Rede zum 3. Oktober Gauck hält Integration für größere Aufgabe als deutsche Einheit

Deutschland feiert 25 Jahre Einheit. Doch die größere Aufgabe kommt erst noch, sagt Bundespräsident Joachim Gauck - die Integration der Flüchtlinge. Auch von ihnen fordert er dabei eine Anstrengung und mahnt: "Unsere Werte stehen nicht zur Disposition."

Bundespräsident Gauck in Frankfurt: "Unsere Grundwerte stehen nicht zur Disposition"
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Bundespräsident Gauck in Frankfurt: "Unsere Grundwerte stehen nicht zur Disposition"


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Die Integration von Flüchtlingen wird Deutschland nach Ansicht des Bundespräsidenten vor eine größere Aufgabe stellen als die deutsche Einheit.

Auch die Vereinigung von Ost- und Westdeutschland beschäftige Generationen. "Doch anders als damals soll nun zusammenwachsen, was bisher nicht zusammengehörte", sagte Gauck in der Alten Oper in Frankfurt beim zentralen Festakt zum 25. Jubiläum der Wiedervereinigung. Es müssten viel größere Distanzen überwunden werden als zwischen Ost- und Westdeutschen, die eine Sprache und eine gemeinsame Kultur und Geschichte gehabt hätten.

Deswegen forderte Gauck Geduld und betonte, dass nur die in Deutschland geltenden Werte Basis für eine Integration sein könnten. "Es braucht Zeit, bis alte und neue Bürger Verantwortung in einem Staat übernehmen, den alle gemeinsam als ihren Staat empfinden."

Ausdrücklich forderte er auch eine Integrationsleistung der Flüchtlinge. "Unsere Werte stehen nicht zur Disposition." Toleranz für Intoleranz werde es nicht geben, sagte er und verurteilte Antisemitismus und eine Diskriminierung von Frauen oder Homosexuellen.

Gauck pocht auf internationale Anstrengungen

Am vergangenen Sonntag hatte der Bundespräsident von Grenzen der Aufnahmefähigkeit gesprochen und damit eine große Debatte ausgelöst. Nun unterstrich Gauck: "Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich."

Es gebe zudem keine nationale Lösung der Flüchtlingskrise. "Wir werden den Zustrom von Flüchtlingen nicht verringern können - es sein denn, wir erhöhen unsere gemeinsamen Anstrengungen zur Unterstützung von Flüchtlingen in den Krisenregionen sowie vor allem zur Bekämpfung der Fluchtursachen", sagte Gauck. Die heutige Offenheit lasse sich zudem nur erhalten, wenn die europäischen Außengrenzen besser gesichert würden. (Lesen Sie hier die Rede des Bundespräsidenten im Wortlaut.)

Ähnlich hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag argumentiert und damit den Vorwurf etwa der CSU zurückgewiesen, sie lade Flüchtlinge nach Deutschland ein. "Das müssen wir gemeinsam schaffen, Deutschland, Europa und die Welt, jeder seine Aufgabe dabei erfüllen", sagte die Kanzlerin nun in Frankfurt.

Gauck würdigte in seiner Rede die Leistungen der Bürgerrechtsbewegung in der DDR auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung. Mit ihrem Aufbegehren von 1989 hätten die Ostdeutschen den Westdeutschen ein großes Geschenk gemacht. "Die friedliche Revolution zeigt: Wir Deutschen können Freiheit."

Umgekehrt hätten die Westdeutschen auch den Ostdeutschen ein Geschenk gemacht, sagte das Staatsoberhaupt und nannte dabei das Grundgesetz, eine funktionierende Demokratie, eine unabhängige Justiz und das Sozialsystem.

