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Hochspannung im Endspurt: Diese Faktoren können jetzt die Wahl entscheiden

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Wahlplakate in Berlin: Im Wahlkampffinale denkt jeder nur noch an sich Zur Großansicht
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Wahlplakate in Berlin: Im Wahlkampffinale denkt jeder nur noch an sich

Auf den letzten Metern wird es spannend: Die FDP wildert im Unionslager, die Grünen werden von ihrer Vergangenheit eingeholt, Last-Minute-Wähler lassen Prognosen wackeln. Fünf Faktoren, die das Wahlkampf-Finale unberechenbar machen.

Berlin - Zuerst sah es so aus, als würde kaum mehr etwas passieren. Die Umfragen schienen schockgefrostet, der Wahlkampf schlummerte vor sich hin. Doch auf den letzten Metern wird es plötzlich spannend: Klare Koalitionsmehrheiten sind nicht garantiert. Die FDP buhlt nach ihrem Bayern-Wahldesaster um Zweitstimmen von Unionsanhängern, die Grünen werden von ihrer Vergangenheit eingeholt.

Und noch mehr Faktoren machen den Wahlausgang unvorhersehbar: Für Forscher sind Nichtwähler oder Kurzentschlossene schwer greifbar, diese Gruppen könnten für Überraschungen sorgen. In den letzten Tagen vor der Wahl geht es um alles, die Attacken der politischen Gegner werden aggressiver - im Wahlkampffinale denkt jeder nur noch an sich.

Vom Einfluss der Nichtwähler über Last-Minute-Umfragen bis zu den letzten Kampagnenkniffen der Parteien: SPIEGEL ONLINE erklärt die fünf Unwägbarkeiten im Wahlkampf-Finale.


1. Verzweifelt auf Zweitstimmenfang: Die FDP

Treppe nach oben: Immer mehr Leute wählen strategisch; Quelle: Infratest dimap Zur Großansicht
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Treppe nach oben: Immer mehr Leute wählen strategisch; Quelle: Infratest dimap

Keine 20 Minuten vergingen am bayerischen Wahlsonntag, bis der FDP-Chef in den Drama-Modus schaltete: "Ab jetzt geht es um Deutschland", sagte Philipp Rösler und rief dazu auf, mit allen Kräften dafür zu werben, "dass es richtig ist, die Freiheit zu wählen". Nach dem FDP-Desaster in Bayern setzt die Bundespartei auf eine aggressive Zweitstimmenkampagne. Sie versucht jetzt noch mehr als vorher, Wähler aus dem Unionslager zu räubern.

Einiges spricht dafür, dass das Kalkül aufgeht: Immer mehr Menschen in Deutschland wählen nach strategischen Gesichtspunkten (siehe Grafik). So könnten sich etwa bürgerliche Wähler, die noch bei der Landtagswahl CSU wählten, auf Bundesebene für die FDP entscheiden. Ein solcher Mitleidsbonus wäre für Angela Merkels CDU eine Gefahr und könnte das Ergebnis für CDU und CSU spürbar nach unten drücken.


2. Letzte Umfrage am Donnerstag: Die Kurzentschlossenen

  "Last-Minute-Wahl": Ein Drittel der Wähler entscheidet sich erst kurz vor der Abstimmung; Quelle: Infratest dimap  Zur Großansicht
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"Last-Minute-Wahl": Ein Drittel der Wähler entscheidet sich erst kurz vor der Abstimmung; Quelle: Infratest dimap

Das ZDF veröffentlicht am Donnerstag erstmals eine Umfrage - drei Tage vor dem Urnengang. Das kann vor allem Kurzentschlossene in ihrer Entscheidung beeinflussen (siehe Grafik). Diese Gruppe wird immer bedeutender: Laut Forschungsgruppe Wahlen sind mehr als ein Drittel der Bürger noch immer unentschieden, der Anteil der Zweifler steigt seit Jahrzehnten an.

Die Parteien tun jetzt alles, um Unschlüssige auf ihre Seite zu ziehen. Bei der SPD hofft man, genau diese Menschen für sich zu gewinnen. Für die FDP geht es um alles: Liegt sie am Donnerstag in der Umfrage bei fünf Prozent, könnte sie noch ein paar Stimmen zur Absicherung einheimsen. Sackt sie ab, könnte so mancher seine Stimme bei den Gelben verschenkt sehen. Spannend wird, ob sich die jüngsten Pädophilie-Vorwürfe auf die Werte der Grünen auswirken. Die Last-Minute-Umfrage bringt Schwung in den Endspurt.


3. Unberechenbare Gruppe: Die Nichtwähler

Die Kurve zeigt nach unten: Die Wahlbeteiligung sinkt seit Jahren; Quelle: Infratest dimap Zur Großansicht
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Die Kurve zeigt nach unten: Die Wahlbeteiligung sinkt seit Jahren; Quelle: Infratest dimap

Meinungsforscher warnen: Die Wahlbeteiligung bei einer Bundestagwahl könnte erstmals seit dem Krieg unter die 70-Prozent-Marke fallen. Vor allem Dauernichtwähler stammen aus den unteren sozialen Schichten. "Je ärmer ein Stadtteil, desto geringer fällt die Wahlbeteiligung aus", sagt Armin Schäfer vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Eine Bertelsmann-Studie spricht bereits von der "gespaltenen Demokratie". Mehr dazu lesen Sie im aktuellen SPIEGEL.

