Mögliche Gauck-Nachfolge Gesucht: die neue Nummer eins

Bald wird Bundespräsident Joachim Gauck verkünden, ob er weitermacht oder nicht. Vieles spricht gegen eine zweite Amtszeit. Und wer kommt dann? Diese acht Namen sind im Gespräch.

Angela Merkel und Sigmar Gabriel mit Joachim Gauck
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Angela Merkel und Sigmar Gabriel mit Joachim Gauck

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Wer neuer Bundespräsident wird? Wenn man Spitzenpolitikern in Berlin diese Frage stellt, lautet die Antwort nach wie vor häufig: "Wieso? Joachim Gauck macht doch weiter!". Doch es wird nicht mehr lange durchzuhalten sein, die Diskussion um eine mögliche Nachfolge zu ignorieren. In den nächsten drei Wochen dürfte sich Gauck öffentlich zu seiner Zukunft erklären - und vieles spricht dafür, dass er dann den Verzicht auf eine zweite Amtszeit ankündigt.

Gauck, 76, gibt nach wie vor ein formidables Staatsoberhaupt ab. Und wer ihn beispielsweise Anfang der Woche zum Tag des Grundgesetzes erlebte, sah und hörte gemeinsam mit 750 Kommunalvertretern einen Bundespräsidenten, der auf der Höhe ist und kein bisschen amtsmüde erscheint. Nur: Viel besser kann er nicht mehr werden. Und jünger auch nicht. Weshalb Gauck sich richtig entscheiden würde, wenn er im Frühjahr des kommenden Jahres Schloss Bellevue verlässt. Auch seine Partnerin Daniela Schadt dürfte das so sehen.

Für die Parteien der Großen Koalition wäre Gaucks Verzicht schmerzlich, weshalb Kanzlerin Angela Merkel dem Vernehmen nach höchstpersönlich versuchte, das Staatsoberhaupt zu einer weiteren Amtszeit zu überreden. Als hätten Union und SPD nicht schon genug Probleme, werden sie nun womöglich auch noch einen Gauck-Nachfolger für die Bundespräsidentenwahl Ende Februar 2017 finden müssen. Oder noch besser: eine Nachfolgerin. Eine Frau im höchsten deutschen Staatsamt gab es noch nie.

Diese Person zu finden, erscheint schon schwierig genug. Aber vor dem politischen Hintergrund der Bundesversammlung dürfte die Suche erst recht knifflig werden - wenige Monate vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen und ein gutes halbes Jahr vor der Bundestagswahl.

Wer kommt in Frage als "0-1", wie der Bundespräsident wegen des Autokennzeichens genannt wird? Gibt es Favoriten? Und wer gilt als Geheimtipp?

  • Der Topfavorit: N.N.

Einer wie Gauck, aber als Frau - das wäre die Königslösung: Der langjährige Chef der Stasiunterlagenbehörde war 2012 der Kandidat, hinter dem sich fast alle in der Bundesversammlung stellen konnten. Die damalige schwarz-gelbe Koalition hatte sich im Vorfeld mit den Oppositionsparteien SPD und Grünen auf Gauck geeinigt, nur Linke und NPD traten am 18. März 2012 mit eigenen Kandidaten an. Diesmal kommt die AfD als neuer Akteur bei der Bundespräsidentenwahl hinzu.

Ein neuerlicher Konsenskandidat für die Bundesversammlung am 12. Februar 2017 hätte den Vorteil, dass damit keinerlei Schlüsse für eine mögliche Koalitionsbildung bei der folgenden Bundestagswahl gezogen werden könnten. Ohnehin kämen auf die für den ersten Wahlgang erforderliche absolute Mehrheit nur Union und SPD sowie Union und Grüne. Das Problem ist nur: Ein Modell "Gauck 2.0" ist nicht in Sicht, geschweige denn als weibliche Ausführung.

