Bundestagswahl 2013 In diesen Wahlkreisen wird es besonders spannend

Holt Cem Özdemir das zweite Direktmandat für die Grünen? Schaffen es ein Ex-Komiker und ein Ex-Vorstandschef ins Parlament? In einigen der 299 Wahlkreise wird es am Sonntag besonders knapp - und spannend. Hier geht's zum Überblick.

Reichstagskuppel in Berlin: Tausende wollen rein, die wenigsten schaffen es
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Reichstagskuppel in Berlin: Tausende wollen rein, die wenigsten schaffen es

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Berlin - Am Sonntag wird in ganz Deutschland gewählt, es geht um die Frage: Wie heißt der nächste Kanzler? Angela Merkel oder Peer Steinbrück? Wer wird Deutschland regieren? Und in welcher Koalition?

Das Land wählt den neuen Bundestag. Rund 62 Millionen Menschen dürfen ihre Stimmen abgeben, Tausende Kandidaten wollen ins Parlament - aber dort gibt es nur 598 Plätze, Überhangmandate nicht mitgerechnet.

In den insgesamt 299 Wahlkreisen stehen zahlreiche Polit-Promis zur Wahl: Gelingt es beispielsweise CDU-Arbeitsministerin Ursula von der Leyen diesmal, sich in Hannover gegen Ex-Bildungsministerin Edelgard Bulmahn von der SPD durchzusetzen? Oder macht FDP-Generalsekretär Patrick Döring den beiden einen Strich durch die Rechnung?

Es treten aber auch zahlreichen Kandidaten an, für die Politik eine Zweitkarriere ist, zum Beispiel ein Ex-Komiker, ein Ex-Schauspieler und ein Ex-Vorstandschef.

Wer schafft den Einzug? Wo wird es besonders spannend? SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick, wo sich das Hinschauen besonders lohnt.


Eine neue Karriere für Bernd Buchholz

Bernd Buchholz (FDP): Bertelsmann, G+J, Bundestag ?
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Bernd Buchholz (FDP): Bertelsmann, G+J, Bundestag?

Bernd Buchholz legte seinen Vorstandsposten bei Bertelsmann nieder, trat wohl nicht ganz freiwillig als Chef von Gruner + Jahr zurück, kassierte Millionen als Abfindung - und will jetzt für die FDP in den Bundestag. Seit Jahrzehnten ist er schon Parteimitglied, Mitte der neunziger Jahre war er schon mal Abgeordneter im Kieler Landtag. Dass er jetzt in den Bundestag einzieht, ist nicht unwahrscheinlich. Buchholz steht auf Platz zwei der Landesliste. Mit dem Direktmandat sieht es allerdings anders aus.

2009 holte der FDP-Kandidat nur 11,3 Prozent der Erststimmen im Wahlkreis 9 Ostholstein - Storman-Nord. Mit 38,6 Prozent lag Ingo Gädechens von der CDU vorn, Bettina Hagedorn von der SPD landete mit rund vier Prozent weniger auf Platz zwei. Die beiden sind auch dieses Jahr wieder im Rennen.


Erstes Direktmandat für Michelle Müntefering

Michelle Müntefering (SPD): Nicht bloß Ehefrau und Journalistin
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Michelle Müntefering (SPD): Nicht bloß Ehefrau und Journalistin

Michelle Müntefering ist für viele vor allem die Ehepartnerin von Franz, die junge Frau an der Seite des einstigen Vizekanzlers und Parteichefs der SPD. Doch während der Senior den Bundestag verlässt, wird sie sehr wahrscheinlich einziehen: Michelle Müntefering tritt in der roten Hochburg Herne-Bochum II an, 2009 holte der SPD-Kandidat Gerd Bollmann hier 51,3 Prozent der Erststimmen.

