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Bundestagsauflösung: Schulz tituliert Köhler als Vollzugsbeamten

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Werner Schulz machte seiner Enttäuschung Luft. In einer Pressekonferenz nannte er Präsident Köhler, der gestern auf Antrag des Kanzlers Neuwahlen anberaumt hatte, einen "Vollzugsbeamten" Schröders. Der Grünen-Politiker will vor dem Verfassungsgericht klagen.

Werner Schulz: "Das ist eine Fangfrage"
DPA

Werner Schulz: "Das ist eine Fangfrage"

Berlin - Werner Schulz kommt zehn Minuten zu früh zu seinem vorerst letzten großen Auftritt. Gestern hat Bundespräsident Horst Köhler entschieden, den Bundestag aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen. Heute erscheint der grüne Abgeordnete in der Bundespressekonferenz, um sein Missfallen kundzutun und eine Verfassungsklage anzukündigen.

Schulz stellt sich an die Bar im Foyer und bestellt einen Kaffee, um die Wartezeit zu überbrücken. Die Fotografen pirschen um ihn herum, halten aber gebührlichen Abstand. Die Kameras filmen jeden Schritt beim Aufstieg in den Saal der Pressekonferenz.

So viel Aufmerksamkeit wird einem einfachen Bundestagsabgeordneten selten zuteil. Es passiert aber auch selten, dass sich ein einfacher Abgeordneter mit dem Kanzler und dem Präsidenten gleichzeitig anlegt. Nachdem Schulz am 1. Juli im Bundestag bereits Gerhard Schröders Vertrauensfrage als "absurdes Geschehen" gegeißelt hatte, nimmt er sich heute Köhler vor. Der Auftritt wird live auf Phoenix übertragen: Ebenso wie der Präsident kann Schulz sich direkt an das Volk wenden.

Köhler ist "Vollzugsbeamter"

"Enttäuscht" sei er von dem Bundespräsidenten, dass er kein kritisches Wort zum "despektierlichen Umgang mit seinem Amt" gefunden habe, sagt Schulz. Stattdessen sei Köhler in allen Punkten Schröder gefolgt und habe sich so zum "Vollzugsbeamten" des Kanzlerwunsches degradieren lassen. Offenbar hatte Schulz nach seinem persönlichen Gespräch im Bundespräsidialamt Köhler mehr Mut zugetraut. Doch das Staatsoberhaupt habe "dem politischen Druck nicht widerstanden", kritisiert Schulz.

So fällt es nun dem einstigen DDR-Bürgerrechtler Schulz zu, das Grundgesetz zu verteidigen. So zumindest sieht er es. Er lese immer, er sei ein "Ex-Bürgerrechtler", sagt Schulz. Doch Bürgerrechtler sei kein Beruf, aus dem man irgendwann ausscheide, sondern bedeute, immer und überall Zivilcourage zu zeigen. Die will Schulz auch in der Bundesrepublik beweisen, und er macht das wie gewohnt sehr eloquent. Seine Klage sei eine "Einmischung in eigener Angelegenheit" für die Demokratie. Es stünden schon genug Leute am Rand und schauten zu. 2000 davon hätten ihm ermunternde E-Mails geschickt, auch andere Abgeordnete hätten ihm Sympathie bekundet.

Die Rolle mit dem erhobenen Zeigefinger ist Schulz' Paraderolle. Der Mann, der zu den besten Rednern der Grünen zählt, von seiner Partei aber aufs Abstellgleis rangiert wurde, hat sich wiederholt als einsamer Rufer im Wald profiliert. Während er sich laut Kollegen in der täglichen Arbeit nicht übernimmt, schafft er es immer wieder, mit entsprechender Rhetorik sein Außenseiter-Image zu pflegen.

Berlin auf dem Weg in die "Kanzlerdemokratie"

Auch heute scheut er keinen Tabubruch. Er bekräftigt noch einmal den umstrittenen Volkskammer-Vergleich, den er am 1. Juli gezogen hatte. Er habe ihn mit Bedacht gewählt, sagt Schulz. Die Volkskammer der DDR sei "ein gespieltes Parlament" gewesen, das deswegen von den Bürgern nicht ernst genommen worden sei. Mit der Verfassungsklage wolle er den Bundestag vor dieser Gefahr bewahren. Er müsse es hinnehmen, dass ein Kanzler aus der Verantwortung fliehe. Aber nicht hinnehmen könne er, dass dabei über hundert Abgeordnete zu "Fluchthelfern" gemacht würden.