Die zentrale Feier am Tag der Deutschen Einheit wird traditionell von dem Bundesland ausgerichtet, das den Bundesratspräsidenten stellt. In Frankfurt hatten zum Auftakt des dreitägigen Bürgerfestes unter dem Motto "Grenzen überwinden" schon am Freitag Zehntausende Besucher in der weitgehend abgesperrten Innenstadt gefeiert. Zu dem Bürgerfest mit 300 Veranstaltungen werden insgesamt eine Million Besucher erwartet. Der 3. Oktober klingt mit einer Lichtshow am Main aus. 25 Brücken sollen dabei zu sehen sein - für jedes Jahr der Einheit eine.

Im Video: Angela Merkel auf dem Festakt zur Deutschen Einheit


Zusammenfassung: Die Integration der Flüchtlinge wird für Deutschland schwieriger als die Gestaltung der Deutschen Einheit. Das sagte Bundespräsident Joachim Gauck in seiner Rede in Frankfurt zur Feier des 3. Oktober. Es sei "eine Herausforderung, die Generationen beschäftigen wird". Zudem würdigte er die Leistungen der Bürgerrechtsbewegung in der DDR. "Die friedliche Revolution zeigt: Wir Deutschen können Freiheit."

wit/dpa/Reuters



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 208 Beiträge
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Seite 1
thánatos 03.10.2015
1.
---Zitat--- Toleranz für Intoleranz werde es nicht geben, sagte er und verurteilte Antisemitismus und eine Diskriminierung von Frauen oder Homosexuellen. ---Zitatende--- Ein ganz entscheidendes Zitat des Bundespräsidenten. Wie häufig muss ich in diesem Forum (und in anderen) homophobe Hasstiraden von Fundamentalisten ertragen, die im gleichen Atemzug von den Gedemütigten verlangen, ihnen Toleranz und ein Dankeschön für ihren Hass entgegenzubringen. Dieses Zitat werde ich in Zukunft häufig verwenden. Danke, Gauck!
tadano 03.10.2015
2.
"Unser Herz ist weit. Aber unsere Möglichkeiten sind endlich." Das klingt nach Heidi Klums professioneller Freundlichkeit wenn sie sagt: "ich habe heute leider kein Foto für dich."
mad_man_walking 03.10.2015
3. ...und wenn nicht ?
..."Ausdrücklich forderte er auch eine Integrationsleistung der Flüchtlinge. "Unsere Werte stehen nicht zur Disposition." Toleranz für Intoleranz werde es nicht geben, sagte er und verurteilte Antisemitismus und eine Diskriminierung von Frauen oder Homosexuellen..." Schön und gut. Was passiert aber wenn das nicht stattfindet... wie bisher schon zu oft zu beobachten. Was dann ? Davon hört man nichts. Forderungen die nicht durchgestzt werden. sind wertlos !
Inselbewohner, 03.10.2015
4. Diesmal ohne
"Unsere Werte stehen nicht zur Disposition" Leider muss ich Herrn Gauck widersprechen in dieser ansonsten klugen Rede. Unsere Werte werden zur Disposition stehen und sie werden bezweifelt und in Frage gestellt werden von vielen Neubürgern. Viele wollen unsere materiellen Dinge, den Reichtum und alles was dazu gehört mit dem Reste können sie herzlich wenig anfangen, ja ich gehe soweit zu sagen für das wofür wir stehen haben die nur Verachtung übrig. Mag sein, dass einige wenige in unserer "Leitkultur" aufgehen aber es werden sehr wenige bleiben. Leider. Schönen Tag HP
joG 03.10.2015
5. Es ist wirklich sehr, sehr....
....schön, dass Deutschland von sich sagt es könne Freiheit. Auch wunderbar, dass man großmütig von den 60 Millionen Flüchtlingen einige hunderttausend aufnimmt und ihnen mit Verhaltensregeln hilft. Das hat man auch gekonnt international in den Medien und für das Innere Wohlgefallen vermarktet. Wunderbar. Nur sieht es nach kopflos, unehrlich und inkompetent durchgeführt aus. Es erinnert sogar ein wenig an eine abgeänderte Form von der VW Peinlichkeit
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