Gegen die Übermacht der Sozialdemokraten wird Ingrid Fischbach von der CDU im Wahlkreis 141 wenig Chancen haben. Sie ist seit 1998 im Bundestag und inzwischen Fraktionsvize. Schon 2009 trat sie im Wahlkreis als Direktkandidatin an, holte aber nur 27,3 Prozent. Der Grünen-Kandidat lag damals mit 8,9 Prozent abgeschlagen auf Platz drei, in diesem Jahr geht Sabine von der Beck für die Partei ins Rennen.


Schafft Dietmar Bartsch es diesmal?

Dietmar Bartsch (Linke): Endlich ein Sieg?
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Dietmar Bartsch (Linke): Endlich ein Sieg?

Nur 951 Stimmen haben Dietmar Bartsch vor vier Jahren gefehlt: Der Fraktionsvize der Linken landete nur auf Platz zwei, das Direktmandat im Wahlkreis 12 Schwerin - Ludwigslust - Parchim I - Nordwestmecklenburg I holte Dietrich Monstadt von der CDU. Beide Männer treten jetzt wieder gegeneinander an.

Auch die SPD setzt mit Hans-Joachim Hacker auf Altbewährtes. 2009 bekam der Ex-Fraktionsvize 25,6 Prozent der Erststimmen, vier Jahre zuvor war er mit 41 Prozent noch direkt gewählt worden. Für die NPD tritt hier übrigens Vizechef Udo Pastörs an. 2009 holte er 3,3 Prozent.


Cem Özdemirs Entscheidungsschlacht

Cem Özdemir (Grüne): Seine große Chance
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Cem Özdemir (Grüne): Seine große Chance

Baden-Württemberg hat einen grünen Ministerpräsidenten, die Landeshauptstadt einen grünen Oberbürgermeister. Am Sonntag wird sich entscheiden, ob die Partei ihre Vorherrschaft in dem Bundesland ausbauen kann - und Grünen-Chef Cem Özdemir im Wahlkreis Stuttgart I das Direktmandat holt. Es wäre bundesweit erst das zweite nach Hans-Christian Ströbele im Berliner Szenebezirk Friedrichshain-Kreuzberg. 2009 bekam Özdemir 29,9 Prozent der Erststimmen. Es reichte für Platz zwei.

Stefan Kaufmann von der CDU gewann vor vier Jahren im Wahlkreis 258. Der erste bekennende schwule Bundestagsabgeordnete der Partei will ihn jetzt verteidigen. Die SPD schickt Ute Vogt ins Rennen, sie bekam vor vier Jahren 18 Prozent.


Alles oder nichts für Ulrich Kelber

Ulrich Kelber (SPD): Von Schwarz zu Rot
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Ulrich Kelber (SPD): Von Schwarz zu Rot

Ulrich Kelber schaffte es 2002 überraschend, den Wahlkreis 96 für die SPD zu erobern - davor war Bonn immer CDU-Stadt gewesen. 2005 (42 Prozent) und 2009 (33,3 Prozent) konnte Kelber sein Direktmandat verteidigen, aber es war knapp. Zuletzt lagen zwischen ihm und CDU-Konkurrent Stephan Eisel nur rund zwei Prozent.

Jetzt tritt Kelber wieder an. Und es geht um alles, denn der Sozialdemokrat ist nicht über die Landesliste abgesichert. Diesmal geht Claudia Lücking-Michel für die CDU gegen ihn ins Rennen, sie ist erst seit 2004 Parteimitglied.

Und dann ist da noch die FDP: Bonn ist der Wahlkreis von Außenminister Guido Westerwelle, bei der vergangenen Bundestagswahl holte er hier ein Spitzenergebnis von 19,1 Prozent. Nachdem die Partei in Bayern vor wenigen Tagen ein miserables Ergebnis einfuhr, gibt es nun eine schriftliche Kooperationserklärung zwischen den Kreisvorsitzenden von CDU und FDP: Die Erststimme soll an die Union gehen, die Zweitstimme an die Liberalen.