Viele Politiker, insbesondere in der Grünen-Führung, werfen Schulz vor, mit der Verfassungsklage nur persönliche Aufmerksamkeit zu suchen und nachzutreten, weil ihm ein sicherer Listenplatz bei der anstehenden Wahl verweigert wurde.

Doch Schulz als beleidigten Krawallmacher abzuqualifizieren, greift zu kurz. Dafür sind seine Argumente zu stichhaltig - so provozierend er sie auch vorträgt. Das Vorgehen Schröders und Köhlers sei "ein Stück Weimar in Berlin", sagt Schulz. Die beiden hätten faktisch ein "Kanzlerauflösungsrecht" des Bundestages etabliert und damit einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen. Was unter Kohl als "Hintertürchen" begonnen habe, sei nun zu einem "Scheunentor" ausgebaut worden.

"Was tun wir denn, wenn das Volk wieder nach Neuwahlen ruft?", fragt Schulz. Wenn das Verfassungsgericht den Schröder-Köhler-Plan nicht einkassiere, könne ein Kanzler in Zukunft jederzeit sein "gefühltes Misstrauen" ausdrücken, der Präsident es abnicken und schon gäbe es Neuwahlen. Die Bundesrepublik wäre dann zur "Kanzlerdemokratie" verkommen. Im Übrigen sei die derzeitige "Euphorie" über die Neuwahlen "künstlich erzeugt" worden. Was sich da in den Umfragen manifestiere, sei nicht der Wunsch der Bevölkerung nach Neuwahlen, sondern einzig "die Lust auf Ab- und Protestwahl".

Schlechte Aussichten für Schulz

Schulz bekräftigt seine Auffassung, dass Schröder ohne Not die Vertrauensfrage gestellt habe. "Es gibt keine Staats- und Regierungskrise", sagt er. Rot-Grün habe eine stabile Mehrheit. Die Treueschwüre der linken Kritiker dürfe man "nicht einfach wegwischen". Und wenn der Kanzler mit den derzeitigen, nach links korrigierten Wahlprogrammen von SPD und Grünen regieren wollte, wäre diese Mehrheit nicht in Gefahr. Es wäre daher "konsequent und souverän" von Köhler gewesen, so Schulz, den Kanzler darauf hinzuweisen, dass die Wähler 2002 eine "Richtungsentscheidung" für vier Jahre Rot-Grün getroffen hätten.

Die Aussichten der Klagen von Schulz und der SPD-Abgeordneten Jelena Hoffmann werden als äußerst gering eingeschätzt. Aber der Mann mit dem traurigen Gesichtsausdruck, der in den vergangenen Wochen als "tragische Figur" beschrieben wurde, hat die Hoffnung auf die Verfassungsrichter noch nicht aufgegeben. Wieder und wieder appelliert Schulz an die höhere Vernunft der Juristen. Auch beim NPD-Verbot und dem europäischen Haftbefehl habe das Oberste Gericht schließlich seine Unabhängigkeit bewiesen und gegen den Willen der Politik entschieden.

Sollten die Richter grünes Licht für die Neuwahlen geben, sieht Schulz die Zukunft düster. Sehr schnell werde nach dem 18. September die Ernüchterung einsetzen, warnt er. Es werde "Turbulenzen" im Bundestag geben, orakelt er.

Nur bei einem Thema vergisst Schulz den Klartext - als es um ihn selbst geht. Wie es denn angehe, dass er sich an dem vermeintlich verfassungswidrigen Spiel beteilige, wird er gefragt. Schließlich habe er sich selbst um einen Listenplatz bei den Berliner Grünen beworben, der ihm dann verwehrt wurde. Das sei eine "Fangfrage", antwortet Schulz indigniert. Er sehe den Widerspruch, könne sich aber dem Spiel "nur bedingt entziehen". Schließlich müsse auch er sich auf die Neuwahlen einstellen.

Nach 48 Minuten beendet Schulz seine Pressekonferenz. Er geht die Treppe hinunter und stellt sich vor die Mikrofone im Foyer. Die Linke in der Hosentasche, einen schwarzen Rucksack in der Rechten, fasst er noch einmal alle Anklagepunkte griffig zusammen. Dann geht er - zu Fuß. Es ist unwahrscheinlich, dass er noch einmal wieder kommt.

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