Wahl 2017 Die Macht der Kleinen

Dieser öde Wahlkampf könnte doch noch Fahrt aufnehmen: Am Tag nach dem TV-Duett von Merkel und Schulz eröffneten die vermeintlich kleinen Parteien neue Optionen.

Cem Özdemir (Die Grünen, v.l.), Joachim Hermann (CSU) und Christian Lindner  (FDP)
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Cem Özdemir (Die Grünen, v.l.), Joachim Hermann (CSU) und Christian Lindner (FDP)

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Das Format des Zweier-Spitzenduells, das sich in der Bundesrepublik eingebürgert hat, ist eine optische Täuschung. Deutschland ist kein Präsidialsystem. Hier geht es nicht um den Zweikampf zwischen CDU-Kanzlerin Angela Merkel und ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz. Am Ende gibt es kein Naturgesetz, wonach die Große Koalition die letzte aller Weisheiten ist.

Bei dieser Bundestagswahl ist tatsächlich vieles drin: Natürlich erneut eine Große Koalition, auch die Neuauflage einer schwarz-gelben Regierung. Aber eben auch völlig neue Farbkonstellationen - Schwarz-Grün oder die sogenannte Jamaika-Variante aus Union, FDP und Grünen. Das sind die wahrscheinlichsten Möglichkeiten.

Unwahrscheinlicher, aber rechnerisch eventuell ebenfalls drin, wären zwei weitere: Die Ampel aus Rot, Gelb und Grün, wobei die FDP wenig Neigung zeigen dürfte, sich von SPD und Grünen umstellen zu lassen. Und ein rot-rot-grünes Bündnis, das aber vor allem (und nicht nur) angesichts der außenpolitischen Haltung der Linkspartei wohl die Träumerei einiger weniger bleiben wird.

AfD mal nicht in der Opferrolle

Diese Vielfalt der Optionen zeigt jedenfalls: Auf den letzten Metern könnte die Stunde der Kleinen schlagen. Am Montagabend fand nun - im Schatten eines deutschen WM-Qualifikationsspiels - das Aufeinandertreffen der Spitzenkandidaten von CSU, Linke, FDP, Grünen und AfD in der ARD statt. Wer es sah, wurde nicht enttäuscht.

Auch hier hätte man Schlimmes befürchten können, auch hier gab es ein Fragekorsett, aber das Erstaunliche geschah: Die beiden Moderatoren hielten sich kurz, und in 75 Minuten tat sich Luft auf für eine sogar inhaltliche Debatte. Immerhin in Ansätzen wurden da in der Kürze der Zeit Themen behandelt, die in der Debatte der Großen teilweise vermisst wurden: Digitalisierung, Bildung, Rente, Mieten und sozialer Wohnungsbau, Flüchtlingspolitik und Dieselmotor. Die Unterschiede wurden in erstaunlich sachlicher Art und Weise zwischen Christian Lindner (FDP), Alice Weidel (AfD), Cem Özdemir (Grüne), Sahra Wagenknecht (Linke) und Joachim Herrmann (CSU) ausgetragen.

Erstaunlich deshalb, weil die Anwesenheit der Vertreterin der rechtspopulistischen AfD nicht dazu führte, dass sie durch den Zusammenschluss der anderen in die Opferrolle gedrängt wurde - eine Rolle, die die AfD nur allzu gerne einnimmt und aus der sich ein Teil ihres Erfolges speist. Doch diesen Gefallen taten ihr die Mitdiskutanten nicht.

"In welcher Konstellation auch immer"

Interessant war dieser Abend auch, weil Vorboten einer möglichen Koalitionsbildung zu erkennen waren. Da duzte FDP-Chef Lindner den Grünen-Chef Özdemir und sprach ihn in einer Fragerunde als möglichen künftigen Außenminister an - "in welcher Konstellation auch immer", so der Liberale.

Es war ein aufschlussreicher Nebensatz dieses "Fünfer-Duells", zeigte er doch, dass die Matadore durchaus schon die (selbstverständlich vor der Wahl weit von sich gewiesenen) Koalitionsmodelle durchspielen. Der künftige Bundestag, das zeigen die stabilen Umfragen der vergangenen Wochen, wird breiter gefächert sein als der alte.

