Sonntagsfrage Nichts ist entschieden

Haben Sie sich schon abgefunden mit dem Einzug der AfD in den Bundestag? Und mit der scheinbar alternativlosen Fortführung der GroKo? Warum überhaupt noch wählen gehen? Hier sind ein paar gute Gründe.

Wahlkabinen in Ronneburg, Thüringen (2014)
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Wahlkabinen in Ronneburg, Thüringen (2014)

Ein Kommentar von


Wann war es bei Ihnen so weit? Wann hatten Sie genug? Wann dachten Sie: Ach, was soll's: Die AfD wird ja ohnehin zehn Prozent oder mehr holen. Die SPD wird es kaum über 20 Prozent schaffen. Und dann werden sie halt wieder eine Große Koalition machen. Der nächste Kandidat mit einem großen S im Namen, der an Angela Merkels "Sie kennen mich"-Stoizismus scheitert. Seufz!

Bei mir war es letzte Woche so weit, irgendwann zwischen "Anne Will", "Hart aber fair" und "Bürgersprechstunde", irgendwann zwischen Renteneintrittsalter, Kita-Plätzen, mehr Polizistenposten, Dieselsoftware und Digitalisierung fühlte ich mich plötzlich im Klein-Klein dieses anstrengenden, seltsam lethargischen Wahlkampfs zerrieben, zerbröselt, sämtlicher Energie beraubt, mich am Sonntag noch ein paar Hundert Meter in die Wahlkabine zu schleppen, um ein Kreuz zu machen. Wieso, weshalb, warum?

"Es ändert ja eh nichts", ist der einzige Satz, auf den sich im Moment wohl alle einigen können. CDU/CSU-Wähler, weil ihnen das ganz recht ist. SPD-Wähler, weil sie schon fast resigniert haben, Linke, Grüne und FDPler, weil sie wissen, dass sie nicht genug Kraft und Hebel haben werden. Und auch derjenige, der sich vielleicht nur aus Protest gegen diese vermeintliche Erstarrung der Verhältnisse für die AfD entscheidet, müsste eigentlich wissen, dass er damit genau das zementiert, was eine kräftige Wurzel der aktuellen Misere ist: die GroKo mit ihrer Nivellierung der Mitte, an deren Rändern Unmut wächst.

Mund abwischen, weitermachen? So einfach ist das nicht

Warum also wählen gehen, wenn der Wahlausgang ebenso wie der große Katzenjammer danach schon prädeterminiert erscheint, "gelaufen": Merkel bleibt Kanzlerin, die SPD implodiert, Rechtspopulisten ziehen in den Bundestag - Mund abwischen, weitermachen? Nein, so einfach ist das nicht. Kann und darf es nicht sein.

Denn nichts ist entschieden oder "gelaufen". Bis Sonntagabend um 18 Uhr hat jeder einzelne von uns das Schicksal in der eigenen Hand, der rechten oder der linken, je nachdem. In einer Demokratie ist jeder Aktivist und Bestimmer, aber niemand ein Opfer. Außer denen, die auf jene Lügen, Täuschungen und Verschwiemelungen hereinfallen, mit denen die AfD davon ablenken will, dass ihre führenden Politiker völkisches, nationalistisches und fremdenfeindliches Gedankengut vertreten und propagieren.

Wer das weiß und realisiert hat, aber trotzdem seine Stimme der AfD gibt, der steht nicht in der Mitte der Gesellschaft, der stellt sich ganz weit nach draußen in ein kaltes Abseits der Zivilgesellschaft. Rechtsextremismus, Rassismus und nationalstolzer Isolationismus, das ist eben keine Alternative für ein modernes und sich seiner geschichtlichen Verantwortung bewusstes Deutschland. So lähmend die Große Koalition auch erscheinen mag, so gnadenlos der Kapitalismus auch auf Soziales und Solidarisches einprügelt, so tief die Kluft zwischen Arm und Reich auch sein mag, so schreiend ungerecht vieles auch erscheint: So wird Deutschland nicht "great again". Muss es auch nicht, ist es nämlich schon. So wird es nur wieder ganz finster.

Negative, zerstörerische Kräfte

Dass es am Sonntag zum ersten Mal seit 1960 eine rechte Partei ins deutsche Parlament schaffen wird, ist ein Paradigmenwechsel, der noch lange nachwirken wird. Schon jetzt sind die Themen, die von Rechts gesetzt wurden, ein zu großer und bestimmender Teil der politischen Diskurse geworden, unter Politikern ebenso wie in den Medien. Sitzen erst einmal mehrere Dutzend AfD-Leute im Bundestag, womöglich noch als stärkste Oppositionskraft, werden sich diese Kräfte zwangsläufig verstärken. Es sind negative, zerstörerische Kräfte: Angst, Trotz, Verweigerung, Abschottung, Kapitulation vor den Herausforderungen globaler Probleme und Konflikte. Wohin das im schlimmsten Fall führt, ist in Polen und Ungarn zu sehen, in der Brexit-Bewegung in Großbritannien ebenso wie im Autokratie-Streben der Türkei und in den "America first"-Proklamationen von US-Präsident Donald Trump.

