Kontroverse um Miniatur Wunderland "Ich verliere lieber ein paar Gäste als meine Seele"

Das Miniatur Wunderland ist die Touristenattraktion in der Hamburger Speicherstadt. Jetzt haben die Macher ein politisches Video veröffentlicht. Das kam nicht bei allen gut an.

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Ein Interview von


Häuser brennen, Autos werden von einer Schlammflut weggespült, und irgendwann steht ein Atompilz am Horizont: Der Kurzfilm der Zwillingsbrüder Frederik und Gerrit Braun zeigt die Zukunft als Horrorszenario. Die Betreiber der Modelleisenbahn-Attraktion Miniatur Wunderland in Hamburg haben das Video auf ihrer Facebook-Seite gepostet und wollen so Menschen dazu auffordern, wählen zu gehen. "Der apokalyptische Nichtwähler und seine Folgen" hat eine klare Botschaft: Auch wer keine Stimme abgibt, trifft eine Wahl.

Um Nichtwähler zum Nachdenken anzuregen, überzeichnet der Film bewusst. Im Interview spricht Eigentümer Frederik Braun über seine Motivation und die Kritik an seiner Aktion.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Video wurde mittlerweile rund 1,5 Millionen Mal aufgerufen. Wie gehen Sie mit kritischen Kommentaren um, die fordern, dass die Betreiber einer Touristenattraktion sich aus politischen Belangen raushalten sollen?

Braun: Ich verliere lieber ein paar Gäste als meine Seele. Mein Bruder und ich haben schon öfter die Reichweite des Miniatur Wunderlands genutzt, um Haltung zu zeigen, wenn Themen uns einfach nicht loslassen. Es ist aber das erste politische Video. Ich hatte im Radio gehört, dass die Wahlbeteiligung dieses Jahr eventuell auf ein historisches Tief fallen könnte. Da wusste ich, dass ich etwas tun muss.

Zur Person
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    Frederik Braun, 49, hat gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Gerrit vor 16 Jahren das Miniatur-Wunderland in Hamburg gegründet.
    Die Touristenattraktion in der Speicherstadt ist die größte Modelleisenbahnanlage der Welt. Über 15 Kilometer Gleise führen durch Landschaften und Städte im Mini-Format, darunter Teile Mittel- und Süddeutschlands, Österreichs, Skandinaviens und der USA. Derzeit baut das Team an einem Venedig-Modell. Die Eröffnung ist für das Frühjahr 2018 geplant.

SPIEGEL ONLINE: Bezieht sich das düstere Szenario auf eine bestimmte Partei? Wollten Sie mit dem Video auch eine Empfehlung aussprechen?

Braun: Nein, mir ist völlig egal, welche demokratische Partei die Menschen wählen. Hauptsache, sie wählen. Das Video soll zeigen, was passieren kann, wenn eine Demokratie wie unsere nicht gestärkt wird, sondern zerbricht.

SPIEGEL ONLINE: In einigen Kommentaren wird Ihnen trotzdem vorgeworfen, dass Sie die Politik der AfD meinen.

Braun: Wir leben in einer Demokratie, und wenn trotz einer hohen Wahlbeteiligung eine extreme Partei viele Prozente holt, dann muss man das akzeptieren und schauen, wo die Ursachen liegen. Dann ist es ein Zeichen an die etablierten Parteien, wie viele Menschen unzufrieden sind. Aber es soll niemand hinterher sagen können: Die AfD ist nur deshalb so stark, weil keiner gewählt hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Ihre Facebook-Fans auf solche Vorwürfe?

Braun: Ich fand es spannend, wie schnell Gegenreaktionen auf die Anfeindungen kamen. Ich konnte mich zurücklehnen und musste gar nicht viel tun. Dennoch finde ich es erschreckend, wie manche reagieren, wenn der Tenor doch eigentlich ist, dass es wichtig ist zu wählen.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie denjenigen raten, die noch mit ihrem Gang zur Wahlurne hadern?

Braun: Ich respektiere, wenn Menschen sagen, dass sie sich nicht von den Parteien vertreten fühlen. Aber ich würde ihnen empfehlen, hinzugehen und den Wahlzettel ungültig zu machen. Denn nur das ist ein Statement. Mit fehlendem Interesse kann ich schlecht umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Das Video zeigt eine Modellbahnlandschaft, die von Katastrophen heimgesucht wird. Welche Kulisse haben Sie dafür geopfert, und wie lange hat die Produktion gedauert?

Braun: Wir wollten mit der Schlammflut nicht unsere richtigen Modelle zerstören und haben deshalb extra für das Video eins angefertigt. Rund eine Woche hat es gedauert, bis es stand, für die Dreharbeiten sind dann noch einmal vier Wochen draufgegangen.

SPIEGEL ONLINE: Was würden Sie Leuten sagen, die Ihnen vorwerfen, das Video sei auch eine PR-Aktion?

Braun: Wir wollen unsere Wirkung in der Öffentlichkeit nutzen, um etwas zu verbessern. Dass es unter dem Namen Miniatur Wunderland eindeutig besser funktioniert als unter dem Namen Frederik Braun, ist ganz klar, und deswegen dient es der Sache. Das, was wir zum Thema machen, liegt mir wirklich am Herzen. Natürlich bekommt das Miniatur Wunderland so Aufmerksamkeit, aber deshalb tue ich das nicht.



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insgesamt 172 Beiträge
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stammbus 17.09.2017
1. Wer ungültig wählt, stärkt die AfD ...
... ebenso, denn die Stimmenanteile der Parteien werden nach dem Verhältnis der abgegebenen UND gültigen Stimmen errechnet.
SchmidtPe 17.09.2017
2. Eher eine Werbung für die AfD
Kann die Kritik nicht verstehen. Wer wählen geht, kann etwas ändern. Aber nur wenn er etwas anderes wählt, als uns derzeit regiert!
bauigel 17.09.2017
3. Glückwunsch
Es ist bewundernswert wenn auf diese Weise Flagge für die Demokratie gezeigt wird. Leider ist vieles in dem Video wahr.
geando 17.09.2017
4. Objektiv gesehen völliger Unsinn
Na, wenn das mal nicht nach hinten losgeht. In der Theorie ist die Wahlverteilung bei den Nichtwählern die gleiche wie bei den Wählern. Vielleicht gibt es bei den Nichtwählern sogar eine etwas stärkere Tendenz zu den politischen Rändern hin, weil es sich bei Nichtwählern eher um Leute handelt, die nicht im Zentrum der sozialen Interaktionen stehen. Die Parole: "jeder Nichtwähler ist eine Stimme für Rechts", die hier unterschwellig suggeriert (und im Interview ja deutlich formuliert) wird, ist objektiv gesehen völliger Unsinn. Aktivierte Nichtwähler können ebensogut Stimmen für die AfD bedeuten, wie für die Grünen oder die Linke.
heindeburk 17.09.2017
5. Legitim und sinnvoll
Selbstverständlich eine völlig legitime Aktion. Eine Demokratie lebt von aktiven Bürgern wie diesem ideenreichen Brüderpaar und ihrem Team. Dass dies den Radikalinskis von der AfD und anderen nicht passt, zeigt nur, wie sinnvoll solche Aktionen sind
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