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Start-up-Offensive: Merkel erforscht das Zauberpulver

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Angela Merkel hat keine Berührungsängste mit der digitalen Zukunft. Das jedenfalls sollte ein Besuch bei zwei Berliner Start-ups zeigen. Mit wissenschaftlicher Akribie fragte sich die Kanzlerin durch kita-bunte Wellness-Büros - und wunderte sich mitunter sehr.

Berlin - Nach zwei Stunden im digitalen Wunderland, in dem die Branche boomt und sich "Feelgood-Manager" um das Wohlergehen der Mitarbeiter kümmern, fällt erstmals zaghafte Kritik. Holly aus Kalifornien sitzt der Kanzlerin gegenüber. Die junge Frau mit der trendigen Undercut-Frisur arbeitet bei Wooga, Europas größtem Spielesoftware-Entwickler. Sie soll Merkel erklären, was es für "Barrieren" gibt, für junge Internet-Unternehmen wie ihres. "Barriers", Holly rutschte das Wort in einem Nebensatz raus, doch Angela Merkel hakt ein: "Was für Barrieren meinen Sie?"

Also erzählt Holly. Sie sei eigentlich Musikerin, in Berlin gestrandet, nur zum Urlaubmachen, doch dann blieb sie, weil die Stadt so anziehend sei. Dann kam der Job bei Wooga - und der Bürokratiehorror. Auf dem Bezirksamt "hat man Glück, wenn jemand Englisch spricht", die notwendigen Formulare gab es auch nicht in der Weltsprache. "Wir wollen kein Geld von Ihnen, aber wir wollen eine andere Willkommenskultur", bekräftigt Jens Begemann, Mitgründer von Wooga.

Die Kanzlerin denkt kurz nach. Die Sache mit den Ämtern, "haben Sie darüber schon einmal mit dem Regierenden Bürgermeister gesprochen?" Ja, habe man. Begemann sagt: "Aber alles, was Sie dafür tun, dass sich in Deutschland eine andere Willkommenskultur entwickelt wird, hilft der Branche wirklich." Merkel nickt.

Das "etwas tun" besteht für die Kanzlerin zunächst einmal aus einem Hausbesuch. Am Donnerstag, gegen Ende der Cebit-Woche, schaute sich Merkel zwei junge Vorzeige-Start-ups in Berlin an, eines davon Wooga. Sechs Millionen Menschen in Deutschland zerstreuen sich monatlich mit Spielen wie "Brain Buddies", "Pocket Village", "Bubble Island". Merkels Visite in der Loftetage am Prenzlauer Berg ist eine Win-Win-Situation: Die Start-ups kriegen Publicity, die Kanzlerin kann demonstrieren, dass sie keine Berührungsängste mit der digitalen Zukunft hat. Das gelingt nicht immer so ganz. Als man ihr den Verkaufsschlager "Diamond Dash" präsentiert, beobachtet sie das Geflimmer auf dem Touchscreen. Spielen will sie "Diamond Dash" nicht.

"Dafür geben Menschen Geld aus?"

Ohnehin kann man sich kaum vorstellen, dass sich Merkel Social Games auf ihr neues Hightech-Smartphone herunterlädt. Es ist eine fremde Welt, in die sie sich begibt, aber sie scheint ernsthaft interessiert und fragt sich mit wissenschaftlicher Akribie durch das kita-bunte Loft. "Wer kümmert sich um die Arbeitsverträge?", "Wie viele können das spielen?", "Wie heißen diese Figuren hier?", "Was haben Sie studiert?" Und wie halte man es mit den Zeitvorgaben? "Wir geben eher Qualitätsvorgaben", sagt die Projektmanagerin. "Das Spiel muss am Ende einfach super aussehen."

Als der Wooga-Chef Merkel erklärt, wie man mit Premiumversionen Geld verdient, will die Kanzlerin mehr wissen: Was genau der Vorteil sei, wenn sich der Spieler ein paar Features kauft. Begemann erklärt geduldig, dass man damit zum Beispiel schneller an Zauberpulver kommt, was wiederum hilft, den Gegner zu besiegen. Zauberpulver. "Dafür geben die Menschen Geld aus?", fragt die Kanzlerin. Tun sie. Das Unternehmen ist profitabel, stellt jede Woche zwei neue Leute ein.

Heimischer scheint sie sich beim Start-up Research Gate zu fühlen, einem sozialen Netzwerk für Wissenschaftler und Forscher. 2,6 Millionen Mitglieder tauschen und diskutieren hier Formeln, Laborergebnisse, Experimente, Ideen. Der Game Floor, auf dem die hundert Mitarbeiter sonst Airhockey und Playstation spielen, wurde für den hohen Besuch ausgeräumt. Doch Merkel will für lockere Stimmung sorgen. "Müssen die zu sein?" fragt sie verwundert beim Betreten des stickigen Großraumbüros - gemeint sind die heruntergezogenen Jalousien. Vorsichtiges Kopfschütteln. Sicherheitsgründe. "Also von mir aus können Sie die wieder aufmachen", sagt Merkel. Einen der Investoren fragt sie forsch, ob er "sein eigenes Geld oder das Ihrer Eltern" in das Start-up gesteckt habe.

