Wahlprogramme in der Computeranalyse Das sind die beliebtesten Floskeln der Parteien

Die Parteien stecken viel Arbeit in ihre Wahlprogramme - und am Ende liest sie kaum ein Mensch. Weil sie lang und staubtrocken sind. Für SPIEGEL ONLINE hat Kollege Computer die Floskelsammlungen genauer untersucht.

SPIEGEL ONLINE

Von und


Haben Sie das Wahlprogramm einer Partei gelesen? Nein? Sie sind nicht allein. Die meisten Wähler haben wohl auch kurz vor der Bundestagswahl noch nie einen Blick in die Papiere geworfen, in denen CDU, SPD, Grüne und Co. ihre Pläne und Versprechen für die kommenden vier Jahre aufgeschrieben haben.

Das liegt auch an den Programmen selbst: Sie sind meist sehr umfangreich und dazu noch schwer lesbar. Das schreckt viele Menschen ab. SPIEGEL ONLINE hat den Check gemacht und die Werke der Parteien von Computerprogrammen überprüfen lassen: Wie unterscheiden sie sich sprachlich? Wer "fordert" wortwörtlich am häufigsten? Und wer greift am häufigsten zur Floskel?

Einige Besonderheiten kamen dabei heraus: Keine Partei benutzt zum Beispiel so häufig das Wort "Innovation" wie die Sozialdemokraten. Und die Union verlässt sich gern auf Heimatphrasen, die an die Zeit von Helmut Kohl erinnern.

Die Auswertung konzentrierte sich auf jene sechs Parteien, die die größten Chancen haben, in den Bundestag einzuziehen. 823 Seiten lang sind deren Programme zusammen. Mehr zur Methodik lesen Sie am Ende des Artikels. (Und hier finden Sie eine inhaltlichen Vergleich der Programme.)

CDU/CSU

Helmut Kohl hatte schon als aufstrebender Politiker in der pfälzischen Heimat eine Schwäche für eine bestimmte Phrase: In vielen seiner Reden baute er das Fragment "in diesem unserem Lande" ein. Zeitgenossen verpassten ihm den Spitznamen "Indula". Und siehe da: Kohls Erbe setzt sich bis heute fort. Im CDU-Programm taucht "unser Land" auffallend häufig auf.

Ansonsten präsentiert sich die Union in der Wortwahl bieder, verwendet gerne abgenutzte Worte wie "Wachstumsmotor" und "Zukunftsprojekt". Eine entscheidende Rolle im Programm spielt die Kanzlerin: Keine der anderen fünf Parteien nennt sonst im Programm ihren Spitzenkandidaten. Bemerkenswert außerdem: Die Sätze sind im Schnitt deutlich kürzer als bei der Konkurrenz. Tatsächlich hatte sich die Union vorgenommen, ein besonders leicht verständliches Programm zu verfassen.

Das Programm in Zahlen:

  • 129.000 Zeichen
  • 6,7 Zeichen pro Wort
  • 11,7 Wörter pro Satz

SPD

Das SPD-Wahlprogramm kommt eher uninspiriert daher, zumindest wenn es nach der Wortwahl geht. Da hilft es auch nicht, dass die SPD das Wort "Innovationen" so häufig wie keine andere Partei in ihrem Programm nennt. Beispiele: "In Deutschland brauchen wir mehr Bereitschaft für Innovationen", Unternehmen bräuchten "einen Staat, der Impulse für Innovationen setzt", daneben findet sich "Innovationsoffenheit", "Innovationsprogramme", "Innovationsmotor", "Innovationsdialog", "Innovationsagenturen", "Innovationscheck". Am Ende bleibt kein Zweifel: Die SPD will innovativ sein.

Sie will aber noch mehr - und kleidet das oft in Sätze, die einen ratlos zurücklassen. Zum Beispiel bei der Bologna-Reform, die europäischen Studenten den Weg ins Ausland erleichtern soll: "Dafür müssen wir europaweit Qualitätsanreize setzen, damit Studieneingangsphasen flexibler gestaltet und Freiräume zur Studiengestaltung ausgeweitet werden." Interessant. Oder dieser: "Die Jagd soll zeitgemäß und naturnah sein."

