Deutschland nach der Wahl Lauter Verlierer

Angela Merkel hat die Wahl gewonnen, Martin Schulz in der Niederlage eine neue Rolle gefunden. Die AfD taumelt vor Freude, die erstarkte FDP, weil sie sich in die Regierung gezwungen sieht. Ein Abend der Niederlagen.

Berliner Runde zur Wahl
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Berliner Runde zur Wahl

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Es gibt etwas, das sie alle gemein haben an diesem Abend: Angela Merkel, Martin Schulz, Horst Seehofer. Sie alle haben ihren Parteien historische Niederlagen beschert. Am Tisch sitzen dann in der "Elefantenrunde", man reibt sich die Augen: lauter Gewinner.

Merkel hat gewonnen, weil sie mehr Stimmen hat als die anderen, wenn auch mit einem Rekordverlust für die Union.

Schulz hat gewonnen, weil er endlich glaubt, eine Rolle gefunden zu haben - lieber würdevoll in der Opposition als bis zur Unkenntlichkeit gestaucht in der Regierung.

Die CSU hat gewonnen, weil die meisten der bayerischen Wähler für sie stimmten. Wenn auch wohl mit dem zweitschlechtesten Ergebnis ihrer Geschichte.

Verlierer aber sind auch die anderen, die Grünen, die Linken. Denn mit am Tisch sitzt die AfD. Und die anderen haben das nicht verhindert. Sie sind nun eifrig bemüht, damit möglichst wenig zu tun zu haben.

Aber was nutzt ein Denkzettel, den keiner liest?

Bundestagswahl 2017

Endgültiges Ergebnis

Zweitstimmenergebnis
Anteile in Prozent
Union
33
-8,5
SPD
20,5
-5,2
Die Linke
9,2
+0,6
Grüne
8,9
+0,5
AfD
12,6
+7,9
FDP
10,7
+5,9
Sonstige
5,1
-1,2
Sitzverteilung
Insgesamt: 709
Mehrheit: 355 Sitze
246
80
67
69
153
94
Quelle: Landeswahlleiter

Die SPD versucht, Land zu gewinnen, kaum sind die ersten Hochrechnungen bekannt. Von der Großen Koalition, in deren Zeit die AfD an Zuspruch gewonnen hat, will man sich abwenden wie von einem ansteckenden Infekt. Ab 18:01 Uhr, achtzehn-Uhr-eins: Opposition. Doch kann man in Opposition gehen zu eigenen Entscheidungen, zur eigenen Verantwortung? Das Erstarken der AfD ist ein Ergebnis der Großen Koalition, in der auch die SPD regierte.

Schulz wählt einen komfortablen Weg: Die AfD, so seine Botschaft, ist Merkels Problem und eines der Union. Doch auf einem zu schlanken Fuß kann man schlecht stehen. Es scheint an diesem Abend ein wenig so, als sei die Opposition die noblere Regierung. Auf der Strecke bleibt dabei die SPD selbst, als einst so stolze Partei. Sie tut so, als übernähme sie die Verantwortung, in Wahrheit stiehlt sie sich fort.

Seit Jahren war die Linke die Antithese zur Regierungsverantwortung, manchmal hatte man gar das Gefühl: Es war ihr nicht unlieb. Als Protestpartei kann man im Bund gegen alles sein, ohne je deutlich zu belegen, ob die eigenen Ideen der Realität standhalten würden. Nun bleibt ihr nicht einmal mehr dieses Alleinstellungsmerkmal: Die Linke als Protestpartei, das war einmal. Nun keifen andere lauter, nun inszeniert sich die AfD deutlich erfolgreicher als Rächerin der zu kurz Gekommenen. Die Linke braucht nicht weniger als eine eigene Identität. Das ist nicht so wenig.

Die Grünen haben es nicht geschafft, deutlich zu punkten - in Jahren, die geprägt waren durch Debatten über Integration und Klimawandel. Schaut man sich das Ergebnis der Grünen an, dann ist es gerade so, als sei in den vergangenen vier Jahren nichts passiert.

Am Ende bleiben zwei Gewinner: die FDP und die AfD. Die AfD, weil sie sich von einer Partei der Euroskeptiker gewandelt hat zu einer wahrhaft fremdenfeindlichen Partei. Und weil sie es geschafft hat, während sie sich intern in Machtkämpfen zerlegte, dennoch Ängste der Menschen zu schüren und sie erfolgreich für ihre eigenen Zwecke zu instrumentalisieren. Die anderen Parteien haben sich nicht ausreichend um diese Ängste bemüht. Die AfD war, wenn man so will, näher dran am Volkszorn.