Ob es so schlimm wird oder noch schlimmer kommt, das kann jeder von uns selbst entscheiden. Wer sich dem verführerischen Sog des Schicksalhaften hingibt und glaubt, er könne eh nichts ändern, irrt sich gewaltig - und unterschätzt sein demokratisches Potenzial. Je mehr Menschen am Sonntag sitzenbleiben, statt zur Wahl zu gehen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass es zu jenen unausgegorenen Ergebnissen kommt, die geradewegs in die Große Koalition führen, ergo den großen Frust verlängern. Je nach Umfrage waren bis kurz vor der Wahl noch bis zu 45 Prozent unentschlossen, wem sie ihre Stimmen geben oder ob sie überhaupt wählen wollen.

Gerade Nichtwähler, bei vergangenen Wahlen waren es regelmäßig um die 25 Prozent, verstehen ihre Enthaltung als Protest. Aber wenn es schon zu unbequem oder vergeblich erscheint, den eigenen Widerwillen demonstrierend auf die Straße zu tragen, warum sich dann nicht mit dem wirksamsten und komfortabelsten Instrument, das zur Verfügung steht, zum Protestwähler machen? Wer sich diese geringe Mühe macht, dem öffnen sich multiple Möglichkeiten: Machen Sie die Linkspartei so stark, dass die SPD mit ihr über ein Bündnis reden muss. Wählen Sie die Grünen, damit sie als selbstbewusste Partner in eine Koalition mit der CDU gehen können. Entscheiden Sie sich, wenn Sie denn müssen, für die FDP, damit es mit einer konservativ-liberalen Regierung wenigstens ein klares Feindbild gibt.

Was immer Sie tun, es wird relevant sein

Auch Angela Merkel zu wählen, ist nicht ehrenrührig: Sie steht für Stabilität in geopolitisch und global-gesellschaftlich unsicheren Zeiten und gilt außerhalb Deutschlands als "Führerin der freien westlichen Welt". Aber auch wenn Merkel in der Flüchtlingskrise, ob aus Opportunismus oder Not, vieles richtig gemacht hat: Mit der plötzlich humanistisch und gütig wirkenden "Mutti" wählt man auch die CSU und Jens Spahn, das muss man wissen.

Oder geben Sie Martin Schulz eine Chance, vielleicht doch Kanzler zu werden. Why not? Was gibt es zu verlieren außer das Gefühl von Stillstand und die letztlich demokratieschädlichen Auswirkungen der Großen Koalition? Und wenn Ihnen das zu gewagt erscheint, dann tragen Sie mit Ihrer Stimme dazu bei, die SPD als gewichtige Volkspartei zu erhalten, die in der Opposition zu neuer Stärke finden kann. Was auch immer Sie tun, es kann (und wird) relevant dafür sein, wie groß die negative, zerstörerische und rückwärtsgewandte Macht der AfD sein wird.

"Trau Dich, Deutschland", steht auf den Plakaten dieser Protestpartei, die damit Aufbruch suggeriert, aber Rückzug meint: In Angst, Misstrauen, Skepsis, Bunkermentalität und eine kaltherzige Jeder-ist-sich-selbst-der-Nächste-Mentalität. Dagegen lohnt es sich, zu protestieren. Trauen Sie sich das ruhig zu.

insgesamt 113 Beiträge
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Seite 1
veravonhinten 23.09.2017
1. Taktisch wählen
"Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!". Wer keine GroKo mehr möchte, ob nun CDU / SPD oder RR(G) und gleichzeitig erreichen will, dass die afd nicht stärkste Oppositionspartei wird, wählt FDP !
joG 23.09.2017
2. Sicher ist noch nichts entschieden....
....sagt man. Aber das ist nicht richtig. Die Wahlprogramme sind entschieden und die sollten bestimmen. Was ist wichtig darin? Und da wollen alle das gleiche, wenn man sie von weitem betrachtet. Lediglich die afd würde eine etwas rationalere EU Politik machen. Keine Partei hat eine nur annähernd nachhaltige Idee, wie die Sicherheit im internationalen Bereich erhalten werden kann und halten sich weitgehen mit populistische Träumereien wie Atomwaffenverboten oder EU Armee etc auf. Aber auch sie wollen wie die anderen viel zu viel Staat, wo private Anbieter weitaus effizienter wären.
veravonhinten 23.09.2017
3. Paradox
Wer die AfD wählt, unterstützt im Endeffekt die Grosse Koalition !
Nobody X 23.09.2017
4. Falsch, Herr Borcholte
Die Wahl ist sehr wohl entschieden - zumindest dahingehend, dass Linke, Grüne und SPD krachend scheitern werden. Die bislang prognostizierten 7% für die AfD mit abnehmender Tendenz sind inzwischen zu 11%+ geworden - und das ist auch gut so, denn eine Opposition, die sich nicht alles gefallen lassen dürfte, ist in diesem Land mehr als überfällig. Genau aus diesem Grund werden auch wir nach über 20 Jahren wieder zur Wahl gehen und mit dieser Einstellung dürften wir nicht allein sein.
Jesse Nurma-Angenoom 23.09.2017
5. Danke
... für diesen Text. Ein wunderbares letztes Aufrütteln. Also, auf geht's, tun wir, was wir tun können!
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