Bundespräsident zur Finanzkrise: Joachim Gauck warnt vor "blanker Gier"

Joachim Gauck fordert Konsequenzen aus der Finanzkrise: Der Bundespräsident hat die Unternehmensmanager vor ungezügeltem Gewinnstreben gewarnt - verlangte aber auch mehr Verantwortungsbewusstsein von Käufern und Kunden.

Bundespräsident Gauck: "kein Grund, rote Linien zu überschreiten" Zur Großansicht
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Bundespräsident Gauck: "kein Grund, rote Linien zu überschreiten"

Berlin - Es gab mahnende Worte an Unternehmensmanager, aber auch an die Bürger als Käufer und Kunden: Bundespräsident Joachim Gauck hat den Deutschen in einer Rede auf dem Führungstreffen Wirtschaft der "Süddeutschen Zeitung" ins Gewissen geredet und weitreichende Konsequenzen aus der Finanz- und Schuldenkrise gefordert.

"Anstand im Wirtschaftsleben ist wichtig", sagte Gauck laut Redetext. Das heiße aber nicht, dass Gewinnstreben unanständig sei. "Gefährlich wird erst die blanke Gier, das Mehrenwollen um jeden Preis. Zivilisierung der Gier aber schafft aufgeklärten Kapitalismus."

Gauck erinnerte an den Satz des Grundgesetzes "Eigentum verpflichtet". Wirtschaftseliten dürften nicht nur an gute Ertragszahlen denken, sondern müssten auch Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen. "Schwarze Zahlen sind kein Grund, rote Linien zu überschreiten." Das gelte auch für die Weltwirtschaft. "Dass nicht nur Geld und Ressourcen, sondern auch unsere sozialen Werte auf dem globalen Marktplatz zur Disposition stehen, haben noch nicht alle verstanden", kritisierte Gauck. Es gehe auch um Menschenrechte, Menschenwürde, um Respekt und ein Miteinander der Verschiedenen.

"Es geht um Demokratie, ihre Bürger und alle denkbaren Formen der Verantwortung", unterstrich der Bundespräsident. Gesunde Unternehmen brauchten ein gesundes Umfeld. Das bringe auch ökologische Verantwortung mit sich. Ein verantwortungsbewusstes Handeln der Unternehmen präge aber auch das Verantwortungsbewusstsein der Kunden, sagte Gauck und verwies insbesondere auf die Konsumenten: "Mit dem Kassenbon kann man schlimme Zustände zementieren."

"Warum greifen Europäer zur Zehn-Euro-Jeans?"

Andererseits hätten die Kunden auch eine enorme Marktmacht, mit der sie Produktionsbedingungen in aller Welt mit prägen könnten. "Wie lange greifen Europäer noch zur Jeans für zehn Euro, obwohl sie wissen, dass die Allerärmsten in Asien oder Lateinamerika einen hohen Preis dafür zahlen, mit ihrer Gesundheit oder ihrer Menschenwürde?"

Schuld an der Krise sind nach Gaucks Einschätzung nicht nur die Unternehmen, und insbesondere die der Finanzbranche. Unter ihnen habe es Verführer wie Verführte gegeben. Denn auch die Politik habe unrealistische Wachstumsphantasien genährt. Überzogene Erwartungen und Gutgläubigkeit habe es auch unter den Kunden gegeben. "Maßlosigkeit hat in die Krise geführt", resümierte der Bundespräsident. Alle müssten sich selbst hinterfragen sowie ihr Verhalten, ihre inneren Überzeugungen und Motive überprüfen und ändern.

Gauck warnte davor, eigene Fehler zu verbrämen und diese auf anonyme Institutionen wie "den Markt" oder "das System" zu verlagern. "Ein neuer Umgang mit Fehlern stünde uns gut zu Gesicht."

