Afghanische Mitarbeiter der Bundeswehr Die hilflosen Helfer

Farid half der Bundeswehr in Afghanistan. Den Taliban gilt er als Verräter, bekam Morddrohungen. Wie andere Ex-Mitarbeiter darf er nun in Deutschland leben. Leicht ist das nicht.

Afghanische Helfer: Eine Ortskraft (r.) vermittelt
Bundeswehr / Kazda

Afghanische Helfer: Eine Ortskraft (r.) vermittelt

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Drei Jahre lang hat Farid sein Leben riskiert, Tag für Tag. Für die Bundeswehr arbeitete er in Afghanistan als Übersetzer, fuhr morgens ins deutsche Feldlager und nach der Arbeit ohne Umwege wieder nach Hause. Jeder längere Ausflug wäre zu gefährlich gewesen. Denn er stand auf einer Liste der Taliban - eben weil er bei den Deutschen sein Geld verdiente. Für die Islamisten ist und bleibt er ein Verräter.

Seinen echten Namen möchte Farid lieber nicht veröffentlicht sehen. Zu groß ist die Angst, dass die Taliban seine Frau und seine zwei Kinder finden könnten, die noch in Afghanistan leben. Gerade jetzt, wo die Taliban wieder auf dem Vormarsch scheinen.

Irgendwann habe es angefangen mit den Drohungen, sagt Farid: Briefe, SMS, Anrufe von Unbekannten. Er sei nicht mehr sicher, hätten sie ihm gesagt. Man werde ihn umbringen. Der damals 22-Jährige bekam Angst, er ging zur Polizei in Kunduz. Doch die konnte ihm nicht helfen. "Solche Probleme hat man eben, wenn man für die Deutschen arbeitet", sei ihm gesagt worden, erinnert sich Farid.

Ohne Hilfskräfte aus Afghanistan hätte der 13 Jahre lange Isaf-Einsatz von Bundeswehr und staatlichen Hilfsorganisationen allerdings nie stattfinden können. Dolmetscher wie Farid übersetzten für sie Dari und Paschtu ins Englische, Deutsch können die Afghanen nur selten. Auch die Bewacher der Feldlager, Handwerker oder Küchenhilfen waren hauptsächlich Einheimische. Für die Afghanen eine Chance, sich weiterzubilden, ein guter Job, ein passables Gehalt. Als die deutschen Truppen Ende 2013 aus Kunduz abgezogen wurden, blieben sie zurück - doch die Morddrohungen der Taliban hörten nicht einfach auf.

"Wir müssen den Afghanen helfen wie sie uns geholfen haben"

Im Herbst 2013 beschloss die Bundesregierung deshalb, einige der Bundeswehr-Helfer nach Deutschland zu holen: Bei Vorliegen einer "individuellen Bedrohung" wird für sie eine Aufnahmezusage nach Paragraf 22 Satz 2 des Aufenthaltsgesetzes erteilt. Das bedeutet, die ehemaligen Helfer erhalten eine Arbeitserlaubnis, eine Unterkunft und sie haben Anspruch auf finanzielle Grundsicherung. Das Programm soll es den Afghanen erleichtern, sich in Deutschland einzuleben.

Soweit die Theorie. In der Praxis sieht das oft anders aus. Farid stellte zweimal eine Gefährdungsanzeige bei der deutschen Botschaft in Kabul. Fast ein Jahr verging, bis er endlich ausreisen durfte.

Im April räumte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen ein, dass das Verfahren zu lange dauere. Sie versprach, den Aufnahmeprozess zu beschleunigen. Doch jeder Fall wird einzeln geprüft, das kostet Zeit. Auch wenn das Innenministerium betont, im Zweifel für die Afghanen zu entscheiden. Mehr als 1000 Anträge wurden bereits abgewiesen, 471 bewilligt.

Im Januar kam Farid nach Deutschland. Er zog in eine Gemeinschaftsunterkunft in Hamburg, mit einem anderen Afghanen teilt er sich dort ein Zimmer.

Seitdem kämpft er sich durch das Wirrwarr der Behörden. Immer neue Anträge und Formulare gilt es zu bearbeiten, meist auf Deutsch. "Vor allem in den ersten Wochen, wenn es um Versicherungen, Wohnungssuche oder die Anmeldung für Sprachkurse geht, haben die Afghanen Probleme", sagt Marcus Grotian, Vorstand des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte.

