Gauck in Baden-Württemberg: Musterpräsident im Musterländle

Von , Tübingen

Zuerst nach Baden-Württemberg: Nach Visiten in Warschau und Brüssel  besuchte Bundespräsident Joachim Gauck nun Deutschlands Musterländle. Es war ein Wohlfühltag für das Staatsoberhaupt. Besonders mit dem streitbaren Ministerpräsidenten Kretschmann gab es Berührungspunkte.

Bundespräsident Gauck und Ministerpräsident Kretschmann: "Das eint uns" Zur Großansicht
DPA

Bundespräsident Gauck und Ministerpräsident Kretschmann: "Das eint uns"

Jetzt muss er sich erst mal festhalten. Zum Glück hat man ein Glaspult vor dem Eingang der Tübinger Geschwister-Scholl-Schule aufgebaut, davor steht der Bundespräsident nun und atmet ein paar Mal durch. Joachim Gauck, 72, kann die Menschen begeistern. Das ist einer der Gründe, warum ihn eine so große Mehrheit ins höchste Staatsamt getragen hat. Aber Gauck beherrscht auch die Fähigkeit, sich über sich selbst zu sehr zu begeistern. Und genau das ist ihm eben an diesem frühen Donnerstagnachmittag passiert.

Der Empfang war so frenetisch, als würden Justin Bieber, Rihanna und Mesut Özil gemeinsam durch das Spalier auf dem Schulhof laufen. Aber es ist der Präsident. Rechts und links von dem rot-weißen Polizei-Absperrband toben sie, als Gauck herbei schreitet. So viele Hände recken sich ihm entgegen, dass er kaum vorankommt. Er schreibt ein Autogramm nach dem anderen, posiert für unzählige Handy-Fotos. Und strahlt mit jedem Mal mehr.

Später wird er beim Grußwort im altehrwürdigen Tübinger Rathaus über sein Erlebnis mit den Schülern sagen: "So viel Herzlichkeit auf einmal könnte ausreichen für ein ganzes Jahr."

Die erste Bundeslandsvisite des neuen Staatsoberhaupts, das steht in diesem Moment endgültig fest, ist für ihn zu einem echten Wohlfühlbesuch geworden. Anlass war das anstehende 60-jährige Jubiläum des Landes. Für Gauck, der vom Zuspruch lebt und mit Kritik zuweilen sehr dünnhäutig umgeht, kommt der Trip nach Baden-Württemberg jedenfalls zu einem passenden Zeitpunkt. Denn er musste sich einen knappen Monat nach Amtsantritt zum ersten Mal mit Negativschlagzeilen auseinandersetzen: Gauck hatte Anfang der Woche bei seinem Antrittsbesuch in Brüssel die deutsche Kritik am Euro-Rettungsschirm kleingeredet und die Ablehnung entsprechender Klagen durch das Bundesverfassungsgericht wahrscheinlich genannt - das sorgt nun für großen Unmut bei einigen Renegaten.

Die Quasi-Vorwegnahme einer Entscheidung der Karlsruher Richter durch das Staatsoberhaupt ist hochproblematisch - das weiß Gauck. Und es ärgert ihn, dass er hier gepatzt hat. Zumal nun mancher im politischen Berlin sagen wird: Seht ihr, wir haben es doch immer gesagt, mit dem werden wir noch Ärger haben.

"Damals konnte ja selbst ein Theologe wie ich einen Trabi reparieren"

Das mag sein. Aber auf den Stationen seiner Mini-Tour durch Baden-Württemberg wird an diesem Donnerstag klar, dass der Präsident bei den Bürgern dieser Republik einen großen Bonus haben dürfte.

Vielleicht geht es Gauck wie seinem Gastgeber Winfried Kretschmann, dem ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands. Kretschmann hat auch nicht immer ein glückliches Händchen gehabt während seines ersten Jahres als Landesvater - mehrmals brachte er die Automobilindustrie gegen sich auf, im Kampf gegen Stuttgart 21 erlebte er eine heftige Schlappe - aber seine Popularität ist sogar noch angestiegen. Vor allem liegt das wohl daran, dass Kretschmann den Schwaben und Badenern als aufrichtiger Politiker erscheint. Als einer, der feste Überzeugungen hat, aber im Dialog mit den Bürgern Entscheidungen treffen will.