Nichtwähler sind insbesondere für die SPD ein Problem - vor vier Jahren blieben mehr als zwei Millionen ihrer Anhänger zu Hause. Kann sie diesen Trend am Sonntag umkehren? Aber auch für die Union seien die Wahlverweigerer lästig, sagt Demoskop Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. "Es gibt eine neue Gruppe: Es sind ältere, wirtschaftsaffine Menschen, die sich von Angela Merkels sozialdemokratisierter CDU nicht mitgenommen fühlen." Diese Konservativen machten etwa 25 Prozent der Unionswählerschaft aus, sie könnten nun der Abstimmung fernbleiben. Die Frage sei, ob die Furcht vor Rot-Grün sie doch noch an die Urne treibe.


4. Die neuen Kleinen: Sprengkraft der Splitterparteien

Lieber unverbindlich: Die Zahl der Wechselwähler steigt; Quelle: Infratest dimap Zur Großansicht
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Lieber unverbindlich: Die Zahl der Wechselwähler steigt; Quelle: Infratest dimap

Die CDU steht zwar gut da, aber Schwarz-Gelb ist weit von einer sicheren Mehrheit entfernt. Am Sonntag könnten zudem die kleinen Parteien eine Neuauflage der jetzigen Koalition verhindern. Falls mindestens eine der neuen Parteien Alternative für Deutschland (AfD) oder Piraten ins Parlament kommt, ist eine Fortsetzung des Bündnisses nahezu ausgeschlossen. Das errechnete der Politologe Joachim Behnke für den SPIEGEL.

Wahlforscher räumen der AfD dabei größere Chancen ein als den Piraten. "Die AfD kann theoretisch die Fünfprozenthürde überspringen", sagt Klaus-Peter Schöppner von Emnid - und zwar mit Hilfe von Protestwählern. Davon gibt es einige, auch die Zahl der Wechselwähler steigt seit Jahren kontinuierlich (siehe Grafik). "Jetzt könnten sich die Protestwähler bei der AfD konzentrieren", so Schöppner. Das würde wohl am meisten der Linkspartei schaden, die 2009 noch von den Stimmen derjenigen profitierte, die sich frustriert von den großen etablierten Parteien abwendeten.


5. Premiere mit ungewissem Ausgang: Die Wahlrechtsreform

Szenario nach dem neuen Wahlrecht (in der Grafik geplantes Wahlrecht genannt): So könnte der Bundestag wachsen Zur Großansicht
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Szenario nach dem neuen Wahlrecht (in der Grafik geplantes Wahlrecht genannt): So könnte der Bundestag wachsen

In Deutschland profitierten von den sogenannten Überhangmandaten bislang vor allem die großen Parteien. 2009 kamen etwa 24 von 239 Unionsabgeordneten auf diese Weise ins Parlament. Nun müssen wegen der Wahlrechtsreform erstmals Überhangmandate ausgeglichen werden: Erstmals erhalten kleinere Parteien ähnlich viele zusätzliche Ausgleichsmandate (in der Grafik sehen Sie, wie viele Sitze der letzte Bundestag nach dem neuen Wahlrecht gehabt hätte).

Dadurch vergrößert sich der Bundestag; Experten halten sogar mehr als 675 Sitze theoretisch für möglich (Stand nach der Wahl 2009: 622 Sitze). Der Einfluss von Erststimmen, also die für Direktkandidaten, wird faktisch geschmälert: Denn durch die Ausgleichsmandate entspricht das Sitzverhältnis der Fraktionen zueinander wieder dem eigentlichen Zweitstimmenergebnis. Das bringt Parteien wie die CDU um einen Vorteil, den sie bisher hatten. Unter Umständen könnte das Schwarz-Gelb am Ende die Mehrheit kosten.

Mitarbeit: Anna-Lena Roth

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1. Das
christophe_le_corsaire 16.09.2013
Ich kenn´nur das Sams...
2. zum Thema Nichtwähler
felisconcolor 16.09.2013
ich bin immer noch dafür das man sich das Bürgerrecht und somit das Wahlrecht verdienen muss Mit einem längeren Dienst an der Gemeinschaft der Bundesrepublik. Welchen Dienst der angehende Bürger verrichtet sollte ihm ihr überlassen bleiben. Nichtstun ist hiervon ausgenommen. Das Bürgerrecht entscheidet dann auch über die Wählbarkeit zu einem öffentlichen Amt.
3. optional
jhk87 16.09.2013
An alle Piraten- und FDP-Wähler: Ihr habt gesehen, was in Bayern passiert ist. VERSCHENKT eure Stimme nicht zur Bundestagswahl! Gebt der Alternative für Deutschland eine Chance, sie hat es VERDIENT!
4. Versicherung warnt vor SPD
bautt 16.09.2013
Heute kam per Post ein Brief der Barmenia KV. In diesem wird vor der Bürgerversicherung und SPD gewarnt. Einen bessere Begründung doch mal SPD zu wählen konnte man nicht bekommen.
5. "die Freiheit" mit der F. D. P. ?
gog-magog 16.09.2013
Zitat von sysopREUTERSAuf den letzten Metern wird es spannend: Die FDP wildert im Unionslager, die Grünen werden von ihrer Vergangenheit eingeholt, Last-Minute-Wähler lassen Prognosen wackeln. Fünf Faktoren, die das Wahlkampf-Finale unberechenbar machen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-fuenf-faktoren-die-die-wahl-entscheiden-koennen-a-922360.html
Wenn es jetzt wichtig ist, "die Freiheit zu wählen", wie Rösler so nett behauptet, dann sollte man ganz bestimmt nicht die Mövenpicker-Partei wählen, denn dann wählt man ja ganz eindeutig die Unfreiheit samt NSA. Auch der Schuss wird nach hinten los gehen.
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