S.P.O.N. - Im Zweifel links Der Einmischer

Für reine Repräsentation ist sich Joachim Gauck zu schade. Dieser Bundespräsident würde am liebsten selbst Politik machen. In normalen Zeiten wäre Gauck eine Nervensäge. Aber in der Krise ist er ein Glücksfall für die Demokratie.

Eine Kolumne von

Bundespräsident Gauck: Das Korrektiv in der Krise
dapd

Bundespräsident Gauck: Das Korrektiv in der Krise


Der Bundespräsident - nie war er so wertvoll wie heute. Als es schlimm stand um das Schloss Bellevue, gab es die Idee, das Amt abzuschaffen. Weil sich Wulff, der Schnäppchenjäger, dort festgesetzt hatte. Die Leute fragten: Wofür brauchen wir eigentlich einen Präsidenten? Joachim Gauck hat nach hundert Tagen im Amt diese Frage beantwortet: Der Präsident ist das Korrektiv in der Krise. Kein Kanzler hatte das je nötiger als Angela Merkel. Und kein Präsident war je dafür geeigneter als Gauck. Die Kanzlerin wusste schon, warum sie diesen Präsidenten nicht wollte.

Wer Joachim Gauck kennenlernen möchte, muss sich das ZDF-Interview ansehen, das Bettina Schausten mit ihm geführt hat. Als sie eröffnet, dass die Bürger mit ihm zufrieden sind, lächelt er, und sein Lächeln bedeutet: Ich bin es auch. Man sieht gleich, Gaucks Eitelkeit ist durch die Beförderung an die Staatsspitze eher nicht geringer geworden. Aber er hat - und wir mit ihm - das paradoxe Glück, dass er sein Amt in der Krise angetreten hat. Denn dieses Amt ist für die Krise gemacht. Jetzt erwächst ihm seine eigentliche Bedeutung. Da kommt Gaucks Geltungsdrang wie gerufen.

Neulich hat Gauck die Unterschrift unter das ESM-Gesetz verzögert. Jetzt kommentiert er Merkels Euro-Politik mit dem entscheidenden Satz: "Sie hat nun die Verpflichtung, sehr detailliert zu beschreiben, was das bedeutet." Es ist keine Kleinigkeit, wenn das eine Verfassungsorgan so über ein anderes redet. Es ist eine Abmahnung, die der Bundespräsident da ausgesprochen hat, zugestellt über das Fernsehen, gerichtet an die Kanzlerin. In der schwersten Krise seit Bestehen der Bundesrepublik erklärt die Staatsführung zu wenig, was sie tut. Für die Demokratie kann das verheerende Folgen haben. Darum geht Gauck noch weiter: Er lobt die Kläger in Karlsruhe, die dort gegen den Fiskalpakt vorgehen, dafür, dass sie die notwendige Debatte bereichern und eine Leere füllen, die die Politik lässt.

Gauck verfolgt Sinn und Unsinn mit der gleichen Selbstverständlichkeit

Es ist jetzt wenig mehr als hundert Tage her, seit Gauck ins Amt kam. Keine lange Zeit. Aber schon hat man das Gefühl, es gab nie einen anderen als diesen Mann, der ein Präsidentengesicht hat wie aus Holz geschnitzt. Das liegt auch daran, dass Gauck Sinn und Unsinn mit der gleichen Selbstverständlichkeit und dem gleichen Selbstvertrauen verfolgt.

Unsäglich war ja sein Auftritt in der Führungsakademie der Bundeswehr, wo er sich in eine absonderliche protestantische Militärethik über Dienst und Pflicht hineinschwadronierte, was in der Feststellung gipfelte: "Dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glückssüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen." Das erinnerte an den Theologen Johannes Müller, den Gründer von Schloss Elmau, der 1915 geschrieben hat: "Glücklich werden war der Lebensnerv aller (...) Dann kam der Krieg und schlug mit eiserner Faust allem Glücksverlangen ins Gesicht (...) Nicht Glück ist der Sinn des Lebens, sondern Dienst und Opfer." Da tönte ein altdeutsch-protestantisches Denken nach, dem der angelsächsische "pursuit of happiness" seit jeher verdächtig ist. Und man dachte: Wenn sie ihm jetzt eine Kanone hinstellen, dann segnet er die auch.

