Bundesregierung im sozialen Netz Merkels wunderbare Facebook-Welt

"Bewahren Sie 'nen freundlichen Ton!" Der neue Facebook-Auftritt der Bundesregierung liefert eine perfekte Inszenierung der Koalitionsarbeit - die Kanzlerin wird netzkompatibel gemacht, Pöbler werden mit Humor entwaffnet.

Facebook-Auftritt der Bundesregierung: Merkel wird netzkompatibel gemacht
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Facebook-Auftritt der Bundesregierung: Merkel wird netzkompatibel gemacht

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Berlin - Es war eine Woche voller guter Nachrichten: Die Regierung gibt so viel wie nie für Bildung aus, das milliardenschwere Investitionspaket ist auf dem Weg - und der neue "Energie-Ratgeber" der Koalition verrät Ihnen, wie Sie mit dunklen Backblechen Geld sparen können. Es läuft einfach hervorragend in Berlin, zumindest wenn man dem neuen Facebook-Auftritt der Bundesregierung glaubt.

Auch die Seite selbst brummt. "Mehr als 40.000 Likes, fast 20.000 Kommentare: Was für eine Woche!", lautete eine erste Bilanz. Das wird mit einem Filmchen gefeiert, in dem jemand mit einem schwarz-rot-goldenen Staubfeudel eine Computertastatur im Bundespresseamt säubert. Der Regierungssprecher lobt die Nutzer: "Wir haben hier ein wirklich schönes Diskussionsklima, dafür auch noch vielen Dank."

Seit zwei Wochen ist die Bundesregierung auf Facebook - das Bundespresseamt macht dort für die Kanzlerin PR auf eine Art, die man in der deutschen Politik bislang nicht gewohnt ist. Die Facebook-Truppe schießt Fotos und kleine Videos, bastelt die im Netz beliebten Kacheln mit Foto und Text - manchmal mit den Ministern, meist mit der Kanzlerin selbst. Angela Merkel wird netzkompatibel gemacht.

Gegen die schöne neue Facebook-Welt wirkt der wöchentliche Videopodcast der Kanzlerin unbeholfen. Nun ist alles perfekt inszeniert bis hinab in die Kommentarspalten.

Kritik ist natürlich erwünscht, und die Pöbler und Hetzer werden im Namen der Bundesregierung mit Humor und Sarkasmus entwaffnet. Das geschieht mit einer Professionalität, von der so manch ein Unternehmen nur träumen kann:

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Facebook: So bietet die Bundesregierung den Trollen Paroli
"Wir wollen Sie so nah wie möglich an die Arbeit der Bundesregierung bringen", sagt Regierungssprecher Steffen Seibert in seinem Begrüßungsvideo. Er siezt die Facebook-Fans, spricht sie aber betont locker an. Wenn Seibert um Kommentare bittet, sagt er: "Bewahren Sie 'nen freundlichen, sachlichen Ton." Das mache den Austausch für alle Seiten einfacher. "Bis dahin, schöne Grüße aus Berlin!"

Seibert, früher ZDF-Moderator, ist vor der Kamera ein Profi. Auf der Facebook-Seite lässt er nun multimedial eine Art Staatsrundfunk senden, wie es das ZDF einst unter Kanzler Konrad Adenauer mal werden sollte. Mit kleinerem Aufwand, aber großem Publikum. Seibert sagt, 28 Millionen Deutsche seien auf Facebook erreichbar.

Ein Klickhit: Der schwarz-rot-goldene Staubfeudel

Diese können nun sehen: Ein Bild vom Klingelknopf der Kanzlerin auf dem Kabinettstisch, 386 Likes. Merkel telefoniert mit Obama wegen der Ukraine, 550 Likes. Und eben das Filmchen mit dem schwarz-rot-goldenen Staubfeudel. 886 Likes.

Und immer wieder die Kanzlerin: beim Rundgang durchs Vatikan-Museum, vor Reportern in Brüssel, mit dem mongolischen Präsidenten. Zum neuen "Social Media"-Team der Bundesregierung gehören auch Videofilmer. Schon stöhnen die ersten Journalisten auf. "Bild"-Vize Bela Anda, selbst mal Regierungssprecher, raunt, so würden Reporter doch überflüssig.