  • Der natürliche Unionskandidat: Norbert Lammert

Sollten sich auch Union, SPD, Grüne und FDP auf keinen gemeinsamen Kandidaten einigen können, dürften CDU und CSU mit einem eigenen Vorschlag ins Rennen gehen - im dritten Wahlgang könnten sie in der Bundesversammlung ihren Vorschlag durchsetzen. Für diesen Fall wäre Bundestagspräsident Norbert Lammert, 67, ein Mann mit guten Chancen.

Norbert Lammert
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Norbert Lammert

Nicht nur, weil dem CDU-Politiker Interesse am höchsten deutschen Staatsamt nachgesagt wird, sondern weil er auch einige Anforderungen erfüllt: Lammert gilt als ähnlich guter Redner wie Gauck, er ist ein kluger und erfahrener Politiker. Dass der CDU-Mann anders als der Amtsinhaber kein Seiteneinsteiger ist, könnte sogar ein Vorteil sein, weil in der Union der Wunsch nach einem politischen Profi für Schloss Bellevue immer wieder zu hören ist. Lammert ist gleichzeitig hinreichend liberal, um sogar bei SPD, Grünen und FDP zu punkten.

Gegen den Parlamentspräsidenten spricht seine ausgeprägte Eitelkeit, die ihm auch aus den eigenen Reihen vorgeworfen wird sowie sein nicht spannungsfreies Verhältnis zur Kanzlerin. Merkel und die Union dürften am Ende trotzdem mit ihm leben können.

  • Auch im Unionsrennen: Wolfgang Schäuble

Bundespräsident wollte Wolfgang Schäuble schon einmal werden, doch 2004 zog ihm Parteichefin Merkel den Seiteneinsteiger Horst Köhler vor. Der Bundesfinanzminister hätte sicher auch die notwendige Abgebrühtheit, sich auf eine Wahl einzulassen, die dann wohl im dritten Wahlgang entschieden wird. Und er ist in der Union viel beliebter als Lammert. Aber: Der CDU-Politiker ist nur zwei Jahre jünger als der Amtsinhaber, der im Falle seines Verzichts auf eine weitere Amtszeit wohl vor allem mit seinem Alter argumentieren wird. Das ist ein Minus für Schäuble.

Wolfgang Schäuble
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Wolfgang Schäuble

  • Immer eine Unionskandidatin: Ursula von der Leyen

Natürlich ist die Bundesverteidigungsministerin als Staatsoberhaupt denkbar. Ursula von der Leyen, 57, wäre möglicherweise sogar die interessanteste Kandidatin der Union - Frau, liberal, mit vielen Kindern. Aber will sie das Amt, anders als 2010, überhaupt noch? Von der Leyen gilt - für den Fall, dass Merkel irgendwann als Kanzlerin abtritt - als erste Nachfolgeanwärterin. Und noch ist die CDU-Politikerin jung genug, ein paar Jahre lang zu warten.

Ursula von der Leyen
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Ursula von der Leyen

  • Der Unionsgeheimtipp: Gerda Hasselfeldt

Noch nie hat die CSU das deutsche Staatsoberhaupt gestellt - alleine das ist ein Argument für jemanden aus den christsozialen Reihen. Zumal Merkel damit auch ein kräftiges Friedenssignal Richtung München senden würde. Und weil ja am besten eine Frau nach Bellevue soll, taucht plötzlich Gerda Hasselfeldt, 65, als Geheimtipp auf. Zumal sich die Chefin der CSU-Landesgruppe auch noch gut mit Merkel versteht. Das allerdings gereicht ihr in den CSU-Reihen wiederum zum Nachteil, zudem gilt Parteichef Horst Seehofer nicht gerade als Hasselfeldt-Fan.

Gerda Hasselfeldt
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Gerda Hasselfeldt

  • Der natürliche SPD-Kandidat: Frank-Walter Steinmeier

Aus Sicht der Sozialdemokraten gäbe es keinen besseren Kandidaten als ihren silberhaarigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, 60. Und bei einer Direktwahl hätte er angesichts seiner enormen Popularität wohl sogar gute Chancen. Das Problem ist nur: Die SPD hat nicht einmal genügend Stimmen, um im dritten Wahlgang einen Kandidaten durchzusetzen. Und als gemeinsamer Kandidat scheidet Steinmeier aus, weil er alleine in der Union, wie Merkel bereits signalisiert hat, aus parteipolitischen Gründen nicht durchsetzbar wäre. Da der SPD-Politiker für eine rein taktische Kandidatur nicht zur Verfügung stehen würde, ist er damit wohl aus dem Rennen.

