, wozu uns Embryonenschutzgesetz und Grundgesetz verpflichten".

PID kann Leben retten und individuelle Chancen verbessern

In seinem Urteil vom Dienstag hatte der Bundesgerichtshof festgestellt, dass sich aus dem Embryonenschutzgesetz ableiten lasse, dass Embryonen auf schwere genetische Defekte getestet werden dürfen, bevor sie der Mutter eingepflanzt werden. In-vitro-Befruchtungen sind immer ein Auswahlprozess - befruchtet werden stets eine Reihe von Eizellen, aus denen sich mit 50- bis 70-prozentiger Wahrscheinlichkeit Embryonen entwickeln. In der Regel werden jeweils zwei davon eingepflanzt, überzählige Embryonen werden in Deutschland gelagert. Sie können, wo dies legal ist, allerdings auch zur Gewinnung embryonaler Stammzellen dienen.

Befürworter der PID verweisen auf die unbestrittenen Erfolge. Im Januar 2009 wurde in Großbritannien ein Mädchen geboren, das die Ärzte bewusst aus einer Reihe von In-vitro-Befruchtungen ausgewählt hatten, weil ihm ein Gen fehlte, das mit einer stark erhöhten Wahrscheinlichkeit verbunden war, im späteren Leben Brustkrebs zu entwickeln.

In Spanien gelang im März 2009 die Heilung eines schwer blutkranken Kleinkinds mit Hilfe von aus der Nabelschnur seines Bruders entnommenen Stammzellen. Der Bruder war mit Hilfe des PID-Verfahrens nicht nur selbst vor der Blutkrankheit bewahrt worden, sondern auch ausgewählt worden, weil seine Nabelschnur-Stammzellen zur Heilung seines Bruders genutzt werden konnten. Der Fall sorgte in Spanien für hitzige Debatten und scharfe Proteste der katholischen Kirche: Die genetische Selektion von Embryonen sei kein wissenschaftlicher Fortschritt, sondern entwürdige den Menschen, weil dieser nur noch nach seinem Nutzwert beurteilt werde, erklärte die Bischofskonferenz damals.

