Bundespräsidenten-Rede Köhler soll falsche historische Fakten vorgetragen haben

Zehntausende Menschen haben in Leipzig der friedlichen Revolution vor 20 Jahren gedacht, für Gesprächsstoff sorgt jetzt ein einzelner Mann: Bundespräsident Horst Köhler hat sich offenbar für seine Rede unwissentlich auf falsche historische Fakten aus einem bekannten Buch verlassen.

Bundespräsident Köhler: Vermeintliche Fehler in Leipzig-Rede sollen geprüft werden
ddp

Bundespräsident Köhler: Vermeintliche Fehler in Leipzig-Rede sollen geprüft werden


Leipzig/Berlin - In seiner Rede zum 20. Jahrestag der friedlichen Revolution in Leipzig soll Bundespräsident Horst Köhler am Freitag teils falsche historische Details genannt haben. "Sollte sich herausstellen, dass uns ein Fehler unterlaufen ist, so würden wir das sehr bedauern", sagte Sprecher Martin Kothé am Freitagabend und kündigte eine Prüfung der vorgetragenen Fakten an.

Bei Zeitzeugen und Historikern stieß vor allem folgende Passage der Rede auf Widerspruch: "Zeugenaussagen und Dokumente belegen: (...) Vor der Stadt standen Panzer (...) und in der Leipziger Stadthalle wurden Blutplasma und Leichensäcke bereitgelegt."

Der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) teilte mit, diese Darstellung zur Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 sei nicht korrekt. Nach Recherchen des MDR gab es weder Panzer vor der Stadt noch seien Blutplasma oder Leichensäcke bereitgestellt worden. Der Bundespräsident habe seine Angaben wahrscheinlich aus einem bekannten Buch, das teils falsche Fakten nenne, sagte der Leiter der Feature-Redaktion beim MDR-Hörfunk, Ulf Köhler. Seine Redaktion hat die Befehlsakten der DDR-Machthaber aus dem Herbst 1989 studiert.

Ein bekannter Protagonist der damaligen Zeit und Zeitzeuge sagte der Nachrichtenagentur dpa, die kritisierten Angaben Köhlers seien Gerüchte und keine Fakten. "Derartige Gerüchte haben damals am 9. Oktober in der Stadt die Runde gemacht und versetzten viele in Angst. Die SED wollte die Leute so einschüchtern, dass sie nicht zur Demonstration kommen." Allerdings seien zwölf Schützenpanzer der Polizei in der Stadt gewesen. "Fest steht, dass die Kliniken sich auf Schussverletzungen vorbereitet haben. Es gibt aber niemanden, der sagt: 'Ich habe Blutplasma gesehen.'"

Zur Passage in Köhlers Rede, wonach Leichensäcke bereit gehalten worden seien, sagte der Zeitzeuge, dessen Identität nicht bekannt ist: "Das Wort Leichensäcke habe ich im Zusammenhang mit dem 9. Oktober 1989 heute zum ersten Mal gehört."

Erinnerung an die friedliche Revolution

Die Feierlichkeiten am Freitagabend in Leipzig sollten an die friedliche Revolution von 1989 erinnern, mehrere Zehntausend Menschen kamen. Polizei und Veranstalter sprachen sogar von "mehr als hunderttausend" Besuchern. Bei einem Festakt im Gewandhaus hatte der Bundespräsident am Vormittag die Leistungen der Demonstranten im Herbst 1989 gewürdigt und sie ein Vorbild für die heutige Demokratie genannt.

Am Nachmittag drängten sich dann rund 2000 Menschen beim traditionellen Friedensgebet in der Nikolaikirche und später zogen wie am Abend des 9. Oktober vor zwei Jahrzehnten die Menschen mit Kerzen durch die Stadt. Der friedliche Marsch im Herbst 1989 gilt als entscheidendes Ereignis auf dem Weg zum Fall der Berliner Mauer.

can/dpa/ddp



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