Mindestens ebenso schmerzlich muss es aus Sicht der Grünen und der SPD, die ihn ja auf den Schild gehoben hatten, gewesen sein, als Gauck anfing, den einzig klugen Satz seines Vorgängers Wulff - der Islam gehöre zu Deutschland - wortreich zu relativieren. Aber kurz darauf hat Gauck hier immerhin gezeigt, dass er auch zuhören kann: Zu seiner Sprecherin machte er soeben die Journalistin Ferdos Forudastan.

Gauck versorgt den politischen Betrieb mit Vertrauen

Für Christian Wulff war der Präsidentenanzug erkennbar zu groß. Gauck dagegen füllt ihn locker aus. Ja, mehr als das: An den Schultern wird es schon eng. Im Gespräch mit der ZDF-Journalistin Schausten muss er sich und alle anderen an die Grenzen seiner Aufgabe erinnern: "Ich bin keine Ersatzregierung", sagt Gauck: "Wenn es bei der Regierung schiefgeht, kann die Bevölkerung vom Bundespräsidenten nicht erwarten, dass er es richtet." Man kann sich vorstellen, dass dieser Mann in normalen Zeiten eine Nervensäge wäre. Aber wir haben keine normalen Zeiten. Und wenn er jetzt an Merkels Nerven sägt, umso besser.

Sie hat sich daran gewöhnt, ihre Macht auf einer Politik des fortgesetzten Notstands zu gründen. Sie behandelt die Verfassung wie eine Frage der Auslegung und das Parlament als disponible Größe. Aber Joachim Gauck ist einer, der macht klar: Die Schwelle des Bellevue setzt Merkels Macht eine Grenze. Das ist ein wichtiges Symbol. Gauck versorgt den politischen Betrieb mit einer knapper werdenden Ressource: Vertrauen. Das Land hat jetzt ein Protestantenpaar an der Spitze. Gauck ist der strenge Vater. Und Merkel ist die listige Mutter. Von den Spannungen zwischen beiden kann die Demokratie profitieren.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 105 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sir wilfried 09.07.2012
1. Merkels Mann...
Zitat von sysopdapdFür reine Repräsentation ist sich Joachim Gauck zu schade. Dieser Bundespräsident würde am liebsten selbst Politik machen. In normalen Zeiten wäre Gauck eine Nervensäge. Aber in der Krise ist er ein Glücksfall für die Demokratie. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,843327,00.html
...der Präsident Wulf, gerade jetzt, wo es darum geht, die Verfassung endgültig auszuhebeln, hätte sie ihn an ihrer Seite gebraucht. Weshalb sie sich mit Händen und Füßen gegen Gauck wehrte, wird immer klarer.
leserin_45 09.07.2012
2. Leserin_45
Völlig überflüssiger Artikel mit keiner klaren Aussage.
CitizenTM 09.07.2012
3. Auch in der Krise kein Glücksfall...
Der GAUCKler ist nicht nur eine Nervensäge, er ist - ähnlich übrigens eines George Bush in dieser Hinsicht - davon überzeugt für wesentliche und wichtige Dinge auserwählt zu sein, ein eitler Prediger der in eine andere Kultur oder Religion geboren auch gefährlich sein könnte in seinem eitlen Sendungsbewusstsein.
Coroner 09.07.2012
4. Wie schlimm es um unser Land steht
erkennt man daran, dass nun selbst Herr Augstein seine Hoffnung auf Herrn Gauck setzt, einen alten schwadronierenden Pastor. Wir haben fertig.
CitizenTM 09.07.2012
5. Man muss nicht für Wulff gewesen sein...
... um den GAUCKler abzulehnen. Zwei unterschiedliche Interpretationen, aber gleich ekelig. Was will Frau Merkel beschreiben oder erklären. Niemand weiss, worauf wir uns einlassen und sie am wenigsten. Das sind allesamt Therapien in unerforschtem Terrain. Die einen glauben an Chemotherapie, die anderen an Homeopathie und die dritten an Meditation/Yoga. Ob der Patient überlebt weiss man erst hinterher. In Berlin geht es zu wie in einem Kindergarten. Die die am lautesten Schreien, also die Banker, bekommen am meisten Zuwendung(en).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.