hen/Reuters/dpa

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1.
psychologiestudent 15.11.2012
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck fordert Konsequenzen aus der Finanzkrise: Der Bundespräsident hat die Unternehmensmanager vor ungezügeltem Gewinnstreben gewarnt - verlangte aber auch mehr Verantwortungsbewusstsein von Käufern und Kunden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundespraesident-gauck-warnt-vor-blanker-gier-a-867443.html
aber nein, wir Bürger sind doch unschuldig. Vor allem der "kleine Mann" wird nur ausgenutzt. An den Problemen ist nur DER böse Manager/Politiker an sich schuld, den ich nicht persönlich kenne, der aber sicherlich fies ist und auch kleine Katzen quält.
2.
ehf 15.11.2012
Deswegen hat er ja auch willfährig das Gesetz zum ESM unterschrieben, weil er gegen blanke Gier ist. Ja, nee, is klar...
3. Unerträglich
Herbert1968 15.11.2012
"Blanke Gier" sehe ich darin, von den Stadtwerken einer finanziell völlig maroden Stadt für ein wenig Geplauder 25.000 Euro zu kassieren. Warum greift jemand zur 10-Euro-Jeans? Vielleicht, weil er - anders als hochdotierte Vortragsredner - für ein teures Designerstück kein Geld hat, weil zum Beispiel die Stadtwerke in Bochum gerade wieder den Strompreis erhöht haben ...
4.
glen13 15.11.2012
Zitat von sysopDPAJoachim Gauck fordert Konsequenzen aus der Finanzkrise: Der Bundespräsident hat die Unternehmensmanager vor ungezügeltem Gewinnstreben gewarnt - verlangte aber auch mehr Verantwortungsbewusstsein von Käufern und Kunden. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundespraesident-gauck-warnt-vor-blanker-gier-a-867443.html
Für mich seine beste Rede. Und die Bürger greifen solange zur 10 Euro Jeans, wie die Hersteller von 100 Euro Jeans diese für 2 Euro von Kindern produzieren lassen und von den 100 Euro 45 Euro für ihre Markenpflege ausgeben, in der dem blöden Verbraucher vorgegaukelt wird, dass er in seiner neuen 100 Euro Jeans, die 2 Euro in der Herstellung gekostet hat, wie ein Weltstar aussieht, aber in Wirklichkeit nur ein Kasper ist. Wenn die Markenhersteller - nicht nur von Jeans - menschliche Arbeitsbedingungen für sich festschreiben würden und nicht nur anonyme Organisationen vorschieben, die nicht richtig kontrollieren, wäre der Welt geholfen.
5. Blanke Gier
clh 15.11.2012
Unser Herzenspräsident könnte ja einmal als gutes Beispiel vorangehen und Strom sparen, ach nee, das ist ja Herr Altemeier. Nein, Herr Gauck könnte freiwillig seine Boni, die der gierige Steuerzahler finanzieren muss, herunterschrauben oder gar darauf verzichten. Solidarität mit dem Steuerzahler wäre schon ein gutes Zeichen von denen, die vom Steuerzahler bezahlt werden.
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Interaktive Chronik

Der deutsche Bundespräsident
Das Amt
Der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz weist dem obersten Repräsentanten zwar viele Aufgaben zu, aber deutlich weniger politische Befugnisse als etwa in Präsidialdemokratien wie Frankreich oder den USA. Er soll sein Amt unparteiisch führen, ist jedoch nicht auf repräsentative Aufgaben beschränkt.
Die Aufgaben
Das Staatsoberhaupt vertritt den Bund völkerrechtlich und schließt im Namen des Bundes Verträge mit anderen Staaten. Zu den normalen Geschäften zählen Staatsbesuche und Empfänge von Diplomaten. Er kann durch Reden und Reisen politische Akzente setzen.

Zu den Aufgaben und Rechten gehört die Mitwirkung bei der Regierungsbildung. Der Präsident schlägt dem Bundestag einen Bundeskanzler zur Wahl vor und ernennt ihn. Falls der Kandidat keine Mehrheit findet, kann der Präsident das Parlament auflösen. Er ernennt und entlässt auch die Minister, allerdings auf Vorschlag des Kanzlers. Gesetze können erst wirksam werden, wenn der Präsident sie unterschrieben hat. Seine Unterschrift kann er nur aus verfassungsrechtlichen Gründen verweigern.
Das Wahlverfahren
Anders als in Frankreich, Österreich oder Polen wird das deutsche Staatsoberhaupt nicht direkt vom Volk, sondern von einem Wahlgremium (Bundesversammlung) gewählt. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre, eine Wiederwahl ist nur einmal möglich. Der Präsident kann nur durch das Bundesverfassungsgericht und nur bei vorsätzlichen Verstößen gegen das Grundgesetz oder andere Bundesgesetze seines Amtes enthoben werden.
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