Joachim Gauck hat zwar als Staatsoberhaupt kaum etwas zu entscheiden, aber was dieses Kretschmannsche Ideal von Politik betrifft, ist er ganz eng bei dem Ministerpräsidenten. "Das eint uns", sagt Kretschmann, als er den hohen Gast am Morgen im Landtag willkommen heißt. Da lächelt Gauck zustimmend.

Die beiden verstehen sich, das ist klar, und auch Daniela Schadt und Gerlinde Kretschmann können sich gut leiden. Und wohl auch daran liegt es am Ende, dass es eine angenehme Südwest-Visite wird.

Trotz des straffen Programms: Empfang im Staatsministerium, hoch über dem Stuttgarter Kessel, anschließend hinab in den Landtag. Und schon geht es weiter nach Dettenhausen, zu einem der vielen Vorzeigebetriebe im Ländle. Die Ritter Gruppe, den meisten Deutschen bekannt wegen ihrer quadratischen Schoko-Erzeugnisse, lässt hier hochmoderne Solarkollektoren produzieren. Und zwar solche, "die marktfähig sind", wie der Bundespräsident voller Respekt bekundet. Am Ende des Rundgangs darf Gauck mit Handschuhen und Schutzbrille im Gesicht eine Vakuumröhre zusammenschieben. So was macht ihm Spaß. Und bei den Mitarbeitern kommt gut an, wie er über seine Technikvergangenheit in der DDR berichtet. "Damals konnte ja selbst ein Theologe wie ich einen Trabi reparieren", sagt er. "Heute stehe ich der Technik eher staunend gegenüber."

Lacher auf dem Schulhof

Und weiter nach Tübingen, zu den Gauck-Fans der Scholl-Schule. Denen erzählt der Bundespräsident später zum allseitigen Amüsement, wie wenig in seiner Schulzeit auf Erfolge im späteren Leben hinwies. "Mensch, Jochen, was soll nur aus dir werden", hätten manche Lehrer gesagt. "Also denkt daran - vielleicht ist ja eine unter euch, die irgendwann einmal Bundeskanzlerin wird", sagt Gauck und freut sich über die Lacher auf dem Schulhof.

Im Rathaus lernt das Staatsoberhaupt anschließend, dass die Württemberger schon 1498 zum ersten Mal einen Herrscher abgesetzt haben und in Tübingen schon 1514 eine Art Verfassung verabschiedet wurde. Das imponiert dem Freiheits-Präsidenten, genau wie die badischen Revolutionäre von 1848, von denen während seines Südwest-Besuchs immer wieder die Rede ist. Dass Baden-Württemberg in puncto Bürgerbeteiligung vorbildlich ist, findet er natürlich auch toll.

Und dann noch das große Finale: Im Tübinger Stift hat die Landesregierung zum Bürgerabend mit dem Bürgerpräsidenten geladen. Geistesgrößen wie Hegel, Schelling und Hölderlin wurden hier theologisch ausgebildet - und entwickelten ihre Ideen. Ministerpräsident Kretschmann führt ein: "Hier wurden die Grundlagen des deutschen Idealismus gelegt; eines radikalen Freiheitsbegriffs."

