Ermittlungen in Pfullendorf Bundeswehrausbilder überforderten Rekruten absichtlich

Die Ermittlungen gegen Bundeswehrsoldaten in Pfullendorf werfen neue Fragen auf. Nach SPIEGEL-Informationen sollen Ausbilder ihre Rekruten so lange gehetzt haben, bis einer ohnmächtig wurde. Sogar von einem "Selektionslauf" ist die Rede.

Staufer-Kaserne in Pfullendorf
DPA

Staufer-Kaserne in Pfullendorf

Von


Die Bundeswehr erhebt nach intensiven Ermittlungen in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf schwere Vorwürfe gegen die eigenen Ausbilder. Bei einem Trainingslauf Anfang Januar waren mehrere Offiziersanwärter, die erst einige Tage vorher mit ihrer Ausbildung begonnen hatten, bei einem auf 15 Kilometer angelegten Trainingslauf zusammengebrochen. Einer der Soldaten wurde sogar bewusstlos und musste in eine Klinik eingeliefert werden.

In einem Bericht des Wehrressorts heißt es nun, der Trainingslauf am 9. Januar sei von den Ausbildern der Spezialausbildungskompanie 209 "überfordernd" und "nicht angemessen durchgeführt" worden. Dann kommt ein harter Satz: Es bestehe "der Verdacht, dass der Geländelauf als 'Selektionslauf' angelegt und zumindest die Überforderung einiger Rekruten beabsichtigt war". Das Papier von Staatssekretär Peter Tauber liegt dem SPIEGEL vor.

Zusammenbruch bei der dritten Strafrunde

Die Details aus dem Bericht werfen kein gutes Licht auf die Ausbilder in Pfullendorf. Schon nach den ersten Kilometern kam es demnach an einer Steigung zu ersten Ausfällen, da einige Rekruten nicht mehr mithalten konnten. Statt aber eine Pause einzulegen, befahlen die Ausbilder Strafrunden. Der Rest der Gruppe musste insgesamt dreimal zu den zurückgefallenen Kameraden zurückzulaufen, der Lauf wurde so noch anstrengender.

Für einen der Soldaten endete der Lauf, der in Trainingskleidung absolviert wurde, im Krankenhaus. Bei der dritten Strafrunde an der Steigung brach er bewusstlos zusammen, wurde erst in die Kaserne und dann sofort ins Kreiskrankenhaus Pfullendorf gebracht. Etwa 45 Minuten später kam er wieder zu Bewusstsein. Spätere Untersuchungen zeigten, dass der Rekrut keinerlei Vorerkrankungen hatte und schlicht vom Lauf überfordert war.

Der Vorgang wirft erneut ein Schlaglicht auf die Ausbildung der Bundeswehr, die in den vergangenen Monaten immer wieder in den Schlagzeilen war, vor allem wegen des Todes eines Soldaten bei einem Marsch im niedersächsischen Munster im Sommer 2017. Das Heer hat mittlerweile reagiert und angewiesen, die individuelle persönliche Unversehrtheit der Rekruten müsse Vorrang vor Trainingszielen oder einer Abhärtung der Soldaten haben.

2000 Euro Geldstrafe

Die Staufer-Kaserne war im vergangenen Jahr bereits wegen Verfehlungen der Ausbilder in die Kritik gekommen. In Pfullendorf schult das Heer vor allem den Nachwuchs für die Fallschirmjäger sowie das sagenumwobene Kommando Spezialkräfte (KSK). Trotz einer neuen Führung aber reißen die Negativmeldungen nicht ab. Für Ministerin Ursula von der Leyen (CDU), die dringend mehr Soldaten für ihre Truppe begeistern muss, ist das eine Belastung.

Für die Ausbilder in Pfullendorf hat der Januar-Lauf ernste Konsequenzen. In dem Bericht von Staatssekretär Tauber heißt es, "dass im vorliegenden Fall nicht nur die Methodik der Sportausbildung falsch war, sondern auch gegen die Grundsätze einer zeitgemäßen Menschenführung und weiterer soldatischer Pflichten verstoßen worden sein könnte". Viel deutlicher kann ein Ministerium das Versagen der eigenen Leute kaum kritisieren.

Einige konkrete Strafen sind schon verhängt: Der Hauptfeldwebel, der das Training an dem Tag begleitete, wurde von seinem Posten versetzt, gegen ihn wird weiter ermittelt. Der Zugführer, ein Oberleutnant, bekam wegen des Verstoßes gegen die Fürsorgepflicht und die nicht ausgeführte Dienstaufsicht eine Geldstrafe von 2000 Euro aufgebrummt. Die Staatsanwaltschaft Hechingen prüft zudem strafrechtliche Maßnahmen.