Das Programm in Zahlen:

  • 254.000 Zeichen
  • 6,9 Zeichen pro Wort
  • 14,2 Wörter pro Satz

Die Linke

Die Linken mögen es ausführlich. In Sachen Seitenumfang muss sich die Partei nur den Grünen geschlagen geben. Bei keiner anderen Partei geht es so "gerecht" zu - die Linke überflügelt bei der Verwendung des Begriffs sogar die SPD, die das Thema "Soziale Gerechtigkeit" zu einem zentralen Punkt ihres Programms ausgerufen hat.

        Gerecht soll es bei der Linken zugehen
DPA

Gerecht soll es bei der Linken zugehen

Mit den Linken soll zudem alles "gut" werden: "gute Bildung", "gute Arbeit", "gute Löhne", "gute Renten", "gute Pflege". Keine andere der fünf Parteien fordert zudem so oft einen "Rechtsanspruch" in allen möglichen Lebenssituationen ein: auf mobiles Arbeiten und Home-Office, auf Ganztagsbetreuung für Kinder, auf inklusive Bildung oder ein kostenfreies Girokonto.

Das Programm in Zahlen:

  • 388.000 Zeichen
  • 6,9 Zeichen pro Wort
  • 13,3 Wörter pro Satz

Grüne

Das längste der sechs untersuchten Programme ist fast viermal so lang wie jenes der AfD. Dabei bietet es sprachlich wenig Überraschendes. Irgendwie ist alles Durchschnitt: Wort- und Satzlänge zum Beispiel, zudem wird moderat gefordert und moderat abgelehnt.

Ein Wort hat es den Grünen aber besonders angetan - eigentlich ist es ein Wortteil: "Innen" wird im Wahlprogramm am häufigsten genutzt. Dafür gibt es eine einfache Erklärung: Die Partei setzt die gleichberechtige Ansprache von Mann und Frau mit "Unternehmer*innen" und "Forscher*innen" konsequent durch.

Einige Wortkreationen dürften beim normalen Bürger doch für Fragezeichen sorgen: Oder wissen Sie, was sich hinter "Landgrabbing" verbirgt? Oder hinter "Mediationskapazitäten", "Wiedervernässung" oder "Textilbeton" (ohne googlen)?

Das Programm in Zahlen:

  • 404.000 Zeichen
  • 6,7 Zeichen pro Wort
  • 13,8 Wörter pro Satz

FDP

Lindner, Lindner, Linder - seit Monaten ist der FDP-Chef quasi omnipräsent. Geht es dieser Tage um die FDP, kommt man an der liberalen Ein-Mann-Kapelle kaum vorbei. Doch wie präsentiert sich das FDP-Wahlprogramm? Lindnerfrei (sieht man mal vom persönlichen Vorwort des Vorsitzenden ab). Dafür fällt 227 Mal die Formulierung "Wir Freie Demokraten..."

Christian Lindner
KOALL/ EPA/ REX/ Shutterstock

Christian Lindner

Doch ein wenig Lindner-Sprech können sich die Programmmacher nicht verkneifen, etwa wenn sie vermeintlich junge, frische, englische Begriffe verwenden: Dann ist von "Empowerment" und "Vectoring" die Rede. Daneben präsentiert das Programm aber auch viel sprachliche Tristesse: "Berechtigungslogiken", "Überforderungsregelungen" und "Verkehrsbeeinflussungsanlagen" sind nur einige Beispiele. Und falls es jemanden betrifft: die FDP will "den Flickenteppich der Kormoranverordnungen in Deutschland harmonisieren".

Das Programm in Zahlen:

  • 238 000 Zeichen
  • 6,9 Zeichen pro Wort
  • 14,3 Wörter pro Satz

AfD

Die "Alternative für Deutschland" hat das kürzeste Wahlprogramm der sechs untersuchten Parteien. Die AfD setzt auch hier auf Provokation und Abgrenzung. Das zeigt sich auch im sprachlichen Bereich, wenn die Verfasser sich um das "Zurückweichen des Deutschen vor Einwanderersprachen" sorgen.

Auffällig: Gemessen an der Textlänge "lehnt" keine andere Partei so viel "ab" wie die AfD - um sich gleichzeitig über "Bedenkenträger" und "Verweigerungshaltung" zu beschweren. Zudem tauchen einige Begriffe nur bei der AfD auf: Etwa "Massenzuwanderung", "Abschiebungshindernisse" oder "Berufspolitikertum".