pat

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1. ...
DerMicha, 10.07.2010
Sorry, aber wenn man genetische Selektion gutheißt, kann man nicht alle Tassen im Schrank haben. Von mir daher volle Unterstützung der Gegner.
2. Ach die unheilige Allianz
diefreiheitdermeinung 10.07.2010
von Kirche, Genmanipulationsfeinden unter den Gruenen etc. bringt so manche Bluete hervor. z.B. diese: ". Der Fall sorgte in Spanien für hitzige Debatten und scharfe Proteste der katholischen Kirche: Die genetische Selektion von Embryonen sei kein wissenschaftlicher Fortschritt, sondern entwürdige den Menschen, weil dieser nur noch nach seinem Nutzwert beurteilt werde, erklärte die Bischofskonferenz damals." Ich war gerade in einem Land der Dritten Welt in dem die kath. Kirche bestimmenden Einfluss hat. Dort wird Empfaengnisverhuetung mit Mord am ungeborenen Kind gleichgesetzt. Ja, man kann es kaum glauben welche wissenschaftliche Kompetenz die Kirche in solchen Weltgegenden an den Tag legt. Nun wuerde man meinen, zumindest in solchen Laendern wuerde sich die Kirche konsequenterweise auch um das z.T. ungewollte menschliche Leben in intensiver Weise kuemmern. z.B. verhindern, dass diese Menschen (und dazu gehoeren auch stark geistig und koerperlich Behinderte) eine Ausbildung und ein menschenwuerdiges Leben erhalten. Mitnichten: ein grosser Teil des Schulapparats hat kirchliche Traeger d.h. sind Privatschulen und diese haben die hoechsten Schulgebuehren im Land. Von Freiplaetzen fuer Arme oder Behinderte habe ich nicht gehoert. Es mag sie geben. Vielleicht. Un die Prister, die sich persoenlich oder im Auftrag der Kirche um die Strassenkinder kuemmern sind mehr als duenn gesaet. Nein, es gehoert leider zum Pharisaertum der staatlich gestuetzten Amtslkirchen erstmal Alles abzulehnen was den Status quo erschuettern wuerde um dann aber im Nichtstun zu verharren oder schlimmer noch, wie durch die Skandale der letzten Jahre aufgedeckt, die Kinder in Institutionen unterzubringen in denen ihnen alles Andere als ein wuerdevolles Leben bluehen kann. Und die Union in Deutschland laesst es zu sich zum Buettel der Kirche zu machen. Einfach nur abstossend.
3.
Ilu, 10.07.2010
Zitat von DerMichaSorry, aber wenn man genetische Selektion gutheißt, kann man nicht alle Tassen im Schrank haben. Von mir daher volle Unterstützung der Gegner.
Wenn Sie die Wahl zwischen einem eigenen Kind haben, das an Mukoviszidose erkranken wird oder einem Kind, das in dieser Hinsicht gesund sein wird, für welches werden Sie sich entscheiden ? Und um eins klarzustellen: Ich halte es für grauenvoll und unverantwortlich gegenüber dem Kind, wenn Eltern es absichtlich mit einer schweren Behinderung zur Welt bringen, weil Sie ethische Bedenken haben !
4. Die Hinterwäldler in der Union
derweise 10.07.2010
Die Hinterwäldler in der Union sollten vorher erst einmal nachdenken, was sie da wollen.
5. Chancengleichheit durch Gentechnik
Sponator 10.07.2010
Zitat von DerMichaSorry, aber wenn man genetische Selektion gutheißt, kann man nicht alle Tassen im Schrank haben. Von mir daher volle Unterstützung der Gegner.
Erzählen Sie das jemandem, der selbst von einer Erbkrankheit betroffen ist oder ein Kind hat, das an einem Gendefekt leidet. Wem etwas an wahrer Chancengleichheit liegt, darf auch nicht vor der Tatsache die Augen verschließen, dass unser Leben auch maßgeblich von unseren Genen - negativ wie positiv - beeinflußt wird. Und Embryonenselektion ist natürlich auch soviel unethischer als (Spät-) Abtreibungen...
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Präimplantationsdiagnostik (PID)
Worum geht es?
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Bei dem Verfahren werden einem im Reagenzglas entstandenen Embryo ein bis zwei Zellen entnommen. Es geht darum, deren Erbgut zu untersuchen. Ziel ist es, unter anderem Krankheiten aufzudecken, die auf zu viele oder zu wenige Chromosomen zurückgehen. Beim Down-Syndrom ist beispielsweise das Chromosom 21 dreimal vorhanden. Möglich sind auch Untersuchungen auf einzelne veränderte Gene, die beispielsweise für Muskelschwund, Lungen- und Stoffwechselkrankheiten oder die Bluterkrankheit verantwortlich sind.
Verfahren 1: Diagnose im Blastomerenstadium
Bei dieser am häufigsten angewendeten Untersuchung werden dem Embryo am dritten Tag nach der Befruchtung im Reagenzglas ein oder zwei Zellen zur Untersuchung entnommen. Der Embryo befindet sich zu diesem Zeitpunkt im sogenannten Blastomerenstadium. Das heißt, seine vier bis acht Zellen gelten als totipotent - jede einzelne könnte sich in der Gebärmutter noch zu einem vollständigen Organismus entwickeln. Totipotente Zellen sind nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz einem Embryo gleichgestellt.
Verfahren 2: Diagnose im Blastozystenstadium
Auch zu einem späteren Zeitpunkt ist im Prinzip noch eine PID möglich, zum Beispiel im sogenannten Blastozystenstadium. Dann besteht der Embryo aus etwa 50-200 Zellen. Die Zellen der sogenannten inneren Zellenmasse gelten als pluripotent, das heißt aus ihnen können sich noch verschiedene Gewebe entwickeln. Die Diagnose im Blastozystenstadium hatte der Berliner Arzt angewendet, dessen Fall vor dem BGH verhandelt wurde.
Alternative: Polkörperdiagnostik
Bei diesem Verfahren wird nur die Eizelle untersucht - und zwar vor Abschluss der Befruchtung. Im Blick stehen die Polkörper, die beim Reifen der Eizelle entstehen. Sie enthalten einen Satz des mütterlichen Erbgutes. Damit lassen sich zumindest die mütterlichen Erbanlagen der Eizelle indirekt auf Chromosomen-Fehlverteilungen überprüfen. Väterliche Vorerkrankungen können so hingegen nicht untersucht werden. Weil bei dieser Methode kein Embryo manipuliert wird, steht sie nicht im Widerspruch zum Embryonenschutzgesetz.


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