Er bedeutet die Rückkehr der FDP, aber auch den Einzug der rechtspopulistischen AfD und mit ihr eine neue Härte in der innenpolitischen Debatte. Linke und Grüne müssen sich anstrengen - auch im Kampf um die Frage, wer die stärkste Oppositionskraft wird, wenn es doch zur Neuauflage der Großen Koalition kommt. Wer sagt also, dass dieser Wahlkampf nicht doch noch spannend wird?



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insgesamt 207 Beiträge
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tulius-rex 05.09.2017
1. Merkels Wahlhelfer
Es zeigt sich einmal mehr: die besten Wahlhelfer für weitere 4 Jahre CDU/CSU sind DIE LINKE und die AfD. Wenn Wagenknecht weiter auf die SPD einprügelt, bleibt es immer und ewig bei der GroKo. Die AfD hat keinerlei Konzept außer rückwärtsgewandte Nörgelei und völkisches Geschwafel (darin gleicht sie dem CSU-Mann Hermann). Ein-Mann-Show Lindner (gibt es eigentlich noch andere FDPler?) ist ein egomanisches Kasperletheater. Der einzige, der mit Zahlen, Daten, Fakten überzeugen konnte ist der GRÜNE Özdemir. Dort sieht man vernünftige Ansätze in der Zuwanderung, Energieversorgung, Umwelt, Digitalisierung und Bildung. Aber ob er so etwas mit Schwarz-Grün umsetzen kann ist doch sehr fraglich.
harryklein 05.09.2017
2. Was ist das?
Ich dachte, nach zwei Absätzen Einführung beginnt jetzt der substanzielle Teil des Artikels. Aber da war er auch schon zu Ende. Kein einziges Wort über die diskutierten Inhalte? Eurokrise? Wohnpolitik?
peter-11 05.09.2017
3. Moderation
was geschickte, zurückhaltende Moderation doch ausmachen kann. Was das "Duell" angeht, so liegt das Problem nicht nur bei den Politikern, sondern auch an den (zu vielen) Sendern, die ihr "Talkstars" in Szene setzen wollen. So muss nicht nur auf die gleiche Redezeit der Duelanten geachtet werden, sondern auch natürlich auch auf die der Fragenden. Das hemmt zusätzlich und fördert diese Langatmigkeit, weil so die eigentliche Moderation einfach nicht ins Laufen kommt.
ohne_mich 05.09.2017
4. Naja...
Zitat von tulius-rexEs zeigt sich einmal mehr: die besten Wahlhelfer für weitere 4 Jahre CDU/CSU sind DIE LINKE und die AfD. Wenn Wagenknecht weiter auf die SPD einprügelt, bleibt es immer und ewig bei der GroKo. Die AfD hat keinerlei Konzept außer rückwärtsgewandte Nörgelei und völkisches Geschwafel (darin gleicht sie dem CSU-Mann Hermann). Ein-Mann-Show Lindner (gibt es eigentlich noch andere FDPler?) ist ein egomanisches Kasperletheater. Der einzige, der mit Zahlen, Daten, Fakten überzeugen konnte ist der GRÜNE Özdemir. Dort sieht man vernünftige Ansätze in der Zuwanderung, Energieversorgung, Umwelt, Digitalisierung und Bildung. Aber ob er so etwas mit Schwarz-Grün umsetzen kann ist doch sehr fraglich.
Dann haben Sie scheinbar Frau Wagenknecht nicht zugehört, zumal Sie sie ja im ersten Satz bereits wegen Nichtigkeiten diskreditieren.
INGXXL 05.09.2017
5. Wenn wie es ausschaut
Grüne und FDP in eine Koalition gehen, dann ist die Sache gelaufen. SPD geht mit Schulz in die Opposition und Merkel regiert mit der Jamaika Koalition. Verbrennungsmotor wird 2040 abgeschafft, Rente mit 69,5 kommt 2030 und Kohlekraft Werke werden 2040 geschlossen. Ist doch alles in Butter
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