Ohne Hilfe seien sie meist aufgeschmissen. Das Patenschaftsnetzwerk vermittelt Freiwillige an ehemalige Bundeswehr-Helfer. Auch die Bundeswehr hat ein Patenschaftsprogramm ins Leben gerufen. "Wir müssen den Afghanen in Deutschland helfen", sagt Grotian. "So wie sie uns in Afghanistan geholfen haben."

Ehemaliger Soldat Florian Schmitz: Hilft Farid, den Behördendschungel zu bewältigen
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Farid hatte Glück - für ihn fand sich schnell ein Pate. Florian Schmitz war selbst für mehrere Monate als stellvertretender Kompaniechef in Afghanistan stationiert. "Ich weiß, was die Ortskräfte für uns geleistet haben, wir haben Seite an Seite Gefechte durchgestanden", sagt er. Was in Deutschland alles auf seinen Schützling zukommt, überrascht ihn. "Es ist ein großer bürokratischer Aufwand", sagt er. "Alleine schon, die ganzen Fristen nicht zu verpassen."

Manche müssen monatelang auf ihren Sprachkurs warten

Einmal pro Woche treffen sich die beiden, manchmal auch öfter. Schmitz zeigt Farid die Stadt, redet Deutsch mit ihm, hilft ihm, einen Lebenslauf zu verfassen. Er hat lädt ihn zu seiner Geburtstagsparty ein.

"Ich weiß, dass ich schnell Deutsch lernen muss, wenn ich hier Arbeit finden will", sagt Farid. Doch manche Afghanen müssen monatelang auf ihren Sprachkurs warten. Der Deutschunterricht läuft meist tagsüber, da wird es selbst mit einem Nebenjob zeitlich eng. Farid verdient sich bei einer Zeitarbeitsfirma etwas dazu. Doch er will einen richtigen Job. Solange er kein geregeltes Einkommen hat, darf er nicht aus Hamburg wegziehen.

In Afghanistan war Farid schon fast fertig mit seinem Lehramtsstudium, er spricht fünf Sprachen, hat eine gute Ausbildung. Doch bisher wurden seine Abschlüsse noch nicht anerkannt. "Er war einer derjenigen, die Afghanistan nach vorne gebracht hätten - ein kluger Kopf, hochmotiviert und ehrgeizig", sagt Schmitz.

Trotz der Schwierigkeiten ist Farid froh, in Deutschland zu sein. "Mir gefällt, dass ich jederzeit auf die Straße gehen kann", sagt er. "Ohne zu befürchten, dass die Taliban kommen."

insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
taglöhner 12.10.2015
1.
Könnte mir vorstellen, dass Dolmetscher gerade händeringend gesucht werden...
klaus-bärbel 12.10.2015
2. Das Versagen des Westens
...in Afghanistan wird durch nichts augenfälliger als das Schicksal der Afghanen, die für westliche Truppen gearbeitet haben und nun bei uns Asyl erhalten müssen. Schrecklich!
Spiegelleserin57 12.10.2015
3. Die Familie Farids muss dringend nach Deutschland
nachgeholt werden. Mit der Familie kann Farid unter auch jetzt noch unter Druck gesetzt werden. Da ist eben der Preis den unser Land für seine Hilfe bezahlen muss. Es stellt sich wirklich die Frage warum so langsam gearbeitet wird besonders in Fällen die wirklich dringend sind.
RD123 12.10.2015
4. Dankbarkeit
Im Gegensatz zu den unregistrierten Massen aus zweifelhaften Herkunftsländern handelt es sich hier um Leute, die echten Gefahren ausgeliefert sind, während sie deutsche Soldaten unterstützt haben. Und dann ist man wegen 1500 Anträgen so pingelig.
Spiegelleserin57 12.10.2015
5. warum werden diese ausländische Abschlüsse
hier nicht anerkannt? Warum wird das nicht schnellstens geprüft? Hier werden wohl gerne ausländische Abschlüsse nicht anerkannt um die Löhne niedrig zu halten? So ein Dolmetscher wie Farid wird dringend bei den Flüchtlingen gebraucht. Warum erleichtert man ihn nicht diese Möglichkeit? Muss da wieder mal das Fernsehen aktiv werden und nachfragen? Fragen über Fragen die dringend einer Antwort bedürfen.
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