Polit-Prominenz in Hannover: von der Leyen, Bulmahn, Döring

Ursula von der Leyen (CDU): Wird Hannover zum ersten Mal schwarz?
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Ursula von der Leyen (CDU): Wird Hannover zum ersten Mal schwarz?

Noch nie hat die CDU im Wahlkreis Stadt Hannover II gewonnen - dabei schickte die Partei hier zuletzt eine ihrer prominentesten Vertreterinnen ins Rennen: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. 2009 lag sie 7,5 Prozent hinter Ex-Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, die mit 39,6 Prozent der Erststimmen das Direktmandat gewann. In diesem Jahr treten die beiden Frauen erneut gegeneinander an. Wird der Wahlkreis zum ersten Mal schwarz?

Zudem mischt noch ein dritter Polit-Promi mit: Patrick Döring holte 2009 für die FDP zwar nur 6,2 Prozent der Stimmen, inzwischen ist er allerdings Generalsekretär seiner Partei und entsprechend bekannt. Für die Grünen tritt der 28-jährige Sven-Christian Kindler an, er sitzt schon seit 2009 im Bundestag.


Ein Komiker will ins Parlament

Florian Simbeck (SPD): Mission Bundestag, kein Scherz
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Florian Simbeck (SPD): Mission Bundestag, kein Scherz

Florian Simbeck will viel mehr sein als seine Kunstfigur Stefan, der an der Seite seines Proll-Kumpels Erkan voll krasse Witze reißt und das "Dönertier" erfunden hat. Simbeck will in den Bundestag, er kandidiert für die SPD im bayerischen Freising. Der Wahlkreis liegt zwar traditionell in CSU-Hand - 2009 kam die Partei auf 47 Prozent der Erststimmen, die SPD auf 14,2. Aber möglicherweise schafft es Simbeck, mit seiner Bekanntheit Wähler anzulocken.

Sein CSU-Konkurrent ist Erich Irlstorfer, er tritt wie Simbeck zum ersten Mal als Direktkandidat in Freising an. Für die Grünen geht Michael Stanglmaier ins Rennen, für die FDP Jens Uwe Barschdorf.


Mutlu will's wissen

Özcan Mutlu (Grüne): Koch, Jogger, Parkbank-Talker
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Özcan Mutlu (Grüne): Koch, Jogger, Parkbank-Talker

Kaum ein Wahlkreis ist vielfältiger als Nummer 75, Berlin-Mitte: Hier liegen Bundestag, Brandenburger Tor und das Restaurant Borchardt. Aber auch Problembezirke wie der Wedding mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen und Migranten. 2009 holte SPD-Kandidatin Eva Högl die meisten Stimmen, inzwischen hat sie als Obfrau im NSU-Untersuchungsausschuss zusätzlich Bekanntheit erlangt.

In diesem Jahr bekommt sie allerdings Konkurrenz von einem höchst motivierten Grünen, Özcan Mutlu. Im Wahlkampf ging er mit potentiellen Wählern kochen, joggen oder zum Plausch auf eine grüne Parkbank. Dass er in den Bundestag einzieht, gilt als sicher. Er könnte seiner Partei zusätzlich das zweite Direktmandat verschaffen. Für die CDU tritt Philipp Lengsfeld an, Sohn der DDR-Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld.


Zypries zittert, Huber hofft

Zypries (SPD) und Huber (CDU): Ex-Justizministerin gegen Ex-Schauspieler
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Zypries (SPD) und Huber (CDU): Ex-Justizministerin gegen Ex-Schauspieler


Es war verdammt knapp: Ein Plus von 45 Stimmen hat Ex-Justizministerin Brigitte Zypries vor vier Jahren den Sieg im hessischen Darmstadt gebracht und ihren CDU-Kontrahenten Andreas Storm auf Platz zwei verwiesen. Zypries ist seit 2005 Mitglied des Bundestags, im Kompetenzteam von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück ist sie für Verbraucherpolitik zuständig.

