Gauck empfängt Angehörige der NSU-Opfer: "Ich will, dass Sie neues Vertrauen fassen können"

Er will sich für maximale Aufklärung einsetzen: Bundespräsident Gauck hat bei einem Treffen mit Hinterbliebenen der NSU-Mordopfer um Vertrauen in das Land und seine Institutionen geworben. Einige Angehörige blieben dem Treffen dennoch aus Protest fern.

Bundespräsident Gauck mit Angehörigen der NSU-Opfer: Treffen im kleinsten Kreis Zur Großansicht
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Bundespräsident Gauck mit Angehörigen der NSU-Opfer: Treffen im kleinsten Kreis

Berlin - Wie konnte so etwas in diesem Land passieren? Dass die rechtsradikalen Mörder der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) jahrelang unbehelligt ihre schrecklichen Taten vollbringen konnten, hat Deutschland geschockt. Am Montag waren die Angehörigen der Mordopfer bei Bundespräsident Joachim Gauck zu Gast - er zeigte sich einmal mehr erschüttert. "Auch ich war erschrocken darüber, welche Fehler in mancher Behörde möglich waren", sagte das Staatsoberhaupt laut Redemanuskript. Gleichzeitig rief Gauck die türkisch- und griechischstämmigen Hinterbliebenen dazu auf, wieder an diesen Staat zu glauben: "Ich will, dass Sie neues Vertrauen fassen können."

Gauck kam am frühen Nachmittag mit rund 70 Angehörigen der NSU-Mordopfer in Schloss Bellevue zu einem privaten Treffen zusammen. Dem NSU um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe werden zehn Morde zwischen den Jahren 2000 und 2007 zugerechnet - an acht türkischstämmigen Kleinunternehmern, einem griechischstämmigen Kleinunternehmer und einer Polizistin. Die Ermittler hatten die rechtsextreme Motivation der Taten über Jahre hinweg nicht erkannt. Bereits Gaucks Vorgänger Christian Wulff hatte Angehörige der Opfer in Bellevue empfangen.

Der Bundespräsident versprach seinen Gästen, er werde sich persönlich für die Aufklärung der Fehler und Konsequenzen einsetzen. "Ich will mithelfen, dass Ihr Leid weiter wahrgenommen und anerkannt wird. Und dass aufgeklärt wird, wo es Fehler und Versäumnisse gegeben hat, dass darüber gesprochen und wenn nötig auch gestritten wird, was wir daraus lernen müssen."

Er verstehe allerdings auch die Ungeduld mancher Angehöriger. Viele Fragen seien "noch längst nicht beantwortet", so der Bundespräsident: "Ich weiß, wie sehr Sie, liebe Gäste, auf diese Antworten warten - mit steigender Ungeduld, weil doch über ein Jahr vergangen ist." Deshalb werde er "genau verfolgen, ob staatliche Stellen ausreichend aufklären und Fehler Fehler nennen. Auch werde ich in solchen Fällen nach Konsequenzen fragen".

Gauck betont Offenheit Deutschlands

Gauck betonte die Offenheit Deutschlands. "Wir wollen in diesem Land respektvoll miteinander leben, unabhängig davon, woher wie stammen oder worauf sich unser Glaube bezieht. Niemand darf sich anmaßen zu bestimmen, wer dazu gehört und wer nicht."

Der Bundespräsident lobte vor den Angehörigen die Arbeit des Bundestagsuntersuchungsausschusses und der Ombudsfrau Barbara John, die bei dem Treffen dabei war. John habe allen Hinterbliebenen die Gewissheit und das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein.

Im Vorfeld des Treffens hatte es von Angehörigen der NSU-Opfer Kritik am Bundespräsidenten wegen des Charakters der Veranstaltung gegeben, einige Hinterbliebene hatten daraufhin ihre Teilnahme abgesagt. Weil Gauck mit seinen Gästen in einem möglichst intimen Rahmen zusammen kommen wollte, hatte er darum gebeten, dass diese ohne ihre Anwälte erscheinen. Persönliche Begleiter waren dagegen willkommen. Daraufhin hatte Aysen Tasköprü, die Schwester des 2001 in Hamburg mutmaßlich von Böhnhardt und Mundlos ermordeten Süleyman Tasköprü, einen offenen Brief geschrieben und ihr Kommen abgesagt. Ein anderer Angehöriger sagte aus dem gleichen Grund ab, dazu kam eine krankheitsbedingte Absage.

Am Sonntagabend bei einem Vortreffen der Angehörigen mit Vertretern des Bundespräsidialamts gab es offenbar aus dem Kreis der Gäste auch kritische Worte wegen dieses Verhaltens. Man habe Verständnis für die Einschränkung bei dem Treffen. Bundespräsident Gauck ließ am Montag nach der Zusammenkunft mitteilen, er "freue sich darüber, dass so viele Angehörige gekommen seien". Gleichzeitig "bedauere er die Absagen".

flo/AFP/dpa

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Der Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz weist dem obersten Repräsentanten zwar viele Aufgaben zu, aber deutlich weniger politische Befugnisse als etwa in Präsidialdemokratien wie Frankreich oder den USA. Er soll sein Amt unparteiisch führen, ist jedoch nicht auf repräsentative Aufgaben beschränkt.
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