Das Programm in Zahlen:

  • 115.000 Zeichen
  • 7,1 Zeichen pro Wort
  • 14,5 Wörter pro Satz

Methodik:

Die seit Anfang August online verfügbaren PDF-Fassungen der Wahlprogramme wurden in Textdateien umgewandelt. Dabei entstandene Fehler - insbesondere Trennstriche mitten in Worten - konnten fast vollständig behoben werden. Inhalts- und Stichwortverzeichnisse wurden gelöscht, Infografiken ignoriert.

  • Zeichenzahl (ohne Leerzeichen) und Anzahl der Wörter wurden mithilfe handelsüblicher Textverarbeitungsprogramme bestimmt.
  • Mithilfe der Bibliotheken NLTK und spaCy wurden mit einem in der Programmiersprache Python geschriebenen Skript Sätze gezählt und typische Phrasen ermittelt sowie Substantive bestimmt, die nur in einem Wahlprogramm vorkommen und damit als Alleinstellungsmerkmale gelten können.
  • Und noch einmal: Eine inhaltliche Würdigung und Einordnung der einzelnen Wahlprogramme leistet diese Analyse nicht.


insgesamt 50 Beiträge
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Seite 1
marthaimschnee 17.09.2017
1. Landgrabbing
Wer das Wort nicht kennt, der gehört vermutlich auch zu denen, die sich im völligen Widerspruch zu ihrer persönlichen Situation von Merkel ein "Uns geht es gut" einreden lassen. Und witzigerweise ist dieses Wort auch einer der Ursachen, warum hier plötzlich vermehrt Flüchtlinge auftauchen. Schon seltsam, welche Wege die Kausalität manchmal geht, nicht wahr? Aber dieses Wort dürfte dann wohl genauso auf ein Fragezeichen im Kopf stoßen.
mhuz 17.09.2017
2. Jeder bekommt was er verdient
Im Grunde sind doch die Wähler selber schuld, weil sie nur noch auf die Hören, die am Meisten schreien und Toben. Weil sie nur noch Vereinfachung wollen. Sie brauchen immer das große Event. Und im Grunde leben die Medien davon - das Richtige Wir interessiert doch keinen, man wartet auf das besondere (laute ) Wort. Das einzige Problem ist der langsame und der ruhige Wahlkampf. Wenn die Medien in einem Artikel nicht einmal, von Versagen, Schrecklich usw schreiben kann, dann braucht man es nicht schreiben. Die AFD ist laut, nicht Korrekt und merkwürdige Aussagen aber die Wähler mögen sie. Jedes Volk bekommt die Regierung, die es verdient.
upalatus 17.09.2017
3.
Jeder größere Betrieb oder Verein oder eine Vorankündigung/Zusammenfassung einer Messe oder dergleichen strotzt vor gutklingenden Ausdrücken, weil schlichte alte Begriffe als zu uncool und ältlich angesehen werden. Das Neuhübsch des Um-Zer-Bla-Luft-Überschreibens (auch -redens) wird allgemein geübt.
hugahuga 17.09.2017
4.
Dass diese - mMn völlig überflüssige FDP - sich anscheinend darin gefällt, die englische Sprache bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit zu verwenden, sagt doch einiges über die Verfasstheit der Führungsleute in dieser Partei. Wer beuaht sowas? Ich jedenfalls nicht, kommen mit der deutschen Sprache recht gut zurecht. Damit kein Zweifel aufkommt. Deutsch in Deutschland. Englisch in den englisch sprechenden Staaten.
genugistgenug 17.09.2017
5. lang und staubtrocken .... und vor allem, erstunken und erlogen
Doch vor allem, auf den Wahlprogrammen fehlt das MhD (Maximalhaltbarkeitsdatum): 'Diese Wahlprogramm verfällt mit Schließeung der Wahllokale um 18:00:01 - Danach machen wir weiter wie immer und zocken euch ab'. PS es soll tatsächlich noch Bürger geben, die glauben, was so verzapft wird - die sich mit Schlagworten 'Gerechtigkeit' zufrieden geben, statt mal nachzufragen 'Gerechtigkeit für wen und wie?' - dann würden diese Floskel-Luftballons sofort platzen.
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