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22. September 2013, 19:36 Uhr

Deutliche Verluste

Grüne in Schockstarre

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Die Grünen sind abgesackt, für das miese Ergebnis wird wohl Spitzenkandidat Trittin den Kopf hinhalten müssen, es könnte aber auch einen kompletten Generationswechsel in der Führung geben. Aber solange die Koalitionsfrage ungeklärt ist, werden die Personaldebatten aufgeschoben.

Berlin - Eine Niederlage ist immer nur halb so bitter, wenn es anderen noch schlimmer ergangen ist - das ungefähr beschreibt die Stimmung bei der Grünen-Wahlparty in der Berliner Columbiahalle. Das eigene Ergebnis wird nur deshalb nicht als Desaster wahrgenommen, weil die bei den Grünen so verhasste FDP wahrscheinlich nicht einmal mehr dem Bundestag angehören wird. Aber die 8,5 Prozent für die Grünen sind nichts anderes als eine Riesenpleite. Zur Erinnerung: Vor zwei Jahren marschierte man in den Umfragen Richtung 30 Prozent.

Und die Spitzenkandidaten Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt reden dann auch gar nicht erst herum, als sie um 18.45 Uhr vor die rund 2000 Grünen-Anhänger in der Columbiahalle treten: "Wir haben unsere Ziele nicht erreicht", sagt Trittin, seine Co-Kandidatin spricht von einer "Niederlage". (Lesen Sie die Höhepunkte des Wahlabends im Liveticker hierund sehen Sie die Ergebnisgrafiken hier).

Natürlich geben sie sich kämpferisch, Göring-Eckardt kündigt eine "harte Analyse" an, warum es nicht zu mehr gereicht hat, "aber die Partei schafft es gemeinsam aus diesem Loch". Ähnlich klingt das bei Trittin. Und auch die Parteichefs Claudia Roth und Cem Özdemir haben bei ihrem Auftritt auf der Grünen-Wahlparty einen solchen Sound: Fehler suchen und kämpfen.

Es wird heftig zur Sache gehen

In Wirklichkeit geht es vor allem für das Spitzenkandidaten-Duo jetzt erst mal darum, die Personaldebatten aufzuschieben, denn die wird es ohne Zweifel geben. Es dürfte heftig zur Sache gehen bei den Grünen in den kommenden Woche, allerdings mit leichter Verzögerung - und das liegt an der rechnerisch möglichen Option Schwarz-Grün. Diese Koalition ist nach der Wahlklatsche für die Grünen zwar so gut wie unmöglich, so angeschlagen und orientierungslos sie nun sind. Aber falls die Union nicht eine absolute Mehrheit schafft und damit mögliche Koalitionspartner zu Sondierungsgesprächen einlädt, wird man diesem Angebot nachkommen; so ist es Usus im Nach-Wahl-Geschäft.

Und dafür, so ist zu hören, wird man wohl den einen oder anderen Kopf der alten Führungsriege noch brauchen. Möglicherweise auch Jürgen Trittin.

Dabei ist die künftige Rolle von Trittin, der vor Monaten noch als nächster grüner Vizekanzler galt, genauso offen wie die von Göring-Eckardt. Vor allem Trittin, um den eine Woche vor dem Wahltag eine erneute Debatte um pädophile Verstrickungen der Grünen entbrannte und der damit den Abwärtstrend für die Grünen wohl noch verstärkte, wird unter Beschuss geraten. Trittin dürfte aber auch deshalb im Zentrum der innerparteilichen Kritik stehen, vor allem von Seiten des Realo-Flügels, weil er das steuerpolitische Konzept im Wahlkampf verkörperte.

Der Anführer des linken Flügels galt in der vergangenen Legislaturperiode als Kopf der kompletten Partei, aber jetzt werden viele mit ihm abrechnen wollen. Dass er die Steuererhöhungspläne gemeinsam mit führenden Realos und über zwei Jahre auf allen Ebenen erarbeiten ließ, wird ihm dabei wohl wenig helfen. Dass er Fraktionschef bleiben kann, ist unwahrscheinlich. Möglich aber auch, dass Trittin aus eigenen Stücken verzichtet.

Allerdings gilt zu bedenken: Sollte Trittin weiter machen wollen und die Parteilinke ihren Führungskopf auf jeden Fall halten wollen, wird es für die Realos beinahe unmöglich, ihn zu stürzen. In diesem Fall drohten dann harte Auseinandersetzungen zwischen den Flügeln.

Realos sind sauer auf Göring-Eckardt

Co-Spitzenkandidatin Göring-Eckardt, die durch die Urwahl im Herbst vergangenen Jahres wieder in die erste Reihe der Grünen katapultiert wurde, muss sich ebenfalls ernsthaft Sorgen um ihre Zukunft in der Partei machen. Zwar dürfte sie auf den Fraktionsvorsitz hoffen, aber warum eigentlich? Ihre Funktion als Türöffnerin ins bürgerliche Wählerspektrum hat sie mit Blick auf das Wahlergebnis offenbar nicht erfüllt, auf ihrem Realo-Flügel ist man sauer, dass Göring-Eckardt nicht mehr Kontur in den vergangenen Monaten zeigte.

Als nicht ausgeschlossen gilt, dass bei den Grünen nun ein kompletter Generationswechsel vollzogen wird - dann wären als Fraktionsvorsitzende Trittin und Göring-Eckardt genauso aus dem Rennen wie die bisherige Amtsinhaberin Renate Künast. In diesem Fall werden das Duo Kerstin Andreae - Realo und bisherige Fraktionsvize - und der Parteilinke Anton Hofreiter als Option genannt.

Hoffnungen auf den Fraktionsvorsitz durfte sich auch Parteichef Cem Özdemir machen - falls er in Stuttgart das von ihm angestrebte Direktmandat gewonnen hätte. In diesem Fall wäre Özdemir nach Hans-Christian Ströbele der zweite direkt gewählte Grünen-Bundestagsabgeordnete gewesen und hätte den Anspruch auf den bei den Grünen wichtigsten Posten in der Opposition erheben. Doch da sich in Stuttgart nach der vorläufigen Auszählung eine klare Niederlage für ihn abzeichnet, noch deutlicher als 2009, wird Özdemir selbst um sein Parteiamt zittern müssen.

Blick nach vorn, auf 2014

Denn auch in der Grünen-Führung könnte nach diesem Ergebnis ein Generationswechsel anstehen. Dann dürfte auch die Frage sein, was aus der Co-Vorsitzenden Claudia Roth und Parteigeschäftsführerin Steffi Lemke wird. Weil laut Geschäftsordnung nur zwei Mitglieder des sechsköpfigen Bundesvorstands ein Mandat haben dürfen und Özdemir und Lemke neu ins Parlament einziehen, wird es hier ohnehin Veränderungen geben müssen.

Neben der Führungsfrage geht es allerdings genauso um den künftigen Kurs der Grünen, auch mit Blick auf die Europawahl im kommenden Mai und die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg im Herbst 2014. Gerade aus dem Süden der Republik, vor allem aus Baden-Württemberg, dürfte nun eine Grundsatzfrage aufgeworfen werden: Sollen die Grüne weiterhin klassisch linke Politik verfolgen, beispielsweise bei Steuern oder sozialen Fragen - oder nicht vielmehr nach Vorbild des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann eine Art neobürgerlichen Mainstream mit starkem Ökoprofil verkörpern?

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