Grüne fordern Aufklärung

Abseits davon wird ermittelt, ob noch weitere Vorgesetzte belangt werden müssen. Sehr detailliert führt der Bericht auf, dass das Ministerium erst durch anonyme Briefe an die Hausleitung von dem folgenreichen Lauf erfahren hatte. Erst später dann setzten die Verantwortlichen erste Meldungen über den Vorfall ab, laut dem Papier befand sich fast die gesamte Führung der Kaserne an dem Tag auf einer Fortbildung.

Die Grünen wollen genau an diesem Punkt weitere Aufklärung. "Es ist schon seltsam, dass erst nach anonymen Mails an das Ministerium Ermittlungen aufgenommen wurden und bis dahin eine Meldung unterblieben ist", so der Verteidigungspolitiker Tobias Lindner. Er sieht ein mögliches Muster: "Wenn es sich tatsächlich um einen Selektionslauf handelte, ist das weit mehr, als dass ein Ausbilder über das Ziel hinausgeschossen ist."

Am Mittwoch wird sich der Verteidigungsausschuss mit dem Vorgang befassen. Dabei wird auch die Frage aufkommen, ob der im Frühjahr eingesetzte Kommandeur in Pfullendorf den beabsichtigten Neuanfang der Kaserne beherzt genug in die Hand nahm. In dem Bericht heißt es dazu wolkig, wegen der Versäumnisse bei der Dienstaufsicht und den ausgebliebenen Meldungen würden "organisatorische Maßnahmen" geprüft.



insgesamt 113 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
benhadschiomar 21.03.2018
1. Ich würde zu gerne mal wissen ..
ob die Ausbilder überhaupt selbst eine Ausbildung genossen haben, wie man ausbildet - oder ob die einfach so zum Ausbilden abkommandiert waren. Womöglich noch als Strafaktion. 15 km nach wenigen Tagen im Dienst ist schlicht Schwachsinn. Was sagt der Kompaniechef dazu? Wo ist seine Aufsicht über die Zugführer? Wir haben damals (vor Jahrzehnten!) im Sport mit 400 m, dann 1000 m, dann 3000 m begonnen, bevor wir überhaupt einen Geländelauf gemacht haben.
the_buddha 21.03.2018
2. Unglaublich!
Es ist einfach Unglaublich! Unsere Bundeswehr hat tatsächlich noch die Absicht echte Soldaten auszubilden. Ich fasse es nicht! Der Feind (in Badelatschen) könnte tatsächlich Furcht vor uns haben.... Im Ernst: wen wundert es, dass bei einer Absenkung der körperlichen Mindestanforderungen immer häufiger Ausfallerscheinungen auftreten. Wer im KSK dienen will muss durch solche Tests „selektiert“ werden. Ich habe selber als Wehrpflichtiger in Pfullendorf bei der damaligen Internationalen Fernspähschule gedient. Alle (!) in den letzten Jahren und hier beschriebenen „Vorfälle“ kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Es gehörte jedoch zum Selbstverständnis dazu, dies durchzustehen, wenn man in der Fernspähtruppe dienen wollte. Alle die sich jetzt empören können den IS gerne im „Arbeitskreis“ argumentativ überzeugen oder alternativ totstreicheln. Jetzt bin ich mal gespannt, ob es mein Kommentar durch die SPON-Zensur schafft....
shopkeeper 21.03.2018
3. Ohne Frage
... ist da ein Ausbilder durchgedreht, denn der Sinn dieser Härte im Training, das ja Leistungsvermögen methodisch aufbauen soll, erschließt sich mir nicht. Noch weniger allerdings erschließt sich mir der Umstand, dass sich das politische Berlin mit der Sache befasst. Die Truppe und die Republik haben ganz andere und tausend Mal wichtigere Sorgen.
stefankr 21.03.2018
4. Ernsthaft jetzt?
Ich bin nicht sicher aber ich habe folgendes verstanden: Offiziersanwärter, 15 km, Trainingsanzug, Ausbilbildung Fallschirmjäger. Richtig? Das bedeutet für mich: Soldat als Beruf, Einsatz in einer Kampftruppe, quasi normale Joggerbekleidung, Entfernung noch nicht mal ein Halbmarathon. Meine grüne Ausbildung in den 80ern bestand darin vor dem Frühstück 10 km rund um die Kaserne zu rennen, 2 x in der Woche einen 20 km Leistungsmarsch (volle Montur plus Waffe) zu absolvieren und ebenfalls 2 x in der Woche die Hindernisbahn auszutesten. Für einen Soldaten ist körperliche Fitness Teil seiner Überlebensfähigkeit, wenn die Jugend von heute bereits bei 15 km wegbricht.... macht den Laden dicht, das kostet nur Menschenleben.
eunegin 21.03.2018
5. Personalfürsorge und Personalführung ungenügend.
Wenn niedere Ränge charakterlich ungeeignet zur Personalführung sind und zu viel Macht über andere bekommen, endet das oft nicht gut. Mit dem Wegfall der Wehrpflicht ist zudem ein in meinen Augen wichtiges gesellschaftliches Korrektiv innerhalb der Truppe aufgegeben worden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.