Die Wahl ist nur der Anfang Werdet endlich Souverän

Keine Zeit für Resignation: Wenn Politik und Wirtschaft sich nicht bewegen wollen, dann müssen wir Bürger uns eben selbst um die Herausforderungen der Zukunft kümmern. Ein Appell für mehr politisches Engagement.

Wahllokal in Berlin (Archivbild)
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Wahllokal in Berlin (Archivbild)

Ein Gastbeitrag von Claudia Langer


Zur Autorin
  • Thomas Kalak
    Claudia Langer ist Vorstand der Generationen Stiftung und Ex-Unternehmerin. Sie hat u. a. utopia.de gegründet, eine Internetplattform für nachhaltigen Konsum und gesellschaftlichem Wandel. Seit 2013 hat sie sich der Generationengerechtigkeit verschrieben. Das von ihr mitinitiierte Generationenmanifest.de stellt 10 Forderungen an die kommende Bundesregierung zur Berücksichtigung im nächsten Koalitionsvertrag.

Wieder mal dürfen wir wählen. Wieder wird es eine Wiederwahl. Aus Mangel an Vision und aus Mangel an Mut. Keiner der Protagonisten scheint visionär oder mutig genug, unser Land tatsächlich voranzubringen. Wir sind also selbst gefordert.

Angela Merkel verweigert nicht nur mit ihrem Plakat "Das große Ganze beginnt mit einem Ohr für die kleinen Dinge" die Diskussion über die "großen Dinge" und die von so vielen geforderte Strategie für Deutschland.

Das "Neu-Denken"-Programm der FDP schreit nach Juliane Werdings "Wenn du denkst, du denkst, ...".

Schulz klinkt sich gleich aus Visionen aus, geriert sich als Macher: "Für die Zukunft braucht man neue Ideen - und einen, der sie umsetzt." Nur was? Hat uns Aktionismus nicht gerade in die Bredouille gebracht? Parallel zur Wahl müssen wir entscheiden, wie wir zukünftig leben wollen: als Teil des Systems, Teil des Problems oder Teil der Lösung. Ob wir weiter nur unseren Job und "alles richtig" machen oder endlich "das Richtige" tun wollen.

Weiter ein kleines Rädchen bleiben?

Wir müssen uns entscheiden: Weiter im Sinne der Wirtschaft und der Politik ein stummes, reibungslos funktionierendes, kleines Rädchen im System bleiben? Weiter vermeintliche Sicherheit einfordern von "Mutti" Merkel und Nanny Staat? Die wundert sich sicher oft genug, wie naiv und kindlich unsere Bedürfnisse zu sein scheinen. Und wie schwer es ist, mit Bürgern, die lieber wegsehen und geschont werden, vernünftige Politik zu machen.

Uns verzweifelt an das Altbekannte klammern, von dem wir wissen, dass unsere Kinder und Kindeskinder diesen fehlenden Mut ihr Leben lang ausbaden werden müssen? Werden wir weiter die erste Generation sein, die überzeugt ist, dass es unseren Kindern einmal schlechter gehen wird als uns heute? Sie deshalb weiter stillschweigend verwöhnen, ablenken, betäuben? Wohlwissend, dieses Kartenhaus stürzt jeden Moment über uns allen zusammen? Darin liegt das Problem für die Jungen, dass die Generation, die viele der Probleme verursacht (hat) und aus ziemlich egoistischen und besitzstandswahrenden Beweggründen keine Lösung herbeiführt, bei dieser Wahl die größte Wählergruppe stellt. Pech für sie, wenn wir Alten so weitermachen. Und weiter hoffen, die Klimakrise würde mit homöopathischen Halbherzigkeiten entschärft, wir hätten die "Flüchtlingskrise", die wir mitgeschaffen haben und weiter mitschaffen, im Griff, und auf Vollbeschäftigung hoffen? Weiter 'bloß nicht auffallen'? 'Bloß keine Fehler', nur unseren Job machen? Was können wir schon ausrichten.

Unser "Alles richtig machen" ist feige Verweigerung und die Flucht vor dem Anecken, dem "Mit sich und anderen um diese Meinung, diese Wahrheit kämpfen", dem Kreativ-Werden. Wo das fehlt, wird nach Alternativen gesucht, denn wir wissen: Es brodelt im Untergrund, auch wenn wir kollektiv das Hinsehen und das Benennen verweigern. Das kann sich kein Land, keine Regierung, keine Wirtschaft auf Dauer leisten.

Weiter Teil des Problems sein?

Wir müssen uns entscheiden: Sollen Wirtschaft und Politik weiter "alles richtig machen", in ihrem materiell, kurzfristig-subjektiven Sinne, um Großteil des Problems zu bleiben? Ohne äußeren Druck, sich zu ändern oder sogar innovativ zu sein? Ohne die Konsequenzen für ihr Handeln zu tragen? Die Dieselaffäre hat möglicherweise größere Narben bei uns Bürgern hinterlassen, als wir das jetzt schon messen können. Wir halten eine Dinosaurier-Industrie künstlich am Leben, anstatt sie zu zwingen, den Aufbruch nach vorne zu gestalten.

Halluzinieren wir also weiter, opportuner Konsum beglücke uns, könne gar die Welt zum Besseren wenden? Oder werden wir aktiv, selbstständig und ergreifen die Initiative?