In ihrem Wahlkreis will sie das Direktmandat verteidigen. Ob es wieder ein Zittersieg wird? Im Notfall ist Zypries über die Landesliste ihrer Partei abgesichert, sie steht auf Platz vier.

Die CDU kontert mit einem prominenten Gesicht: Charles M. Huber war Fernsehschauspieler in der Krimi-Serie "Der Alte", Berater der äthiopischen Regierung, außerdem schon Mitglied bei SPD und CSU. Jetzt wirbt er im Wahlkreis 186 um Stimmen.


Norbert Lammert vor erneuter Pleite im eigenen Wahlkreis

Norbert Lammert (CDU): Scheitern im eigenen Wahlkreis
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Norbert Lammert (CDU): Scheitern im eigenen Wahlkreis

Norbert Lammert ist CDU-Mitglied, Bundestagspräsident, ein großer Rednern und vor allem: bekannt. Sein Konkurrent Axel Schäfer hat sich als Europapolitiker einen Namen gemacht. Gut möglich, dass Lammert in seinem Wahlkreis Bochum I, einer Hochburg der Sozialdemokraten, wieder gegen Schäfer verlieren wird.

2009 holte der CDU-Politiker 31 Prozent der Erststimmen, Schäfer von der SPD bekam mit 43,3 Prozent das Direktmandat - so wie schon 2002 und 2005, damals allerdings noch mit deutlich mehr Stimmen. Für die Linkspartei tritt Sevim Dadelen an, sie schaffte es 2009 auf 9,7 Prozent.

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
joG 21.09.2013
1. Wieso wird Klaus Peter Wennemann....
....hier nicht besprochen. Er hätte wenigsten Fähigkeiten, die im Bundestag krass unterbesetzt sind.
andisocial 21.09.2013
2. Die Überschrift des Artikels lautete
Zitat von joG....hier nicht besprochen. Er hätte wenigsten Fähigkeiten, die im Bundestag krass unterbesetzt sind.
...In diesen Wahlkreisen wird es besonders spannend. Im WK Hameln-Pyrmont, in dem Herr Wennemann antritt, erzielte die FDP 2009 7,4%. Die Chancen für einen Erdrutschsieg der Liberalen stehen also eher gering :-)
friedollin 21.09.2013
3. Mit der Erststimme wähle ich eine Person, keine Partei
Aufgrund des neuen Wahlrechts, bei dem, anders als früher, Überhangmandate vollständig ausgeglichen werden, kann man diesmal eine Persönlichkeit des politischen Gegners mit der Erststimme wählen, ohne dabei das Risiko einzugehen, damit der eigenen favorisierten Partei bei der Sitzverteilung zu schaden. Das ist eine neue Ausgangslage. Fraglich ist nur, wie viele Wähler das bereits wissen.
Maulwurv 21.09.2013
4.
Bei dieser Wahl wird überhaupt nichts spannend. Wenn man ein Problem lösen will, muss man eine Ebene tiefer gehen. Wer eine Ebene tiefer geht, muss mit Paradigmen brechen. Wer mit Paradigmen bricht, macht sich angreifbar. Und wer einmal angreifbar ist, wird zerpflückt oder ignoriert. Ob da nun Union, SPD, Grüne, AfD, die Bibeltreuen Christen, die Violetten oder die Republikaner den Status Quo aufrechterhalten, scheint mir eine reichlich müßige Diskussion zu sein.
ANDIEFUZZICH 21.09.2013
5. Spirale der Macht
Zitat von sysopREUTERSHolt Cem Özdemir das zweite Direktmandat für die Grünen? Schaffen es ein Ex-Komiker und ein Ex-Vorstandschef ins Parlament? In einigen der 299 Wahlkreise wird es am Sonntag besonders knapp - und spannend. Hier geht's zum Überblick. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundestagswahl-unkaempfte-wahlkreise-von-muentefering-lammert-und-co-a-923034.html
So oder so, Fotos sagen manchmal mehr als Worte.
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