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Bundestagswahl: "Das jetzige Wahlrecht ist das deutlich größere Übel"

Überhangmandate stärken Schwarz-Gelb: Der Politologe Joachim Behnke prognostiziert für CDU/CSU und FDP bei der Bundestagswahl so viele Zusatzsitze wie noch nie. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er seine Berechnungen - und begründet seine Forderung nach einem neuen Wahlrecht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Behnke, Sie haben anhand einer "Schätzung mit Simulationen" eine mögliche Stärkung von Schwarz-Gelb nach der nächsten Bundestagswahl durch Überhangmandate ausgemacht. Die Ergebnisse der Umfrageinstitute in ihrer sogenannten Sonntagsfrage sind also nicht ausreichend?

Behnke: Es kann reichen, muss aber nicht, weil die Sonntagsfrage Besonderheiten unseres Wahlrechts, vor allem die verzerrende Wirkung, die von Überhangmandaten ausgehen kann, nicht berücksichtigt. Darin liegt mit Blick auf die Mehrheitsverhältnisse im Parlament, von vornherein eine methodische Unsicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben bei Ihrer Simulation die Überhangmandate mitgerechnet, also die Sitze, die zusätzlich entstehen, wenn eine Partei in einem Bundesland über die Erststimme mehr Direktmandate erhält als ihr nach dem Verhältnis der Zweitstimmen eigentlich zustünden. Dabei kommen Sie auf eine Wahrscheinlichkeit für Schwarz-Gelb von knapp 90 Prozent. Kann man das so genau berechnen?

Behnke: Na ja, man kann es eben schätzen. Ich habe ja keine Prognose über die genauen Ergebnisse hinsichtlich der Überhangmandate abgegeben. Es wäre vollkommen unsinnig und unseriös, drei Monate vor der Wahl voraussagen zu wollen, wie viele Überhangmandate eine Partei bekommt. Die Simulation macht lediglich eine Aussage darüber, mit welcher Größenordnung von Überhangmandaten man rechnen muss, ausgehend von den augenblicklichen Umfragen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben dabei ermittelt, dass die SPD im Schnitt nur auf zwei bis drei Überhangmandate kommen dürfte, die CDU auf 21, und die CSU auf drei. Der Chemnitzer Wahlexperte Eckhard Jesse sagt dagegen, es sei nahezu unmöglich, Überhangmandate vorherzusagen.

Behnke: Selbstverständlich ist eine solche Schätzung etwas komplexer und auch indirekter, als wenn man nur nach der Stimmabgabe fragt. Deshalb zielt meine Untersuchung eben auch nicht auf eine exakte Vorhersage, sondern auf eine - wie die Statistiker sagen - Verteilung von möglichen Ergebnissen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Behnke: In der Simulation werden 1000 mögliche Wahlergebnisse generiert, die sich im Mittel an den Umfragedaten orientieren, aber um diese herum schwanken, womit die Unsicherheit der Umfrageergebnisse berücksichtigt wird. In meiner Untersuchung kann ich daher "nur" sagen, wie wahrscheinlich ist es, dass eine Partei diese oder jene Zahl von Überhangmandaten erreicht, und wie wahrscheinlich ist es, dass es für diese oder jene Koalition zur Regierungsmehrheit reicht - mit Überhangmandaten oder auch ohne, wenn eben die derzeitigen Umfragedaten ungefähr die wahre Situation wiedergeben. Es könnte auch sein, dass die Parteien auf weit weniger Überhangmandate kommen - bei meinen Simulationen waren es im Minimum sechs für die CDU, und keines für CSU und SPD. Das Maximum dagegen lag bei 33 für die CDU, elf für die CSU und 13 für die SPD. Am wahrscheinlichsten ist aber eben ein Ergebnis, das in der Nähe des statistischen Mittelwerts dieser 1000 möglichen Welten liegt.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie nicht auch von gewissen Grundannahmen ausgehen, die sich wieder verändern können?

Behnke: Natürlich. Ich habe mich eben, was nahe liegt, auf die Umfragedaten der Sonntagsfrage gestützt, die sich natürlich noch verändern können und ja auch nicht identisch mit dem Wahlergebnis sein müssen. Gegen solche Entwicklungen kann man sich aber etwas absichern, in dem man eher konservative und vorsichtige Annahmen trifft. So habe ich in meinen Berechnungen etwa ein Wahlergebnis der SPD von bundesweit 26 Prozent zu Grunde gelegt, obwohl sie gegenwärtig sogar mehrere Prozentpunkte darunterliegt - bleibt die SPD unter 26 Prozent, wäre Ihre Situation also noch schlechter.

SPIEGEL ONLINE: Berücksichtigen Sie auch, dass die Wähler mit Erst- und Zweitstimme unterschiedlich wählen können?

Behnke: Auch das. Es gibt Wählerumfragen und vor allem die sogenannte Repräsentative Wahlstatistik, anhand derer sich das Splitting-Verhalten für die letzten Bundestagswahlen relativ genau abschätzen lässt, das fließt mit in die Berechnungen ein. Letztlich hängt aber auch das davon ab, wie stark zum Beispiel die FDP eine Zweitstimmenkampagne fährt. Das kann das tatsächliche Wählerverhalten schon beeinflussen; da ich aber mehr oder weniger vom bisherigen Splittingverhalten ausgegangen bin, sind meine Annahmen auch hier auf der vorsichtigen Seite, würden also eher dazu führen, die Wirkung der Überhangmandate zu unter- als zu überschätzen.

SPIEGEL ONLINE: Am kommenden Freitag stimmt der Bundestag über einen Gesetzentwurf der Grünen ab, mit dem noch in letzter Minute noch das Wahlrecht geändert werden könnte. Das hätte zur Folge, dass die Überhangmandate, die in einem Bundesland anfallen, von den Listenplätzen der selben Partei in anderen Bundesländern abgezogen würden. Was würde sich damit für das Wahlergebnis ändern?

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