Deutsches "Patriot"-Abwehrsystem: Mach 5 gegen Assads Raketenarsenal

Von , Warbelow

Die Bundeswehr verlegt zwei "Patriot"-Batterien in die Türkei, um mögliche Raketenangriffe aus Syrien abzuwehren. Die Luftwaffe preist die Fähigkeiten des Hightech-Geräts und führt das System stolz vor. Der Einsatz führt die Soldaten ganz nahe an eines der gefährlichsten Krisengebiete der Welt.

Deutsche "Patriot"-Systeme: Letzter Test für den Türkei-Einsatz Fotos
dapd

Roman D. versucht sich in Pragmatismus, wenn er über seinen kommenden Einsatz am Rande eines Kriegsgebiets redet. "Wir haben uns jahrelang auf eine solche Mission vorbereitet, sind gut ausgebildet und auf alle Eventualitäten vorbereitet", sagt der 34-Jährige. "Folglich müssen wir auch keine Angst haben." Bei seinen kurzen Sätzen kondensiert der Atem des jungen Majors in kleinen Wolken vor seinem Gesicht.

Bei null Grad steht er am Dienstag vor seinem Hightech-Arbeitsplatz, der Major nennt es das "Herzstück" des "Patriot"-Raketenabwehrsystems. In der tarngrünen Stahlbox auf dem Lkw laufen die Informationen des Raketenabwehrsystems zusammen. "Hier wird dann auch entschieden, ob und wie wir eine anfliegende Rakete bekämpfen."

Was D. und seine Männer an diesem Dienstag in Warbelow in Mecklenburg-Vorpommern veranstalten, ist eine Werbeveranstaltung der Bundeswehr. Im dichten Nebel brüllen die Kompanieführer lautstark Befehle, Dieselmotoren röhren, im Eiltempo bauen die Soldaten im Schneematsch das "Patriot"-Flugabwehrsystem auf. Überall surrt und brummt es, am Fernmeldestand schiebt sich eine hydraulisch ausfahrbare Antenne in die Höhe, am anderen Lkw läuft sich der Generator warm, nebenan bocken weitere Soldaten die Abschussrampe für die Abfangraketen auf. 25 Minuten, dann ist die Übung absolviert. So schnell soll es auch in rund vier Wochen in der Türkei gehen, wenn die Soldaten der Bundeswehr dort ihre neueste Mission beginnen.

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"Patriot"-Raketen: Gefragtes Abwehrsystem
Die Mission, der Major nennt es lieber Einsatz, wird D. und seine Männer in Kürze ziemlich nah an das derzeit wohl gefährlichste Kriegsgebiet der Welt bringen. Im Auftrag der Nato werdem rund 250 deutsche Soldaten und Soldatinnen kurz nach Weihnachten in die Türkei verlegt. Nur rund hundert Kilometer von der Grenze des Bürgerkriegslandes Syrien entfernt werden sie und die beiden "Patriot"-Raketenabwehrsysteme nahe der Stadt Kahramanmaras stationiert. Auf Bitten Ankaras soll die Technik aus Deutschland gemeinsam mit vier weiteren Batterien der Niederlande und den USA dann bereits ab Februar mögliche Raketenangriffe Syriens auf die Türkei im Notfall mit ihren Lenkflugkörpern innerhalb von Sekunden abwehren. Dann, so Kommandeur Marcus Ellermann, sei man in der Lage, jede Gefahr durch anfliegende Raketen "schnell und effektiv" abzuwehren.

Das Mandat für die neue Mission der Bundeswehr hat der Bundestag erst am vergangenen Freitag erteilt, doch in Warbelow herrscht schon seit Wochen Aufbruchstimmung. Hier rechnete man schon seit dem späten Herbst mit einer Verlegung der "Patriots" in Richtung Syrien. Nach der Entscheidung in Berlin kann nun alles ganz schnell gehen. Kurz nach Weihnachten werden die Batterien, jeweils ein Radarschild auf einem Lkw plus sechs Abschusswagen für jeweils vier Abfangraketen, auf Schiffe verladen.

Über die Technik des "Patriot"-Systems reden die Soldaten in Warbelow in Mecklenburg-Vorpommern gerne, bis hinauf zum Kommandeur ist man hier mächtig stolz auf die Raketenabwehrsysteme. Auf Werbefilmen führt die Luftwaffe vor, was die Einheit erst kürzlich auf Kreta unter realistischen Bedingungen geübt hat. Am Beispiel einer heranfliegenden Scud-Rakete wird gezeigt, wie das hochsensitive "Patriot"-Radarsystem die ballistische Rakete innerhalb von Sekunden ins Visier nimmt und sie mittels einer speziellen Computersoftware als feindlich identifiziert. Mit fünffacher Schallgeschwindigkeit rast dann ein Lenkflugkörper des "Patriot"-Systems der feindlichen Rakete entgegen und zerstört sie noch in der Luft.