Schöner konnte dieser Besuch für Joachim Gauck kaum zu Ende gehen.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Ehrenwert...
squonk66 19.04.2012
Ehrenwerte Männer unter sich. Viel Christentum, ein gerüttelt Maß an Verlogenheit, passt schon. Hier kommt zusammen, was zusammen gehört.
2. Zugegebenermaßen völlig off topic, aber ...
dieter_durchschnitt 20.04.2012
tut es denn wirklich not, dass selbst der Spiegel fälschlicherweise zwischen Schwaben und Badenern unterscheidet, da doch bekannt sein müßte, dass: 1. nur zwischen Württembergern und Badenern unterschieden werden kann, da ... 2. ein originärer badischer Volkstamm gar nicht exisiert, weil sich in Baden, neben Schwaben stammesbeogen allenfalls noch Alemannen, Franken und Rheinfranken finden, und ... 3. im Unterschied dazu, die Schwaben nicht nur in Württemberg, sondern auch in Bayern und Baden als genuiner Volksstamm leben. Es grüßt in der Hoffnung, die Redaktion zu etwas mehr sprachlicher Präzision ermuntert zu haben: ein badischer Schwabe.
3. Musterländle ...
hirnbenutzer 20.04.2012
Zitat von sysopZuerst nach Baden-Württemberg: Nach Visiten in Warschau und Brüssel besuchte Bundespräsident Joachim Gauck nun Deutschlands Musterländle. Es war ein Wohlfühltag für das Staatsoberhaupt. Besonders mit dem streitbaren Ministerpräsidenten Kretschmann gab es Berührungspunkte. Gauck*in Baden-Württemberg: Musterpräsident im Musterländle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828651,00.html)
... das war mal. Auch hier machen die Grünen ganze Arbeit und richten das Land zu Grunde. Trotz sprudelnder Steuereinnahmen stellt Kretschmann einen derart defizitären Haushalt auf, dass er jetzt sogar überlegt, Gesetzte zu beugen und die Schuldenbremse ausser Kraft zu setzen. NRW wird kommen ..... So ist es halt, wenn Ideologie statt Vernunft regiert ...
4. Endlich
copperfish 20.04.2012
Zitat von sysopZuerst nach Baden-Württemberg: Nach Visiten in Warschau und Brüssel besuchte Bundespräsident Joachim Gauck nun Deutschlands Musterländle. Es war ein Wohlfühltag für das Staatsoberhaupt. Besonders mit dem streitbaren Ministerpräsidenten Kretschmann gab es Berührungspunkte. Gauck*in Baden-Württemberg: Musterpräsident im Musterländle - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,828651,00.html)
Endlich mal ein total "objektiver" und "unvoreigenommmener" Bericht(?) zum Euro und Banker "Präsidenten"!
5. die Frage muss auch lauten:
MrStoneStupid 20.04.2012
*Was ist aus Deutschland geworden?* Es gibt beträchtliche Mißstände und die Politik tut zu wenig. Mir fallen da immer eine mangelhafte Verbrechensbekämpfung und Millionen Schußwaffen (http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/bis-zu-40-millionen-illegale-waffen-im-umlauf-1.477214) in falschen Händen ein (seit Jahrzehnten, nix tut sich: Hunderte Milliarden Euro Schwarzgeld, tonnenweise illegale Drogen, Schwerverbrechen galore aber nicht einmal 'ne umfassende Vorratsdatenspeicherung). Die Frage ist allerdings nicht "was soll nur aus Deutschland werden?" sondern die Vorgabe lautet: Deutschland soll besser werden + kommt endlich in Schwung! (alles imho)
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Der deutsche Bundespräsident
Das Amt
AFP
Der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz weist dem obersten Repräsentanten zwar viele Aufgaben zu, aber deutlich weniger politische Befugnisse als etwa in Präsidialdemokratien wie Frankreich oder den USA. Er soll sein Amt unparteiisch führen, ist jedoch nicht auf repräsentative Aufgaben beschränkt.
Die Aufgaben
ddp
Das Staatsoberhaupt vertritt den Bund völkerrechtlich und schließt im Namen des Bundes Verträge mit anderen Staaten. Zu den normalen Geschäften zählen Staatsbesuche und Empfänge von Diplomaten. Er kann durch Reden und Reisen politische Akzente setzen.

Zu den Aufgaben und Rechten gehört die Mitwirkung bei der Regierungsbildung. Der Präsident schlägt dem Bundestag einen Bundeskanzler zur Wahl vor und ernennt ihn. Falls der Kandidat keine Mehrheit findet, kann der Präsident das Parlament auflösen. Er ernennt und entlässt auch die Minister, allerdings auf Vorschlag des Kanzlers. Gesetze können erst wirksam werden, wenn der Präsident sie unterschrieben hat. Seine Unterschrift kann er nur aus verfassungsrechtlichen Gründen verweigern.
Das Wahlverfahren
Reuters
Anders als in Frankreich, Österreich oder Polen wird das deutsche Staatsoberhaupt nicht direkt vom Volk, sondern von einem Wahlgremium (Bundesversammlung) gewählt. Die Amtszeit beträgt fünf Jahre, eine Wiederwahl ist nur einmal möglich. Der Präsident kann nur durch das Bundesverfassungsgericht und nur bei vorsätzlichen Verstößen gegen das Grundgesetz oder andere Bundesgesetze seines Amtes enthoben werden.