Schönen neuen Traum nicht stören

Merkels Gastgeber ist Mitgründer Ijad Madisch, graue Beanie-Mütze, Nike-Pullover, Geekbrille. Der Harvard-Stipendiat hat seine besten Geschichten vorbereitet, um Merkel zu beeindrucken. Stolz erzählt er etwa von Rick, dem philippinischen Studenten, der einen Biokraftstoff entwickelte und über Research Gate einen Käufer aus Spanien fand. Es sind ausschließlich Erfolgsstorys, die hier präsentiert werden. Alles andere würde den schönen neuen Traum stören.

Ob sich nach Merkels Besuch Maßgebliches ändert, bleibt abzuwarten. Die Bundesregierung verspricht schon lange bessere Bedingungen für junge Internetunternehmen. Auf der Cebit warb Merkel gerade für eine neue "Gründungskultur", Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) cruiste neulich durchs Silicon Valley. Von einem Welthit wie Apple, Ebay oder Facebook ist Deutschland aber weit entfernt. Merkel traf sich bereits im vorigen Jahr mit einer Gruppe von Internet-Gründern und Investoren, um sich beraten zu lassen. Geschehen ist seitdem wenig: Die Branche klagt über Fachkräftemangel, schleppenden Breitbandausbau - und eben die legendäre deutsche Bürokratie, die es jungen Kreativen schwer macht, sich nicht nur mit Papierkram zu beschäftigen.

Bei Versprechen bleibt die Kanzlerin vage, es geht noch nicht um die Zukunft des IT-Standorts Deutschland. Erst einmal geht es ums Grundverständnis, auch für eine andere Arbeitskultur. Lieferservice für alle Mitarbeiter und besagte "Feelgood-Manager", die die Belegschaft mit Yoga, Basketball und Sprachkursen bei Laune halten. Während Merkel, die man privat mit Wanderurlaub und Pflaumenkuchen verbindet, all das hört, sieht man ihr an, dass sie mit manchem davon fremdelt.

Als die Kanzlerin geht, sind trotzdem alle happy, dass sie da war. Wooga-Chef Begemann schwärmt später, wie froh er und seine Mitarbeiter über Merkels Besuch sind. Dennoch - die Visite der Kanzlerin sei für ihn "nicht der wichtigste Termin in dieser Woche" gewesen. Nein, der war am Dienstag. Da hat Wooga sein neuestes Spiel rausgebracht.

Mitarbeit: Christian Stöcker

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1. Existenzängste....
flüchtig 07.03.2013
...wurden wohl auch nie gelebt. Irgendwie alles ein bisschen sehr abgehoben!
2. Das Zauberpulver
puma. 07.03.2013
Dafür gibt jemand Geld aus? Da musste ich echt schmunzeln. Weil es wirklich absurd klingt, aber im Spielekontext normal ist. Englische Formulare wären gut, aber viele Begriffe ergeben auf Englisch keinen Sinn oder existieren nicht. Da müsste man schon die deutsche Version vereinfachen.
3. Wo leben Sie denn?
olle kalle 07.03.2013
In der Bildunterschrift "Die niedrigen Lebenshaltungskosten ziehen Kreative an" ist Ihnen ein Fehler unterlaufen: zogen. Die Lebenshaltungskosten sind schon lange nicht mehr niedrig. Auch wenn man uns das gerne immer wieder herunter betet - es ist nicht mehr als eine billige Lüge.
4. Mal abgesehen davon, dass
tharimar 07.03.2013
Englisch Weltsprache ist und ohne diese nicht sehr weit kommt, aber ---Zitat--- Dann kam der Job bei "Wooga" - und der Bürokratiehorror. Auf dem Bezirksamt "hat man Glück, wenn jemand Englisch spricht", die notwendigen Formulare gab es auch nicht in der Weltsprache. "Wir wollen kein Geld von Ihnen, aber wir wollen eine andere Willkommenskultur", bekräftigt Jens Begemann, Mitgründer von "Wooga". ---Zitatende--- hat schon mal jemand in New York, London, Paris oder Madrid jemand auf einem "Amt" gefunden, der deutsch spricht oder Formulare auf deutsch existieren? Wenn ich als Deutsch-Muttersprachler im Ausland etwas möchte, bemühe ich mich, dies in der jeweiligen Landes- bzw. Amtsssprache zu tun. Dies erwartet man eigentlich auch und das kann man meiner Meinung nach erwarten. Warum ist das im umgekehrten Fall nicht auch selbstverständlich?
5. Merkels Frage
thanks-top-info 08.03.2013
gut geschrieben, danke! es sieht im Artikel angedeutet so aus, als wundert sich Merkel, warum Leute für solche Spiele Geld ausgeben. Beim genaueren hinsehen aber scheint sie sich zu wundern, das jemand in einem Spiel mit festgelegten Regeln Geld für Zauberpulver ausgeben, um sich einen Vorteil zu erkaufen. Und diese Frage der Moral ist berechtigt! Wo ist der Spaß bei einem Online Spiel, bei dem man Bares Schummeln kann, bis sich die Balken biegen? "Leute zahlen, um bei Onlinespielen zu Schummeln", fragt sie
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Merkel auf Messe-Rundgang: Kanzlerin looking at Cebit-things


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