Bundespräsidenten-Kandidat Gauck Pathos, Jubel und ein paar Tränen

Grundsatzrede für das höchste Amt im Staat: Bundespräsidenten-Kandidat Joachim Gauck zeigt bei einem großen Auftritt im Deutschen Theater, wo seine Qualitäten liegen. Gaucks Unterstützer von SPD und Grünen sonnen sich in seinem Glanz - obwohl ihr Bewerber seinen eigenen Kopf hat.

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Berlin - In der ersten Reihe sitzt ein älterer Herr mit weißen Haaren. Als Joachim Gauck seine Rede im Deutschen Theater beendet hat, steht er von seinem roten Plüschsessel auf und klatscht. Das ist wohl der größte Erfolg, den SPD und Grüne erringen konnten: Der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf, einst Generalsekretär seiner Partei und lange Jahre Ministerpräsident Sachsens, applaudiert dem rot-grünen Bundespräsidenten-Kandidaten Gauck.

Der Bewerber selbst scheint davon in diesem Moment nichts mitzubekommen. Joachim Gauck steht auf der Bühne des Deutschen Theaters und lächelt beseelt in die klatschende Menge. Er hat eine Rede gehalten über die Freiheit, seine Erfahrungen in 50 Jahren Unfreiheit - und seine Ideen vom Zusammenleben der Menschen im Deutschland des Jahres 2010. Es ist eine Visitenkarte für das höchste Amt im Staat, die Gauck in den vergangenen 30 Minuten abgegeben hat. Und die ist so beeindruckend, dass mancher mitunter mit den Tränen kämpfte. Der Schauspieler Ulrich Matthes, der hier sonst auf der Bühne steht und die Menschen zu Begeisterungsstürmen hinreißt, sagt: "Ich hatte zweimal Wasser in den Augen."

Bis in den zweiten Rang ist das Theater voll besetzt, eine Gauck-Unterstützergruppe hatte den Kandidaten zu dieser Rede eingeladen. Der ehemalige Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, Jahrgang 1940, beginnt ganz von vorn, mit seiner Kindheit in den Kriegsjahren. Es geht um die Angst, die der kleine Joachim durch seine Umwelt erfährt. Diese Angst setzt sich fort, als der Krieg zu Ende gegangen ist und sich das neue Regime etabliert. Freiheit ist das, was Joachim Gauck fehlt - Freiheit ist das, wofür er sein Leben lang kämpft.

Lebensthema Freiheit

Geschickt entwickelt er aus seinem Lebensthema die Idee einer Gesellschaft. Eine, in der die Freiheit des einzelnen unantastbar ist. In der jedes Mitglied aber auch in der Verantwortung steht, etwas daraus zu machen. Dabei hat Gauck durchaus Verständnis für die Sorgen der Menschen, gerade im Osten Deutschlands. "Ich kenne viele, die einst fürchteten, eingesperrt zu werden, und jetzt fürchten, abgehängt zu werden", sagt er. Aber Angst sei kein guter Ratgeber.

Natürlich müsse der Staat sich um die Schwachen und Armen kümmern, sagt Gauck. Aber eben so, dass er sie gleichzeitig ermächtige, ihrem Elend zu entkommen. Das ist das "Fördern und Fordern" der Agenda 2010, mit dem viele bei SPD und Grünen neuerdings nicht mehr viel zu tun haben wollen. Es ist ein Ansatz, den man im schwarz-gelben Lager sofort unterschreiben würde. Aber Gauck ist nun eben der Kandidat von Rot-Grün, also nimmt man dort seine eigenwilligen Ansichten hin - und sonnt sich im Glanze dieser Kandidatur. SPD-Chef Sigmar Gabriel, Bundestagsfraktionschef Frank-Walter Steinmeier, die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir sowie Fraktionschefin Renate Künast: Sie sitzen einträchtig in der zweiten Reihe und freuen sich über den Riesenauflauf an Kamerateams und Fotografen.

Sie genießen, dass ihr Kandidat auch im Internet für Furore sorgt, wie ein Online-Unterstützer Gaucks vor dessen Rede referiert. Was den deutschen Parteien bislang nicht gelungen ist - eine Bewegung im Netz - das schafft jetzt der 70-jährige Gauck. Und die Frage ist: Wenn selbst getreue Unionisten wie Biedenkopf offen Gauck unterstützen, reicht es dann für Christian Wulff, den Bundespräsidenten-Kandidaten von Union und FDP?

So nehmen Gabriel, Özdemir und Co. gelassen hin, dass ihr Kandidat Gauck auch außenpolitisch längst nicht auf Linie ist: Den Afghanistan-Einsatz lobt er ohne Wenn und Aber. Oder das Thema Finanzmärkte: Ja, sagt Gauck, die Regeln müsse man sich ganz genau anschauen. Aber im Großen und Ganzen sei das System doch ganz passabel. "Wer ausgerechnet der Wirtschaft die Freiheit nehmen will, wird immer mehr verlieren als gewinnen", sagt er - da klatschen nur ganz wenige im Publikum. Kein Wunder, FDP-Chef Guido Westerwelle hätte es nicht schöner sagen können. Die pflichtschuldigen Sätze, die Gauck zum Thema Umweltschutz verliert, lassen erkennen, wie wenig ihm dieses Thema am Herzen liegt.

Gauck rügt auch die Parteien

Selbst ein bisschen generelle Parteien-Rüge erlaubt sich Gauck. "Man kann auch kritisch mit den Parteien sein", sagt er, "die brauchen das manchmal." Das wird ihm wohl ebenfalls nachgesehen bei SPD und Grünen - weil es bei den Menschen im Land so gut ankommt.

