Afghanistan-Mission Bundeswehr bleibt länger in Nordafghanistan

Afghanistan ist noch nicht sicher - das ist spätestens seit der Eroberung von Kunduz durch die Taliban klar. Deswegen will die Regierung die Trainingsmission der Bundeswehr verlängern. Kampfeinsätze soll es aber nicht wieder geben.

Bundeswehrsoldaten bei Masar-i-Scharif (Archiv): Künftig wieder auf Sicht
DPA

Bundeswehrsoldaten bei Masar-i-Scharif (Archiv): Künftig wieder auf Sicht

Von


Die Bundeswehr soll die lokalen Sicherheitskräfte in Nordafghanistan länger als bisher geplant unterstützen. Grund ist die schwierige Sicherheitslage in der Region.

Die Bundesregierung hat sich intern verständigt, die Trainingsmission von Masar-i-Scharif aus um ein Jahr zu verlängern. Ursprünglich wollten die Deutschen schon 2016 aus dem Norden abziehen und die Afghanen mit deutlich weniger Soldaten von Kabul aus beraten. Nun soll die Bundeswehr mindestens bis Ende 2016 in Masar-i-Scharif bleiben. Über die Einigung hatte zuerst das Militärblog "Augen geradeaus" berichtet.

Der Kurswechsel wurde in den vergangenen Tagen bei den Beratungen über das neue Mandat für den Auslandseinsatz festgeschrieben. Den Mandatstext soll nun am kommenden Mittwoch das Kabinett beschließen und anschließend wird der Bundestag darüber beraten. Regierungskreise betonten, dass das neue Mandat eine Rückkehr zum Kampfeinsatz ausschließe. Die Aufgabe der Bundeswehr bleibe ausschließlich die Beratung der afghanischen Kräfte, die seit Ende 2014 die sogenannte Sicherheitsverantwortung in Afghanistan tragen.

Gleichwohl reagiert die Bundesregierung mit dem neuen Mandat auf die schlechten Nachrichten aus Afghanistan. Spätestens seit die Taliban die Provinzhauptstadt Kunduz temporär eroberten, zeigte sich, dass die Afghanen in ihrem Land noch nicht allein für Sicherheit sorgen können. Zudem ergab eine Analyse der Ereignisse, dass sowohl die Bundeswehr als auch das Hauptquartier für die Nato-Trainingsmission "Resolute Support" viel zu wenig über die Lage in Afghanistan wissen und von den lokalen Sicherheitskräften unzureichend informiert wurden.

Statt bisher 850 Mann können nun 980 Soldaten entsendet werden

Personell will die Bundesregierung das Mandat für die deutsche Mission für das Jahr 2016 sogar etwas ausbauen. Statt bisher 850 Mann erlaubt der neue Text die Entsendung von 980 Soldaten. In Bundeswehrkreisen wurde dies damit begründet, dass die Deutschen im Norden wieder die medizinische Notversorgung mit Hubschraubern gewährleisten müssen und zusätzlich deutsche Soldaten eines Nato-Fernmeldebataillons am Hindukusch eingesetzt werden sollen. Mit dem stärkeren Kontingent soll demnach auch eine bessere Beratung möglich sein.

Mit der Entscheidung scheinen Forderungen nach einem robusteren Einsatz der Bundeswehr zunächst vom Tisch. Kürzlich hatte General Hans-Lothar Domröse, ranghöchster deutscher Soldat bei der Nato, einen solchen Schritt gefordert. Nach seiner Analyse muss die Nato die Afghanen stärker als bisher mit Kampfjets bei Angriffen der Taliban aber auch bei der Planung von Operationen unterstützen. Die USA sehen dies nach Angaben aus Nato-Kreisen ähnlich, dies wird beim anstehenden Treffen der Außenminister der Allianz Anfang Dezember diskutiert werden.

Im neuen Mandat hat die Bundeswehr zumindest eine Lehre aus dem militärischen Debakel bei der Taliban-Eroberung von Kunduz gezogen. Statt nur tagsüber an Besprechungen der afghanischen Militärs sollen die deutschen Trainer ab 2016 auch wieder an der Operationsplanung teilnehmen. Damit reagiert die Truppe auf die Erfahrungen in Kunduz, wo die Bundeswehrtrainer tagsüber einflogen, um sich ein Lagebild zu verschaffen, aber abends immer nach Masar-i-Scharif zurückkehren mussten.

Mögen sich die Änderungen am Mandat auch fast lapidar anhören, illustrieren sie doch nicht weniger als einen radikalen Schwenk in der Afghanistanpolitik. Faktisch hat sich die Regierung nunmehr von einem absehbaren Ende der Afghanistanmission verabschiedet. Stattdessen will man in den kommenden Jahren aufgrund der Lage am Boden entscheiden, wie lange der Einsatz noch dauern soll. Die USA hatten in den vergangenen Wochen ebenfalls ihre jahrelang ausgearbeiteten Abzugspläne beerdigt. Am Hindukusch fährt man nun also wieder auf Sicht.

