Neues Parlament Wo Bolivien und Ruanda den Deutschen Bundestag abhängen

Der neue Bundestag ist ziemliches Mittelmaß - zumindest, wenn es um den Anteil von Frauen und jungen Mitgliedern geht. Ein internationaler Vergleich zeigt: Es geht auch anders.

Bolivianische Kongressabgeordnete (in La Paz 2015)
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Bolivianische Kongressabgeordnete (in La Paz 2015)

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Unter der Kuppel des Reichstags ist heute zum ersten Mal der neue Bundestag zusammengekommen. Das Parlament ist nicht nur größer, sondern auch männlicher als in der vergangenen Legislatur: Unter den 709 Abgeordneten sind gerade mal 218 Frauen, also rund 31 Prozent.

Mit diesem Wert ist Deutschland in "guter" Gesellschaft: Fast überall auf der Welt stellen Männer die große Mehrheit in den Parlamenten.

Vorreiter Schweden und Ruanda

Dass es auch anders geht, zeigt der Norden Europas. Schweden gilt in vielen Bereichen als Vorreiter bei der Gleichberechtigung. Das gilt auch für das Parlament: Laut der Aufstellung der internationalen Parlamentsvereinigung IPU besitzt es derzeit einen Frauenanteil von 46 Prozent. Nachbar Finnland war eines der ersten Länder, in denen Frauen wählen und selbst als Kandidatinnen antreten durften - heute beträgt ihr Anteil 42 Prozent.

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Weltweite Schlusslichter beim Frauenanteil sind Kuwait und Japan. In Europa liegt Ungarn ganz hinten, mit nicht einmal zehn Prozent. Es folgen Zypern und Lettland.

Ein weltweiter Sonderfall ist Ruanda: Es ist das Land mit dem höchsten Frauenanteil und außer Bolivien der einzige Staat, der mehr weibliche als männliche Abgeordnete hat. Das ostafrikanische Land liegt aufgrund seiner ungewöhnlichen Geschichte so weit vorn.

Während des Völkermords 1994 wurden viele führende Politiker ermordet. Insgesamt sank der Männeranteil in der Gesellschaft, wichtige Rollen des öffentlichen Lebens wurden daraufhin von Frauen besetzt.

Frauenanteil weltweit steigt

Im Jahr 2003 führte Ruanda Quoten ein: Mindestens 30 Prozent aller Sitze legislativer Institutionen sollen für weibliche Abgeordnete reserviert sein. Aktuell sitzen im Parlament des Landes mit 61 Prozent sogar etwas mehr als doppelt so viele Frauen. In Bolivien schreibt die Regelung vor, dass die Hälfte der Kandidaten Frauen sein müssen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten, das zeigt die Erhebung von IPU, ist die Zahl weiblicher Abgeordneter weltweit beständig gestiegen. Dazu haben auch Quoten wie in Ruanda beigetragen. Oft sind sie aber nicht verbindlich, Verstöße werden kaum sanktioniert oder nur einzelne Parteien haben sie freiwillig eingeführt.

Die Parlamente Europas sind eine Ü40-Veranstaltung

Beim Altersvergleich hat sich in Deutschland etwas getan, wenn auch nicht viel. Der Durchschnitt ist nach dieser Wahl von 49,7 auf 49,4 Jahre gesunken. In den vergangenen Legislaturperioden war der Bundestag eher älter geworden. Zum Vergleich: 1990 waren die Abgeordneten im Durchschnitt 48,7 Jahre alt. Der Durchschnitt ist nach dieser Wahl von 49,7 auf 49,4 Jahre gesunken. In den vergangenen Legislaturperioden war der Bundestag eher älter geworden. Zum Vergleich: 1990 waren die Abgeordneten im Durchschnitt 48,7 Jahre alt.

Damit ist der Bundestag deutlich jünger als die Parlamente von Ländern wie Luxemburg und Lettland, deren Mitglieder im Schnitt weit über 50 Jahre alt sind. Gleiches gilt für Zypern, wo die Alterskluft zwischen Parlamentariern und Bevölkerung besonders groß ist.

Im europäischen Vergleich sind die Abgeordneten in den Niederlanden mit durchschnittlich gut 45 Jahren am jüngsten. Es folgen Norwegen und Rumänien mit gut 46 Jahren.

Der Generationenkonflikt

Nach dem Brexit-Referendum wurde in Großbritannien viel über das Wahlverhalten verschiedener Altersgruppen diskutiert: Die entscheidenden Stimmen für den EU-Austritt kamen von den älteren Wählern. Und auch im britischen Unterhaus dominieren die Älteren, das Durchschnittsalter liegt bei rund 51 Jahren.

Großbritannien stellt mit dem 85-jährigen Dennis Skinner auch den ältesten Abgeordneten in den 23 von SPIEGEL ONLINE untersuchten europäischen Ländern. Zwar sitzt bei den Briten mit Mhari Black (23 Jahre) auch eines der jüngsten Mitglieder im europäischen Vergleich. Für den Spitzenplatz reicht das jedoch nicht: Der Norweger Freddy André Øvstegård wird erst am 20. Dezember 23 Jahre alt.

So haben wir gearbeitet

Die Pyramidengrafiken zeigen die Verteilung der Bevölkerung sowie der Abgeordneten eines Landes nach Geschlecht und Altersgruppen. Die Daten zu Geschlecht und Alter der Abgeordneten stammen von EveryPolitician.org, den offiziellen Seiten der Parlamente, sowie - im Fall von Deutschland - vom Bundeswahlleiter. Sie beziehen sich jeweils auf den aktuellen Stand in der laufenden Legislaturperiode.

Hat ein Land zwei Parlamentskammern, wurde nur jene berücksichtigt, die die von den Bürgern gewählte Volksvertretung darstellt, also in der Regel das Unterhaus.

Im europäischen Vergleich konnten Länder nicht berücksichtigt werden, wenn Angaben zu Geschlecht und/oder Geburtsjahr der Abgeordneten fehlten. Österreich und Tschechien wurden nicht berücksichtigt, weil nach den jüngsten Wahlen noch nicht die endgültige Zusammensetzung der Parlamente feststeht.

Daten zu anderen Eigenschaften von Parlamentariern, Merkmalen etwa, die zur Quantifizierung von Minderheiten geeignet wären (z.B. Bildungsgrad, Berufsgruppe, Migrationshintergrund, Behinderung) liegen nicht oder nicht in vergleichbarer Form vor.

Die Daten zu Geschlecht und Altersgruppen der Bevölkerungen stammen von Eurostat.



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