Cyberkommando der Bundeswehr "Wir schnüffeln nicht beim Russen"

Mit viel Verve startet Ursula von der Leyen ein Militär-Kommando für den Cyber-Raum. Von "Cyber-Bomben" oder virtueller Ausspähung ist keine Rede - vorerst jedenfalls.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen
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Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen

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Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat am Dienstag ihr Konzept für eine Cyberarmee präsentiert: Die Bundeswehr soll aufgerüstet werden für den Kampf im virtuellen Raum der weltweiten Computernetze.

Der Aufschlag war über Monate orchestriert worden. Im Ministerium brütete eine Arbeitsgruppe streng abgeschirmt über die Frage, wie man die Bundeswehr für die moderne Kriegsführung mit Viren, Trojanern und Schadsoftware einstellen kann. Die Ministerin hatte das Thema gleich nach Amtsantritt für sich erkannt. Cyber, das klingt nicht nur modern, das Thema lässt auch die Befehlshaberin gut aussehen.

Was von der Leyen nun vorstellt, ist tatsächlich eine kleine Revolution innerhalb der Truppe, die in letzter Zeit eher durch Mangelerscheinungen in den Schlagzeilen war.

Schon im Oktober soll ein erfahrener Experte aus der Wirtschaft, der ThyssenKrupp-Manager Klaus-Hardy Mühleck, im Ministerium eine eigene Abteilung "Cyber- und Informationsraum" (CIR) leiten, von dort sollen alle Fragen der Computernetze und der virtuellen Kriegsführung gesteuert werden.

Der Schritt war überfällig

Zudem bündelt von der Leyen alle bisher verstreuten IT-Fachleute, aber auch die militärische Aufklärung und die Nachrichtendienstler, in einem Cyberkommando. Neben den klassischen Kriegsschauplätzen Land, See, Luft und Weltraum soll der neue Stab nun den Cyberraum erkunden. Allein die Zahlen sind imposant: 13.500 Soldaten werden ab 2017 einem Inspekteur, einer Art Cybergeneral, zuarbeiten.

Für von der Leyen war der Schritt überfällig. Fast alle Armeen, allen voran die USA, haben bereits Cyberkommandos. "Alle anderen sind schon weit vorangegangen", heißt es im Ministerium, "wir müssen uns auf Augenhöhe aufstellen". Die Nato will auf dem Gipfel in Warschau im Juli eine Cyberstrategie beschließen, darin soll der virtuelle Raum offiziell als militärischer Operationsraum des Bündnisses deklariert werden.

Cyberangriffe gehören schon jetzt zum festen Arsenal anderer Armeen. Der Chef des US-Cyber Command, der auch den Geheimdienst NSA leitet, heckt Strategien zur Bekämpfung des "Islamischen Staats" (IS) über virtuelle Angriffe aus. Vize-Verteidigungsminister Robert O. Work sprach von "Cyberbomben". Abgeworfen im Datennetz sollen sie zum Beispiel die Kommunikation der Islamisten stören.

In Deutschland aber soll es erst mal nur um Abwehr gehen. Schon jetzt stellen die IT-Administratoren auf den 200.000 Computern der Truppe täglich 6500 Infiltrationen fest. Meist versuchen Schadsoftware-Programme, Inhalte auszuspionieren. Allein dafür sei eine Bündelung von Expertise geboten, heißt es. Die Bundeswehr sei ein "Hochwertziel" für Hacker - gerade wenn es um militärische Geheimnisse geht.

Echtes Neuland für die Bundeswehr

Beim Thema Attacke indes fährt man mit spürbar angezogener Handbremse. "Offensiv wäre, wenn man hinter die Firewall eines möglichen Gegners geht", hieß es am Dienstag recht klar, "das dürfen und wollen wir nicht". Auch die Ausspähung von militärisch wichtigen Daten in fremden Netzen sei nicht geplant. "Wir schnüffeln nicht beim Russen", so die Devise für die deutschen Cyberkrieger.

Grund für die Zurückhaltung ist auch die rechtliche Lage. Echte Cyberangriffe, beispielsweise auf Computer von IS-Anhängern, setzen Juristen mit einer militärischen Attacke gleich, die vom Bundestag mandatiert werden müsste. Selbst die simple Störung von Kommunikationsnetzen, denkbar wäre das zum Beispiel bei möglichen Angriffen auf die Bundeswehr in Mali, müsste also legitimiert werden.

Schon für die reine Abwehrmission hat von der Leyen noch viel Arbeit vor sich. Da Experten auf dem Gebiet rar und in der freien Wirtschaft dringend gesucht sind, will die Bundeswehr einen eigenen IT-Studiengang in München schaffen. Eine Werbekampagne soll die Truppe zudem als attraktiven Arbeitgeber darstellen. Statt Kämpfern an der Waffe, hieß es am Dienstag, suche man nun "händeringend nach Nerds".

Schon die Wortwahl ist für die Bundeswehr echtes Neuland.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
ackergold 26.04.2016
1.
Die Bundeswehr schnüffelt nicht beim Russen, aber der Russe schnüffelt bei der Bundeswehr... da kann man Gift drauf nehmen.
hansderdampfer 26.04.2016
2. Nun ja
Nun ja wenn nicht beim bösen Russen bei wem wollt ihr denn sonst schnüffeln,hüst! Wer sollte euch denn sonst und eurem HERRN über den Teich gefährlich werden?
Banause_1971 26.04.2016
3. Arbeiten die Leute
auf Windows10-Rechnern?
eternalchii 26.04.2016
4.
"Wir schnüffeln nicht beim Russen" ist eine erschreckende Aussage, derzeit wird Europa im Grunde nur von Russland bedroht, nicht nur militärisch (siehe Ukraine, Krimannektion wg. Orientierung der Ukraine zur EU) es ist auch so, dass Russland überall in Europa rechtsextreme und rechtspopulistische Parteien finanziert, um Europa in Nationalstaaten zu zerschlagen und damit militärisch und wirtschaftlich zu schwächen.
2wwk 26.04.2016
5. so so nicht die Russen
vielleicht Amerika, Frankreich? sieht die Bundeswehr irgendwo einen Feind?
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