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19. Februar 2013, 11:29 Uhr

Bundespräsident zu Europa

Gaucks schwierigste Rede

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Joachim Gauck ist der beliebteste deutsche Politiker - dabei hat der Bundespräsident bisher kaum inhaltliche Akzente gesetzt. Das soll sich nun mit einer großen Europa-Rede in Schloss Bellevue ändern. Die Erwartungen sind hoch - aber er darf sich auch nicht zu weit vorwagen.

Berlin - Er könnte von frühmorgens bis in die späte Nacht Reden halten, das ganze Jahr über, Joachim Gauck käme wohl immer noch nicht hinterher. Man hat ja keine Vorstellung, wie viele Anfragen im Bundespräsidialamt eintrudeln. Also wählen seine Leute aus: Hier mal eine Rede zum 200. Geburtstag von Adolph Kolping, da ein Grußwort beim Deutschen Landkreistag.

Aber die eine wirklich große Rede, die war bisher nicht dabei.

Das soll sich nun ändern. Vor 200 geladenen Gästen wird der Bundespräsident am Freitagmorgen in Schloss Bellevue über "Perspektiven der europäischen Idee" sprechen. Eine knappe Stunde lange will er reden, die ARD überträgt live. Die Frage ist: Was kann er noch Substantielles zum europäischen Diskurs hinzufügen, das nicht längst gesagt ist?

Europa ist das Thema, das diesen Präsidenten seit seinem Amtsantritt im März vergangenen Jahres umtreibt. Das soll nun jeder im Land merken. Ein würdiges Staatsoberhaupt zu sein, das ist nicht genug, um ein großer Präsident zu werden. Dafür braucht es eine Idee. Gauck will es offenbar mit seiner Vision eines gemeinsamen Europas versuchen - für den 73-Jährigen, wie für viele seiner Generation, Garant für Frieden und Freiheit.

Große Erwartungen

Aber reicht das aus für eine große Rede? Die Erwartungen sind hoch. "Die Verunsicherung in der Bevölkerung beim Thema Europa ist groß, deshalb kann die Rede des Bundespräsidenten Orientierung geben", sagt der CDU-Politiker Gunther Krichbaum, Chef des Bundestags-Europaausschusses. Er glaubt: "Beim Thema Europa geht es auch um ein positives Gefühl - da kann Präsident Gauck eine Menge bewegen."

Die Rede sei "eine Riesenchance für den Bundespräsidenten, weil die Kanzlerin beim Thema Europa eine enorme Leerstelle offen gelassen hat", sagt Manuel Sarrazin, europapolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. "Und es wäre schön, wenn er klarmacht, dass für die europäische Integration mitunter auch schmerzhafte Entscheidungen notwendig sind." Axel Schäfer, Chef-Europapolitiker der SPD-Fraktion, wünscht sich Grundsätzliches vom Präsidenten: "Ich hoffe, er weist darauf hin, dass ein vereintes Europa Teil der deutschen Staatsraison ist, denn so steht es im Grundgesetz."

Im Bundespräsidialamt ist man sich sehr wohl bewusst, wie groß die Erwartungen sind. Intern wurde seit langem diskutiert, ob die Rede überhaupt notwendig ist. Es gibt zwei Argumentationslinien im Amt: Den einen reicht es, wenn ihr Präsident beliebt ist und keine Fehler macht. Ihnen kam es sehr entgegen, wie vorsichtig sich der Neue zunächst seinem Amt angenähert hat.

Aber es gibt auch eine zweite Meinung im Amt. Die wird von jenen Beratern Gaucks vertreten, die sich einen offensiveren Bundespräsidenten wünschen. Sie waren von Beginn an der Auffassung, dass Joachim Gauck mehr tun muss, als sein Pflichtprogramm abzureißen. Besonders dieser Präsident: Wer kann schon so gut reden wie er, der ehemalige Pastor aus Rostock-Evershagen?

Inhaltliche Häppchen

Gauck sagte mal einen Satz zur Rolle des Islams in Deutschland, lobte die Bundeswehr, geißelte die Gier des Turbokapitalismus. Aber das waren Häppchen. Und so kam es, dass auch Kommentatoren immer wieder nach der großen Gauck-Rede fragten.

Vielleicht ein weiterer Grund dafür, dass der Präsident nun seine erste große Rede hält. Erst sollte sie Ende Januar stattfinden, nun also am Freitag. Im Publikum werden in Schloss Bellevue Politiker, Kulturschaffende, Kirchenvertreter, Stiftungsrepräsentanten und Schüler sitzen. Gauck hält keine "Berliner Rede", dieses vom damaligen Staatsoberhaupt Roman Herzog begründete Format wird jetzt vom "Bellevue-Forum" abgelöst. Die Anspannung beim Bundespräsidenten ist groß, heißt es.

Wie bei allen seinen Reden wird der Präsident bis zuletzt am Manuskript arbeiten. Deshalb sollen vor Redebeginn am besten keine Details bekannt werden - man weiß ja nicht, welche Änderungen Gauck noch vornimmt.

Besonders gespannt auf die Rede des Präsidenten dürfte Angela Merkel sein. Will sich da jemand als der bessere Europäer präsentieren? Schließlich muss sich die Bundeskanzlerin seit Ausbruch der Euro-Krise des Vorwurfs erwehren, sie zeige zu wenig Begeisterung für die europäische Idee. Und Merkel wird der Satz noch gut in Erinnerung sein, den Gauck vergangenen Juli im ZDF-Sommerinterview sagte. Es ging damals um die Euro-Politik der Kanzlerin. "Sie hat nun die Verpflichtung, sehr detailliert zu beschreiben, was das bedeutet", lautete der Satz des Bundespräsidenten - das wurde weithin als Kritik an Merkel verstanden.

Nun ist er an der Reihe.

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