Eine Alternative zu den Parteien, das weiß auch Joachim Gauck, gibt es nicht. "Nie, nie und nimmer wirst Du auch nur eine Wahl versäumen." An den Gedanken erinnert sich Gauck, nachdem er am 18. März 1990 zum ersten Mal an einer wirklich freien Wahl teilgenommen hatte. Nach diesem Satz muss Gauck einen Moment innehalten, seine Augen schimmern wässrig. Er nimmt einen Schluck Sprudel - dann kommt das große Finale: Leben in der Freiheit sei nicht dauerhaft glückselig machend. Aber jeder müsse seiner Kraft vertrauen, weiterzukommen. "Deshalb verbindet uns die Meisterung von Krisen mit dem Leben und mit dem Leben in unserem Staat", sagt er.

Möglicherweise ist das ein Satz, der auch in Richtung der schwarz-gelben Bundesregierung und Kanzlerin Angela Merkel gerichtet ist. Denn eines ist klar: Sollte Gauck am 30. Juni tatsächlich gewählt werden, wäre von Merkel und Co. echtes Krisenmanagement gefragt.

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Der demographische Viktor, 05.06.2010
1. ... oder lässt sich Wulff in das Bundespräsidialamt schmeißen aus MP-Verdruss?
Zitat von sysopEr selbst rechnet sich kaum Chancen auf das Amt des Bundespräsidenten aus. Doch zumindest soll Oppositionskandidat Gauck dem Favoriten Wulff bei der Wahl einige Stimmen abjagen. Die FDP äußerte Sympathien für den früheren Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Wäre Gauck der eigentlich bessere Kandidat für das Amt?
Wulff ist ein Beweis dafür, dass das Amt des Bundespräsidenten ein geringes Ansehen bei den Politikern hat.
Der demographische Viktor, 05.06.2010
2. Leider entscheidet nicht das Volk, sondern die von rechts geführte Bundesversammlung
... die Wahl ist eine Farce. Gegenkandidaten werden öffentlich verheizt. Die Linke spielt wieder einmal mehr Wahlhelfer der Konservativen und Marktradikalen.
ALG III 05.06.2010
3.
Zitat von Der demographische ViktorWulff ist ein Beweis dafür, dass das Amt des Bundespräsidenten ein geringes Ansehen bei den Politikern hat.
Nichts kann das Amt des Bundespräsidenten so sehr beschädigen wie das undemokratische Besetzungsverfahren. Wer das Schloss Bellevue zu einem Verschiebebahnhof für abgehalfterte Parteiapparatschiks macht, beleidigt überdies das Volk. Das wird diesmal nicht ohne Folgen bleiben. Merkel überspannt den Bogen.
Gman 05.06.2010
4. Farce
Zitat von sysopEr selbst rechnet sich kaum Chancen auf das Amt des Bundespräsidenten aus. Doch zumindest soll Oppositionskandidat Gauck dem Favoriten Wulff bei der Wahl einige Stimmen abjagen. Die FDP äußerte Sympathien für den früheren Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Wäre Gauck der eigentlich bessere Kandidat für das Amt?
Leider nimmt das Amt des Bundespräsidenten weiter einen immensen Schaden. Genau wie bei der Wahl von Horst (wer??) Köhler in 2005 wird das Amt wieder parteipolitischen Interessen untergeordnet. Ein verräterischer Satz ist hierzu von Herrn Westerwelle gefallen: "Herr Wullf verkörpert die geistige Achse der Regierungskoalition". Dafür steht also der Herr Wulff. Eine Verfassungsreform ist längst überfällig. Der Präsident müsste sich einer direkten Personenwahl stellen und vom Volk gewählt werden. Das ist gelebte Demokratie und eine richtige Legitimation des höchsten Amtes im Staate. In vielen Ländern geschieht das so. Leider scheint man den Deutschen, auch nach 65 Jahren nach dem Ende des II. WK, solche Entscheidungen nicht "zuzutrauen" oder haben wir nach der Weimarer Republik und dem III. Reich immer noch ein "Demokratiedefizit" in der Bevölkerung, welches solch ein entmündigendes Gebaren legitimiert? Ich vermute es ist eher die Angst der Parteien, sich nicht mehr Pöstchen nach Gutsherrenart zuschieben zu können. Traurig für Deutschland. Das ist die Saat für Politikverdrossenheit. Final zur ursprünglichen Frage: Herr Gauck ist zweifellos der geeignetere Kandidat. Es bleibt zu hoffen, dass einige Abgeordnete aus dem bürgerlichen Lager das anerkennen und in diesem Sinne ihre Stimme Herrn Gauck geben werden. Es wäre eine gute Entscheidung für Deutschland und würde beweisen, dass letztendlich die Qualifikation und nicht das Parteibuch das entscheidene Kriterium für dieses Amt ist. Gruß Gman
Brand-Redner 05.06.2010
5. Folgen der Ausgrenzung
Zitat von Der demographische Viktor... die Wahl ist eine Farce. Gegenkandidaten werden öffentlich verheizt. Die Linke spielt wieder einmal mehr Wahlhelfer der Konservativen und Marktradikalen.
Offenbar hätten Sie aber nichts dagegen, wenn die Linke Wahlhelfer für SPD/Grüne spielen würde. Doch warum sollte sie das tun? Niemand hat die Linke allein in den letzten 12 Monaten (Stichworte: Koalitionsverhandlungen) so vorgeführt, ausgegrenzt und zu demütigen versucht wie die ehrenwerten Spezialdemokraten. Und jetzt auf einmal wundern sich diese Leute über die ganz normalen Folgen ihrer Ausgrenzungsstrategie? Denen ist wirklich nicht zu helfen...
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