Politik

Studie zum Wahlverhalten

Den Volksparteien laufen die bürgerlichen Wähler weg

Die AfD wirkt weit in die Gesellschaft hinein. Einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge erodiert nicht nur in der Unterschicht die Zustimmung zu den etablierten Parteien.

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DPA

Englischer Garten, München

Freitag, 06.10.2017   09:47 Uhr

Den Volksparteien laufen die Wähler weg, viele in Richtung AfD. Mehr Männer als Frauen wählten bei der Bundestagswahl die Rechtspopulisten, viele Arbeitslose und Nichtwähler, diese grundsätzlichen Befunde lagen bereits kurz nach Schließung der Wahllokale am 24. September vor.

Detailliertere Hinweise auf das Wahlverhalten der unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus gibt nun eine umfangreiche Studie der Bertelsmann Stiftung. Was sind die zentralen Ergebnisse?

1. Die Mitte der Gesellschaft ist massiv umkämpft

In der Gruppe der Unterschicht, hier als "prekäres Milieu" definiert, hat die AfD am besten abgeschnitten, wurde den Bertelsmann-Daten zufolge mit 28 Prozent sogar stärkste Partei. Aber ihre Anziehungskraft verfängt auch in der Mitte der Gesellschaft - dort, wo traditionell die Union ihr Stammklientel hat, 2013 noch eine absolute Mehrheit für CDU oder CSU stimmten. Im Milieu der "bürgerlichen Mitte" - Menschen mit mittlerem Einkommen, mittlerer Bildung, denen Status wichtig ist, die Angst vor Abstieg haben, aber eigentlich die gesellschaftliche Ordnung bejahen - hat die Union 2017 laut der Analyse 15 Prozentpunkte verloren, am meisten von allen Parteien.

Und 40 Prozent der Menschen aus diesem Milieu haben entweder nicht oder die AfD gewählt, nämlich 20 Prozent von ihnen. Mit der Folge, dass eine Große Koalition nur noch etwa 42 und eine Jamaikakoalition nur noch 39 Prozent aller Wahlberechtigten aus der Gruppe der "bürgerlichen Mitte" repräsentieren würde.

"Diese Entwicklung, dass auch die Mitte immer stärker das Muster der prekären Unterschicht zeigt, ist beunruhigend. Die entscheidende politische Frage der nächsten Jahre wird sein, wie es die etablierten Parteien schaffen, diese Entwicklung wieder umzukehren", so Studien-Autor Robert Vehrkamp.

2. Die soziale Spaltung in Bezug auf die Wahlbeteiligung ist gesunken

In wirtschaftlich und sozial starken Gegenden gehen die Menschen im Durchschnitt deutlich häufiger wählen als in den schwachen Bezirken. Aber bei den Bundestagswahlen 2017 ist dieser Unterschied kleiner geworden. Laut der Studie ist die Wahlbeteiligung in den sozial prekären Stimmbezirken mit der niedrigsten Wahlbeteiligung mehr als doppelt so stark angestiegen wie in den wirtschaftlich starken Stimmbezirken mit der höchsten Wahlbeteiligung.

Die soziale Spaltung in Bezug auf die Wahlbeteiligung nimmt also ab - dieser Befund klingt erst einmal gut. Den Grund für die Entwicklung allerdings sieht die Studie in den Mobilisierungserfolgen der AfD in den Nichtwählerhochburgen. Tatsächlich hat die rechte Partei in den sozial schwachen Milieus, wo es traditionell besonders viele Nichtwähler gibt, ihre stärksten Werte erzielt.

"Das Ergebnis verdeutlicht: Zuletzt ist es den etablierten Parteien 1998 - damals der SPD unter Schröder und Lafontaine - gelungen, die Brücke zu den Nichtwählern in die untere Mittelschicht und Unterschicht zu schlagen", so Wissenschaftler Vehrkamp. Seitdem fühlten sich gerade diese Milieus von den etablierten Parteien immer weniger vertreten, viele von ihnen seien zu Nichtwählern geworden. "In dieses Vakuum ist nun die AfD gestoßen. Nicht mit einem sozialpolitischen Programm, das zu den Sorgen dieser Menschen passen könnte, sondern mit einer rechtspopulistischen Kampagne gegen Flüchtlinge und Migranten."

3. Neue Konfliktlinien gewinnen an Bedeutung

Neben den unterschiedlichen Milieus halten die Bertelsmann-Autoren eine andere Konfliktlinie für immer bedeutsamer. "Die Spaltung der Wählerschaft verläuft mittlerweile zwischen den Skeptikern und Befürwortern der Modernisierung und hat auch das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl entscheidend geprägt", so ihr Fazit.

Dabei beschreibt Vehrkamp typische Haltungen von modernisierungsskeptischen Wählern mit folgenden Beispielen: Die Globalisierung betrachteten sie eher mit Sorge, in verstärkter EU-Integration sähen sie eher Risiko als Chance, mit der Individualisierung und der Auflösung traditioneller Lebensformen würde eher der Verlust von Sicherheit verbunden.

Wie verteilten sich diese zwei Gruppen - einfach gesagt diejenigen, die eher ängstlich auf Modernisierung oder Zukunft blicken und jene, die darin Chancen sehen, auf die Parteien?

Ziemlich klar: Eine Mehrheit der Wähler von Union, SPD, FDP, Linken und Grünen steht der sozialen und kulturellen Modernisierung der Gesellschaft eher positiv gegenüber. Nur die AfD-Wähler kommen zu knapp zwei Dritteln aus Milieus, die eher modernisierungsskeptisch sind.


Hinweise zur Methode: Für die Bertelsmann-Untersuchung wurden vom Umfrageinstitut YouGov mehr als 10.000 Menschen repräsentativ für alle zehn gesellschaftlichen Sinus-Milieus nach ihrem Wahlverhalten befragt. Außerdem wurde mithilfe von Infratest dimap die Wahlbeteiligung von 621 bundesweit repräsentativen Stimmbezirken analysiert.

Grafiken: Frank Kalinowski

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