Frank-Walter Steinmeier
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Frank-Walter Steinmeier

  • Die SPD-Alternative: Frau mit Strahlkraft

Sollte die Union mit einem eigenen Kandidaten antreten, wird auch SPD-Chef Sigmar Gabriel jemanden ins Rennen schicken müssen. Dabei könnte er sich sogar, wie es von der Linkspartei bereits gefordert wird, auf eine rot-rot-grüne Kandidatur einlassen. Das könnte zwar als Vorfestlegung für die Bundestagswahl interpretiert werden - aber dafür hätte Gabriel im Falle eines Erfolgs im dritten Wahlgang bewiesen, dass Merkel doch schlagbar ist.

Jutta Allmendinger
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Jutta Allmendinger

Falls die Union einen Mann nominiert, müsste die SPD wohl erst recht eine Frau aufstellen. Dafür käme beispielsweise Jutta Allmendinger, 59, in Frage, die renommierte Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung. Auch der Name Manuela Schwesig, 42, ist zu hören - die Bundesfamilienministerin, gerade zum zweiten Mal Mutter geworden, wäre ein klarer Gegenentwurf zu Lammert oder Schäuble.

Manuela Schwesig
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Manuela Schwesig

  • Der Grünen-Joker: Winfried Kretschmann

Keine der kleinen Parteien hat wohl Aussicht, den Bundespräsidenten zu stellen - es sei denn, die Grünen kämen auf die Idee, Winfried Kretschmann, 68, zu nominieren. Allerdings: Er ist gerade als baden-württembergischer Ministerpräsident wiedergewählt worden. Im Falle seiner Niederlage in Stuttgart soll Kretschmann sogar als Favorit Merkels für eine Kandidatur gegolten haben, raunt mancher. Nachdem gerade das Nachbarland Österreich einen Grünen zum Staatsoberhaupt gewählt hat, wird dennoch wieder über Kretschmann spekuliert.

Winfried Kretschmann
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Winfried Kretschmann

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Mögliche Gauck-Nachfolger

Wer sollte Joachim Gauck nachfolgen, falls der Bundespräsident auf eine zweite Amtszeit verzichtet?

insgesamt 319 Beiträge
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sola bona 27.05.2016
1. Gauck ein formidabler BuPrä?
Na ja, da kann man geteilter Meinung sein. Ein formidabler Schwätzer, das triffts schon eher. Steinmeier for President!!
kritischer-spiegelleser 27.05.2016
2. Merkel wäre ideal
Nichts zu tun und nichts zu sagen. Nur repräsentieren. Ist im Prinzip egal wer diesen Job hat.
drent 27.05.2016
3. Unwürdiges Gezerre
wie jedes Mal. Schafft dieses überflüssige Amt doch endlich ab und verteilt die Aufgaben.
j.bunyan 27.05.2016
4. Direktwahl!
Auch wenn es kein Amt mit besonders großem politischen Einfluß ist, so sollte doch der Bürger diese Entscheidung per Direktwahl mitbestimmen können. Genau das hat Herr Lammert jedoch vehement abgelehnt, und ist "heilfroh"(Zitat) dass man in Deutschland den Bundespräsidenten nicht direkt wählen kann. Das läßt schon tief blicken, welches Verständnis unsere "Elite" von Demokratie hat.
goat777 27.05.2016
5. Super Idee
Zitat von kritischer-spiegelleserNichts zu tun und nichts zu sagen. Nur repräsentieren. Ist im Prinzip egal wer diesen Job hat.
Merkel wegloben - als Grüßaugust kann sie genau das machen was sie jetzt macht - keine Entscheidungen treffen aber dazu ist das Praesidentenamt ja auch da. Da kann sie dann nix mehr verbocken!
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