Gefügige Journalisten BND manipulierte Berichterstattung im "Prager Frühling"

Als 1968 sowjetische Panzer den "Prager Frühling" niederwalzten, wurde der BND von den Ereignissen überrascht. Der Geheimdienst sorgte nach SPIEGEL-Informationen dafür, dass die Presse das Versagen verschwieg.

"Prager Frühling" 1968
REUTERS

"Prager Frühling" 1968


Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat in den Sechzigerjahren die Berichterstattung in Zeitungen bewusst beeinflusst. Das geht aus BND-Unterlagen zum "Prager Frühling" 1968 hervor, die Pullach veröffentlicht hat. Der SPIEGEL hat die Dokumente ausgewertet. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

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Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Sowjetische Truppen waren seinerzeit in die Tschechoslowakei einmarschiert und hatten die Reformer um den Chef der Kommunistischen Partei, Alexander Dubcek, gestürzt. Der BND verbreitete anschließend, er habe die Ereignisse treffend analysiert, was nicht stimmte.

Geheimdienstakten belegen, dass die größte Militäroperation in Europa nach 1945 den Westen nicht nur völlig unvorbereitet traf: Der BND glaubte 1968 auch, die ostdeutsche Nationale Volksarmee (NVA) habe sich an der brutalen Okkupation beteiligt - dabei hatte Leonid Breschnew dem nach Aufwertung drängenden DDR-Chef Walter Ulbricht den Wunsch nach Beteiligung abgeschlagen. Die vom BND im Raum Budweis angeblich gesichtete 11. motorisierte Schützendivision der NVA hockte in Wirklichkeit die ganze Zeit brav in der DDR.

BND hält Namen von Journalisten zurück

Doch viele Journalisten ließen sich nach Angaben des damaligen BND-Bereichs "Strategische Aufklärung", der für Pressekontakte zuständig war, auf einen Deal ein. So heißt es in einem Vermerk vom 28. August 1968: "Grundsätzlich hat sich in den letzten Tagen gezeigt, dass unsere PrSV (Pressesonderverbindungen - Red.) gegen Überlassung guter Informationen stets bereit sind, für unser Haus einzustehen." Zu den "positiven Stimmen" zählte der BND neben vielen Regionalblättern auch "Bild", "Welt" und "Frankfurter Allgemeine".

Der Bundesregierung gegenüber verschleierte der Dienst seine Aktivitäten mit den Medien. Bei einem Treffen mit Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) beteuerte BND-Chef Gerhard Wessel am 30. August 1968, Pullach habe die Presse "nicht beeinflusst" und erweckte sogar den Eindruck, die freundlichen Urteile der Zeitungen über den BND kämen ihm ungelegen.

Einige Passagen der veröffentlichten Dokumente sind geschwärzt. Vermutlich finden sich dort auch die Namen jener Journalisten, die als Meinungsmacher für Pullach tätig waren. Der BND hält aus grundsätzlichen Erwägungen Namen von Journalisten zurück, die für ihn arbeiteten. Der SPIEGEL und der Springer-Verlag haben vor Längerem dagegen geklagt. Eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts in Leipzig wird für November erwartet.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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insgesamt 63 Beiträge
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bert.vari 20.08.2016
1. Wie heute eben
nur das en nicht der Verfassungsschutz macht sondern von weiter oben kommt.
Ossifriese 20.08.2016
2. Desinformation
Soso, der BND betrieb über die Presse Falschinformation. Was daran nun neu sein soll, ist mir nicht ganz klar. Wer seinerzeit bereits in einem politisch aufgeklärten Umfeld gelebt hat, dem war dieser Umstand nicht nur klar, sondern auch Teil der deutschen Wirklichkeit. Aber vielleicht besteht die Meldung ja darin, dass nun endlich offen über die Desinformationstätigkeit des BND allgemeinen aufgeklärt werden soll. Vielleicht...
bigroyaleddi 20.08.2016
3. An diese Zeit erinnere ich mich bestens.
Und hängen geblieben ist bei mir auf jeden Fall, daß NVA tatsächlich in die CSSR eingefallen ist. Mein Weltbild bricht zwar nicht zusammen wenn das nicht so war, aber ein merkwürdiges Grummeln in meiner geschichtlichen Weltbetrachtung kann ich nicht verhehlen.
cmontaigne 20.08.2016
4. ...und heute...?
Und unter wie viel zurückgehaltenen oder verfälschten Informationen leiden wir heute? Ist das heute anders als damals? Oder werden die Informationen heute nur geschickter gefiltert?
hockeyversteher 20.08.2016
5. Heute heißt das eben ....
... nicht mehr "PrSV" sondern "Atlantik-Brücke" oder "Hintergrundgespräch" oder "Bilderberger-Konferenz". Es werden auch nicht mehr "gute Informationen" überlassen, sondern man wird mit ruhendem Arbeitsverhältnis bei der ARD Pressesprecher der Regierung oder bekommt einen ganzen Donnerstag-Abend im ZDF zur freien Gestaltung. Und am Ende stellt sich noch die Frage, welchen Nutzen hätte die Bundesdeutsche Gesellschaft des Jahres 68 gehabt, wenn sie davon erfahren hätte, dass ihr Auslandsgeheimdienst blind und taub war? Wussten die das nicht sowieso?
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