Seibert ließ im Bundespresseamt Mitarbeiter aus zwei anderen Einheiten im Bereich "Soziale Medien" zusammenziehen: Redakteure, "Multimediaproduzenten", Videofilmer. Angeblich betreuen vier Mitarbeiter im Schichtdienst den neuen Account.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE heißt es, "zum jetzigen, frühen Zeitpunkt des Facebook-Auftritts" könne man keine genaue Zahl der dauerhaften Mitarbeiter nennen. Auch zu entstehenden Kosten für den Steuerzahler gebe es noch keine verlässlichen Angaben.

Noch ist die Reichweite der Regierungs-PR allerdings begrenzt. Die Seite hat gerade einmal 50.000 Fans. (Zum Vergleich: Seibert selbst hat als @RegSprecher 342.000 Follower auf Twitter.) Doch allein in der ersten Woche gab es 19.000 Kommentare - und viele der Nutzer haben eine Antwort im Namen der Bundesregierung bekommen.

Darf die Regierung spotten wie eine Zeitungsredaktion?

Oft klingt die schlagfertig. "Danke auch, dass Sie Ihre Kritik so sachlich formuliert haben", heißt es auf ein "denkbar schlechtes Zeugnis", das ein Nutzer dem Facebook-Auftritt ausstellt. Auf das Posting "Ich wollte mal fragen, ob ihre Antworten computergeneriert sind??" antwortet die Bundesregierung: "Noch fühl ich mich ganz menschlich." Und zum Abschied: "Gruß aus der Redaktion / Enter / <Ende Antwortbaustein User A-Z, Abend>."

Dieser coole Ton gegen die Trolle wird im Netz bereits gefeiert. Es ist gewissermaßen ein Trend in Social-Media-Redaktionen. Auch die Teams von SPIEGEL ONLINE oder etwa der "Welt" griffen zuletzt öfter mal in die Sarkasmuskiste, um Pöblern, Hetzern, Verschwörungstheoretikern zu antworten.

Darf eine Regierung der Bevölkerung genauso spöttisch schreiben wie eine Zeitungsredaktion ihren Lesern? Und wie lange hält sie das durch?

Bislang lässt das Team im Presseamt keine Ermüdungserscheinungen erkennen. Von der Seite verbannt würden Nutzer nur "bei strafrechtlich relevanten Äußerungen, etwa bei Holocaust-Leugnung", heißt es. Und die Zahl dieser Fälle sei bislang überschaubar.

Einem Nutzer, der diese Regeln mit einem "IHR NERVT" quittierte, antwortet die Bundesregierung: "Danke für Ihren zarten Hinweis. Einen charmanten Nachmittag aus Berlin."

Zusammengefasst: Auf der neuen Facebook-Seite der Bundesregierung wird ziemlich clever politische PR betrieben. Ein Team des Bundespresseamts inszeniert die Kanzlerin und Koalitionsarbeit für das Netz - Trolle und Pöbler werden ausgebremst.

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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
ClausWunderlich 06.03.2015
1.
Facebook verkommt doch zu einem Werbeblättchen.
hotgorn 06.03.2015
2.
Es sind also Mehrkosten entstanden das gibt der Geck von Regierungssprecher durch die Blume schon zu. An anderer Stelle wird wohl kaum gespart.
moelln56 06.03.2015
3.
Schon mal Wählerstimmen für die nächste Bundestagswahl sichern.
Setzergott 06.03.2015
4.
war Facebook jemald was anderes? o.O Super Sache das die Regierung endlich im Netz ist...hat aber auch lange genug gedauert.
keine Zensur nötig 06.03.2015
5. .
Frau Dr. Merkel hat webenso wie ihre Regierungsmitstreiter sehr ausreichend unter Beweis gestellt, welche "Netzneulandkapazitäten" sie hat. Statt wieder Geld in die verdeckte Parteienwerbung zu stecken, sollte das NeuLand endlich mal erschlossen werden. Und das betrifft tatsächlich das flache Land. Dort wird durch die Netzbetreiber naturgemäß nicht soviel inverstiert, da lange Strecken und wenig Nutzer winken. Über die brachialen Fehlleistungen darf man dann wohl auch nicht mehr sprechen. Waren die Medienbeauftragten genauso in der ZK-Schule, wie manch Moderator in öffentlichen und privaten Medien? Dürfen wir davon ausgehen, dass wir auch bald Wahlautomaten haben, die in Florida getestet wurden?
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