Wir sollten aus unserer Betäubung erwachen, uns unseren Ängsten und Träumen stellen. Aus Liebe zu unseren und allen Kindern von der Ohnmacht in die Macht, ins Tun kommen. Und endlich miteinander reden. Im echten Leben, mit echtem Feedback, ja vielleicht sogar mit Auseinandersetzung und Reibungshitze, denn nur in diesem Klima kann etwas Neues, können Entwürfe entstehen. Und wir alle spüren, dass es in dieser Zeit des Umbruchs Fragen und Antworten, vor allem aber einen Entwurf braucht.

Das richtig Richtige machen

Wir müssen uns entscheiden: betäuben wir uns weiter oder werden wir Teil der Lösung? Retten wir Wirtschaft, Politik, Welt? Wenn es sonst keiner tut. Unsere Zukunft? Die unserer Kinder und der kommenden Generationen. Wir sind der Souverän. Seien wir es endlich.

Geben wir Politik und Wirtschaft Vision, Ziel und Pläne vor? Denn sie haben keine. Reagieren allein auf Märkte und Wähler. Machen, was wir wünschen. Um gekauft oder wiedergewählt zu werden. Wir sind der Souverän, heißt es. Dann seien wir es auch endlich. Wir entscheiden: Kaufen wir keinen Diesel, keinen SUV, gibt es bald keinen mehr. Kaufen wir Wirtschaft und Politik ihre Beschwichtigungsversuche nicht ab, wird Schonhaltung vielleicht durch Tacheles ersetzt.

Lasst uns die Themen, die nach Antwort schreien, benennen. Denn nur was man benennt, kann man auch lösen. Noch sind viele brennende Herausforderungen lösbar. Aber die Uhr tickt. Der Klimawandel wartet nicht darauf, bis die Politik oder wir selbst uns mal wieder mit ihm beschäftigen. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, die unsere Demokratie gefährdet, kann verringert werden. Wenn wir das wollen. Wir müssten nur unsere Lethargie besiegen. Etwas riskieren. Mitmachen. Uns auf den Marktplatz der Ideen stellen und nach Verbündeten suchen. Nicht gegen die Politik, sondern mit ihr. Weil sie uns vertritt, wenn wir entschlossen und laut genug für uns und unsere Nachfahren eintreten. Wenn wir mitmachen statt zu lamentieren und Lösungen einfordern.

Wir verhalten uns gleichgültig gegen das Leid der Welt, den Hunger, die Kriege, die Toten im Mittelmeer. Fühlen uns ohnmächtig. Aber sind wir das auch? Die Frage, was wir getan haben damals, als die Weltordnung neu verhandelt und die Chancen und erheblichen Risiken unserer Lethargie für die Generationen nach uns sichtbar wurden, wird gestellt werden.

Wir haben besser eine gute Antwort darauf.

insgesamt 71 Beiträge
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vonschnitzler 21.09.2017
1. Amen!
Diesen Artikel sollten die Leute aus den Abteilungen 'Die da oben machen doch eh was sie wollen' und 'Wir können doch eh nichts ändern' unters Kopfkissen legen.
citizen01 21.09.2017
2. Dieses generalisierende, verlogene WIR geht mir auf den Keks, ...
unabhängig von den Inhalten der Kolumnen. Inflationär, moralisierend und anbiedernd gebraucht. Beim jeweils kritisierten Fehlverhalten bezieht sich der Autor unverkennbar auf die anderen Menschen, denn er/sie selbst weiß es ja besser.
bigroyaleddi 21.09.2017
3. You, so is dat ...
..... und leider ist das so. Als bekennender Altachtundsechziger hatte ich auch schon vor längerer Zeit das sehr starke Gefühl, dass da so einiges im Argen ist. Und vor allem, dass unsere Kinder und Enkel wirklich was zu "Ausbaden" kriegen werden. Jetzt kann ich auch meine Großmutter viel besser verstehen, welche vor 60 Jahren schon meinte, dass sie froh sei, so einiges nicht mehr miterleben zu müssen. Gut, da war noch kalter Krieg, und das mit den Atombomben war ein großes Thema.
sir wilfried 21.09.2017
4. Gut gebrüllt, Löwe
An politischem Engagement mangelt es in Deutschland wahrlich nicht. Aus unzähligen Initiativen, die von den Medien stiefmütterlich behandelt werden, sind dutzende kleine Parteien hervorgegangen, die zur Bundestagswahl antreten und ebenfalls stiefmütterlich behandelt werden. Alle Aufrufe der Regierenden, sich zu engagieren, meinen anscheinend nur Engagement in ihren Parteien. Wer tatsächlich wagt, an ihrer Macht zu rütteln, erfährt das Gegenteil von Ermutigung.
privatbahn 21.09.2017
5. machen wir es kurz und schmerzlos
Die gute Frau möchte, dass wir SPD-Linke-Grüne wählen. Alles klar schon verstanden. Sie redet zwar von mehr bürgerlichem Engagement, was beim befolgen ihrer Wahlempfehlung aber zu noch mehr Bevormundung, Moralisierung und Besserwisserei durch die o. g. drei Parteien für den Bürger führen würde. Da denke ich doch lieber an die FDP.
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