Für Lindner und die FDP ist es ein wahres Dilemma: Er hat den Wiedereinzug in den Bundestag geschafft. Und nun wird er, bevor er sich überhaupt richtig hat freuen können, zum Lückenbüßer degradiert. Schulz räumt das Feld, und Lindner, auferstanden aus Ruinen, soll es bestellen. Undankbar könnte man das nennen. Er ist zur Konstruktivität verdammt.

Die Rolle, die Schulz im Wahlkampf nicht finden konnte, die fand er in den Sekunden nach der ersten Hochrechnung. Gelöst wirkte er, irritierend gelöst. Wie jemand, der gerade noch Teil des Systems war und sich nun anmaßt, es zu verlachen für seine Unzulänglichkeiten. Schulz münzt die Niederlage um in einen Moment größter innerer Freiheit. Endlich nicht mehr eingequetscht von Merkel und der Union, sondern wieder in der Lage, eine Entscheidung zu treffen: und sei es die, der Regierungsverantwortung erst einmal den Rücken zu kehren. Mag sein, dass sich das für die SPD in der Rückschau als richtig, gar als überlebenswichtig erweisen wird.

Es war nicht nur ein Abend der Verlierer. Es war ein zynischer Abend. Für Deutschland und die deutsche Politik.



insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
dirk1962 25.09.2017
1. Merkel krachend gescheitert
Wenn das für Merkel ein Wahlsieg war, dann Frage ich mich, was wohl passieren muß, damit man es Niederlage nennt? Ebenso wie die SPD hat die Union ein desaströses Ergebnis eingefahren und über 1Mio Wähler an die AfD verloren. Nach meinem Verständnis hat zwar die Union den Auftrag zur Regierungsbildung erhalten, nicht jedoch Frau Merkel.
tmhamacher1 25.09.2017
2. Feigling!
Warum hat die SPD nicht vor der Wahl gesagt, dass sie keine Koalition mit der CDU eingehen will? Dann wäre vielen Wählern klarer gewesen, dass sie sich in der Opposition erneuern will und hätten einer Partei die Stimme geben können, die sich nicht so feige aus der Verantwortung stehlen will. Schulz riskiert, dass in Deutschland eine gefährliche Instabilität entsteht, die der Sache der AfD weiter dienen könnte, und er versucht, diese klägliche Wehleidigkeit als einen Akt der Befreiung zu verkaufen. Das Problem bei der SPD ist, dass sie sich immer wieder Politikern anvertraut, die das Wasser nicht halten können, wenn es eng wird. Der gute Mann aus Würselen sollte zurück nach Brüssel gehen, da kann er sich dann wieder wichtig machen!
Knackeule 25.09.2017
3. Konsequenzen
Am meisten verloren bat die bayerische CSU, über 10 Prozentpunkte. Da die CSU, ähnlich wie der FC Bayern, erfolgs verwöhnt ist, wird das ähnliche Konsequenzen für Parteichef Seehofer haben wie für einen erfolglosen FCB-Trainer: Ablösung ! Loser werden nicht geduldet.
Angela0451 25.09.2017
4. Wie man's macht
Ich bin gottfroh, dass es keine große Koalition mehr gibt - und hätte der CDU noch viel mehr Verluste gewünscht (wenn auch nicht an die Afd). Und die Quadratur des Kreises schafft eben auch keine SPD: Entweder sie geht - beladen mit all den Fehlern, die sie zweifelsohne gemacht hat - oder alles droht beim Alten zu bleiben. Und eine Merkel, die selbst nach knapp 33 % vor Ignoranz nur so strotzt (ein bisschen was verloren...) und nicht mehr einfällt als "an uns (mir!Anm.d.V.) kommt niemand vorbei" muss in ihrer Unerträglichkeit endlich raus aus der Komfortzone. Ich habe FDP und Grüne nicht gewählt - aber zur Zeit sind sie in meinen Augen ein echter Hoffnungsschimmer, wenngleich ich starke Zweifel habe, dass sie sich zusammenraufen. Falls nicht - Neuwahlen. Alles besser als diese verdammte Muttiiesierung.
taxikutscherHH 25.09.2017
5. Frau Merkel
Im geistigen Niemandsland. Frau Merkel: Ich bin stocksauer. Stocksauer weil die Automobilindustrie Lücken bei der Abgasreinigung ausgenutzt hat welche sie selbst auf europäischer Ebene implementiert hat. Frau Merkel gestern: Ich bin nicht enttäuscht. So zieht sich das seit 12 Jahren durch. Diese Frau wird wahnsinnig überschätzt. Sie ist lediglich wie ein nasser Aal der einem immer wieder durch die Finger flutscht. Sie wird es wieder versuchen, aber Ihre timeline ist am Ende. Ob sie es wahrhaben will oder nicht. Gott sei Dank. Wann wird neu gewählt?
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