Zum Autor

Matthias Gebauer ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Matthias_Gebauer@spiegel.de

Mehr Artikel von Matthias Gebauer

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tolate 11.11.2015
1. Mehr vom Gleichen
Dann ist ja gut? Nein, denn die bisherigen militärischen Aktionen haben ganz offensichtlich eben nicht die immer in Aussicht gestellte Befreiung von der Herrschaft durch die Taliban gebracht. Es ei denn, die zunehmende Konkurrenz durch den IS wird als Schwächung der Taliban verstanden. Die Verlängerung der Militäreinsätze ist Ausdruck der Hilflosigkeit, und soll eine ernsthafte Reaktion vortäuschen. Wie krass die Nerven blank liegen, hat doch das Kriegsverbrechen der Zerstörung des Krankenhauses in Kunduz unter laufendem Betrieb gezeigt. Panik und Hilflosigkeit, verdeckt durch militärische Aktionen, das war doch schon im Vietnam-Krieg nichts anderes als eine sinnlose Verlängerung des Gemetzels. Eine Aktion wie seinerzeit die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere ist freilich heute kaum mehr vorstellbar. Die Medien sind doch sehr viel verantwortungsbewusster geworden, und passen schon gegenseitig aufeinander auf. Damit die Objektivität und Neutralität sowie besonders die Unabhängigkeit nicht verloren gehen mögen.
MatthiasPetersbach 11.11.2015
2.
Es bringt nix, aber wir machen weiter? Super Logik. War irgendwie früher auch schonmal nicht der Hit. Und Kampfeinsätze soll es trotzdem nicht geben? Hocken die dann nur im Lager? Das wäre zuhause sicherer - und billiger. Ob es Kämpfe gibt oder nicht, da hat auch traditionell der Feind ein wenig mitzureden. Zugegeben nur ein wenig. Uschi wird ihm das schon beibringen.
ficino 11.11.2015
3. Selbsthypnose
Was nützt es, die afghanische Armee weiterhin "auszubilden", wenn es ihr (gewollt) an allem mangelt, was eine Armee, die man als vertrauenswürdig erachten würde, zur Durchführung ihres Auftrags braucht? Man vertraut ihr aber nicht, hat Angst, dass Kriegsgerät an den Gegner vertickt wird bzw. man es gegen den "falschen" Feind (bspw. Pakistan) einsetzen könnte. Das, was dort mit viel, viel Geld bei der Ausbildung produziert wird, ist nichts anderes als eine strukturelle Kampfunfähigkeit. Es gibt keine für einen Guerillakrieg notwendigen, einsatzfähigen Hubschrauber, keine Transport- und Logistikfähigkeiten, keine medizinischen Evakuierungsmöglichkeiten, kein Benzin, keine vernünftige Verpflegung, nur eine durch und durch korrupte Militärführung und Ministerialbürokratie. Sinn machte eine Verlängerung dieses Einsatzes wohl nur dann, wenn das westliche Militärbündnis selbst wieder in die Kampfhandlungen eingreifen würde ... Die Afghanen fänden das sicher prima, denn das würde bedeuten, dass der unendliche Geldfluß in diese über Jahre ausländischer Militärpräsenz entstandene Kriegsökonomie munter weiter plätschert. Afghanistan entwickelt sich auch in Zukunft zum finanziellen Fass ohne Boden, angefüllt durch politische und militärische Selbsthypnose: Noch ein bißchen weiterkämpfen, noch ein paar mehr Soldaten, noch ein bißchen mehr Geld ... Und alles wird endlich gut. Man kann es einfach nicht mehr hören ...
redbayer 11.11.2015
4. Das gehört doch zur
Merkel Demokratur - wo die Deutschen mit ihren Besatzungstruppen einmal stehen, gehen sie nie mehr raus - sei es in Serbien/Kosovo oder eben hier in Afghanistan. Von vdL weiß man, dass sie gerne einen Beitrag zur Einkreisung von Russlands leistet und dafür ist Nordafghanistan gut geeignet (z. B. als Raketen- und Drohnen Stützpunkt). Bleibt zu hoffen, dass der bewaffnete Arm des Islam in Afghanistan stark genug ist, die "deutschen Invasoren" hinaus zu werfen.
Bernhard.R 11.11.2015
5. Die Taliban schaffen es nicht,
das Land zu befreien. Also ruhig halten, bis die Besatzer abgezogen sind. Wenn dann noch die Bezahlung der Soldaten aus unseren Steuern eingestellt wird, laufen die regulären Soldaten zu den Taliban über. Dann geht es ganz schnell. Die derzeitige Ausbildung wird ihnen helfen, neue Aggressoren abzuwehren.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.