Reaktion auf Bundestagswahl Grünen-Parteilinke kritisieren Realo-Vertreter

Bei den Grünen beginnt der Streit um die Aufarbeitung des Wahldebakels: Vertreter der Parteilinken weisen erste Fehleranalysen führender Realo-Vertreter als vorschnell zurück. Die Kritik richtet sich gegen Parteichef Özdemir und die Fraktionsvorsitzende Künast.

Spitzen-Grüne Trittin, Göring-Eckardt: Harte Debatten um personelle Aufstellung
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Spitzen-Grüne Trittin, Göring-Eckardt: Harte Debatten um personelle Aufstellung


Berlin - Das Wahlergebnis ist eine herbe Enttäuschung für die Grünen - doch Vertreter des linken Parteiflügels stellen sich gegen erste Analysen von führenden Realo-Politikern zur Begründung des Absturzes in der Wählergunst. "Wer jetzt schon eine Fehleranalyse in der Tasche hat, redet schneller, als er denkt", sagte Gesina Agena SPIEGEL ONLINE. Der Grünen-Politiker Rasmus Andresen formuliert es so: "Man verliert und gewinnt gemeinsam."

Agena und Andresen sind Mitglieder des Parteirats, des wichtigsten Grünen-Führungsgremiums, und Vertreter des linken Flügels. Zu diesem gehört auch der niedersächsische Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler. Er sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich finde es grundfalsch, dass jetzt schon so früh am Wahlabend grüne Politiker mit irgendwelchen Pseudoanalysen zum grünen Wahlergebnis rumlaufen."

Die Vertreter des linken Parteiflügels wenden sich mit ihren Äußerungen gegen führende Grünen-Realos wie Parteichef Cem Özdemir und Fraktionschefin Renate Künast. Beide erklärten noch am Sonntagabend, die Grünen hätten im Wahlkampf zu wenig um die Mitte der Gesellschaft geworben. Auf dem linken Flügel versteht man das eindeutig als Kritik an den grünen Steuererhöhungsplänen im Wahlkampf - und indirekt an Spitzenkandidat Jürgen Trittin, dem Kopf der Parteilinken.

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Bundestagswahl 2013: Enttäuschte Gesichter bei den Grünen
Die Parteilinken verweisen darauf, dass auch die Steuerpläne von breiten Mehrheiten in der Partei und sämtlichen Führungsfiguren, also auch den Realos, getragen wurden. Sie wehren sich deshalb gegen übereilte Analysen. "Es kann sich keiner freikaufen und vorschnelle Analysen treffen", sagte Parteiratsmitglied Andresen. "Wir sollten uns in Ruhe die Daten anschauen und sie dann in Ruhe analysieren", sagte Parteiratsmitglied Agena. Alles andere sei "unseriös und dient nicht der Sache", sagte der Bundestagsabgeordnete Kindler.

Ziele wurden klar verfehlt

Den Grünen stehen in den kommenden Tagen und Wochen harte Debatten über die künftige personelle Aufstellung und die inhaltliche Ausrichtung bevor, nachdem sie bei der Bundestagswahl deutlich unter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Noch vor anderthalb Jahren näherten sich die Grünen bundesweit 30 Prozent in den Umfragen an. Das Ergebnis von rund acht Prozent fällt nun sogar klar unter den Wert von 2009 zurück - damals kamen die Grünen auf 10,7 Prozent - und liegt ungefähr bei dem 2005er Ergebnis von 8,1 Prozent. Auch das Ziel einer rot-grünen Regierung wurde klar verfehlt.

Vor allem Spitzenkandidat und Fraktionschef Trittin dürfte nun unter Druck geraten, allerdings ist auch seine Ko-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt vom Realo-Flügel längst nicht mehr als künftige Fraktionschefin gesetzt. Möglicherweise steht den Grünen ein kompletter Generationswechsel in Fraktion und Parteiführung bevor, was dann auch die Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir betreffen würde. Ebenso steht der inhaltliche Kurs der vergangenen Jahre zur Disposition.

Sollte die Union zur Bildung einer Regierung einen Koalitionspartner brauchen und die Grünen deshalb zu Sondierungsgesprächen einladen, würde dies den personellen wie inhaltlichen Klärungsprozess in der Partei aufhalten. Die Bildung einer Koalition mit der Union gilt mit Blick auf das Wahlergebnis und die Situation der Partei als ausgeschlossen.

flo

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insgesamt 110 Beiträge
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guentherprien, 23.09.2013
1. Frau ROTH, wir sind auch bitter enttäuscht von den Grünen,
ihrem Moralanspruch und der Realität. Bei der nächsten Wahl wird es Ihrer Partei wie der FDP ergehen: Aus die Maus ! Wenn sich nichts in der Führung ändert, werden Ihnen Mitglieder und Sympathisanten schneller wegrennen als mancher paddeln kann.
hhtom 23.09.2013
2. Özdemir und Kühnast haben Recht
Wahlen werden in der Mitte gewonnen. Wenn man diese Mitte aber verprellt, z.B. mit dem Ruf nach Steuererhöhungen trotz Rekord-Steuereinnahmen, dann darf man sich am Ende eben nicht wundern.
EchoRomeo 23.09.2013
3. Auf die Physik war schon immer Verlaß
jetzt wirkt die Schwerkraft. Nach außen in Summe, aber Grün-intern werden die Fundies erleben, daß die lt Murphy auch sehr selektiv zu Werk gehen kann.
analyse 23.09.2013
4. Renate Künast Realo ? Ich dachte Realo hätte was
mit Realität zu tun ! Die Grünen brauchten eine wahre Grunderneuerung,eine Loslösung von Parteiideologen,denen es mehr um politische Interessen,als um die Umwelt geht.Das wird schwer,weil die Funktionäre am längeren Hebel sitzen. Sollte es den echt grünen Mifgliedern nicht gelingen,sich durchzusetzen,sollten sie eine GRÜNE ALTERNATIVE gründen ,mit dem Schwerpunkt Natur und Umweltschutz, denn dafür kann man aus dem gesamten Wählerspektrum sein,mit sonst ganz unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Vorstellungen sein. Ich glaube das Wählerpotential für eine solche GRÜNE ALTERNATIVE wäre groß !
Palmstroem 23.09.2013
5. Linkskurs falsch
Zitat von sysopDPABei den Grünen beginnt der Streit um die Aufarbeitung des Wahldebakels: Vertreter der Parteilinken weisen erste Fehler-Analysen führender Realovertreter als vorschnell zurück. Die Kritik richtet sich gegen Parteichef Özdemir und die Fraktionsvorsitzende Künast. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-gruenen-parteilinke-kritisieren-realo-vertreter-a-923821.html
Der Linksruck der Grünen mit Trittin war ein Fehler. Wer linke Politik will, der wählt doch gleich das Orginal. Die Grünen sollten sich wieder auf ihre ureigenen Themen besinnen. Auch wird es Zeit, ihre Nibelungentreue als Steigbügelhalter der SPD zu überdenken. Funktionsparteien sind out!
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