Dass auf dem Werbefilm ausgerechnet eine Scud-Rakete abgeschossen wird, ist wohl kein Zufall. Die Rakete aus russischer Produktion gilt unter westlichen Militärs zwar als veraltet und schwer zielbar. In den Händen des erratischen syrischen Diktators Baschar al-Assad fürchtet man die Raketen wieder als massive Bedrohung - innerhalb, aber auch außerhalb der Grenzen Syriens. Spätestens seit Assads Armee kürzlich vier Scuds in Richtung Aleppo abfeuerte, ist diese Gefahr nach Einschätzung vieler Experten real geworden. Vom massiven Einsatz der Raketen gegen die Rebellen bis hin zu einer Kurzschlussreaktion des isolierten Despoten inklusive eines drohenden Angriffs auf Nachbarländer wie eben der Türkei scheint nunmehr fast alles möglich.

Über die Unberechenbarkeit Assads und die große Politik will in Warbelow niemand so recht reden. "Wir sind Soldaten und erfüllen unseren Auftrag", sagt Major D. vor seinem Lkw. Sein Kommandeur ergänzt etwas später, man sei stolz darauf, dass das "Patriot"-Waffensystem wegen seiner exzellenten Technik jetzt gefragt sei. Oberst Marcus Kellermann wünscht sich, dass deutsche Soldaten am Ende nicht scharf in Richtung Syrien schießen müssen: "Wir setzen auf die abschreckende Wirkung der seit vielen Jahren bewährten Technologie."

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Falls Syrien
meinlieber 18.12.2012
tatsächlich über Iskander Raketen verfügt, wäre doch glatt ne Möglichkeit die Patriots zu testen
2. Sinnentleert!
machete08 18.12.2012
Zitat von sysopDie Bundeswehr verlegt zwei "Patriot"-Batterien in die Türkei, um mögliche Raketenangriffe aus Syrien abzuwehren. Die Luftwaffe preist die Fähigkeiten des Hightech-Geräts, führt das System stolz vor. Der Einsatz führt die Soldaten ganz nahe an eines der gefährlichsten Krisengebiete der Welt. Bundeswehr bereitet sich auf "Patriot"-Einsatz in Türkei vor - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeswehr-bereitet-sich-auf-patriot-einsatz-in-tuerkei-vor-a-873679.html)
Ein letztes Mal: LOL Das ist allenfalls eine NATO-Kriegsvorbereitung. Assad hat zu Hause genug zu tun und wird die Türkei nicht angreifen. Sinnentleert!
3. Saceur
Snedronningen 18.12.2012
Die Pläne des Westens für Syrien sind lange bekannt. Die Zukunftspläne für Syrien nach dem Ende des Baath-Regimes (http://www.nadir.org/nadir/initiativ/isku/pressekurdturk/2012/48/04.htm) Russland ist mit den NATO Resourcensicherungsplänen allerdings nicht einverstanden (http://forum.spiegel.de/f22/tuerkei-bundestag-stimmt-fuer-entsendung-deutscher-patriots-78041-6.html#post11557102). Deutsche Soldaten unter dem Kommando eines amerikanischen SACEUR haben dort unten nichts verloren.
4. die Gefahr heißt nicht nur Assad
jochen1978 18.12.2012
Ja, es ist schon richtig, dass die Assad-Truppen eine Gefahr sein könnten, sobald für die der Endkampf begonnen haben sollte (denken wir nur an den Irak 1991 und die Scud-Raketen auf Israel). Eine weitere große Gefahr könnte aber entstehen, sobald die Raketen in die Hände der Rebellengruppen gelangen: Kurden, FSA, Islamisten, Al-Kaida-Kämpfer. Was aber bisher auch keiner sagt, ist (wenns stimmt) dass die Rebellen die Türkei als Rückzugsraum benutzen. Das sollte die Bundeswehr in der NATO schon ansprechen. Zweifelhafte Rebellenrtruppen unter dem Schutz der Bundeswehr in der Türkei? Nein, so einen EInsatz können wir nicht wollen!
5. Galipolli 2 !!
markdollar 18.12.2012
Es ist nicht das erste mal dass Deutsche Truppen der Türkei Helfen, wie schon bei Gallipoli - wo Deutsche Truppen die Engländer und Australier Versenkt haben- und der grosse Atatürk - nur einfacher Hauptman unter einerm Deutschen Oberst - anschliessend der grosse Held war...Nein diesmal wird es bestimmt Erdogans ein, der die Türkei alleine rettet....
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