Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Fehlplanung der Bundeswehr: Deutschland drohen Lücken bei der Luftrettung

Von und

Bundeswehr: Luftretter in Uralt-Helis Fotos
DPA

Die Bundeswehr braucht dringend moderne Rettungshubschrauber - doch eine Planungspanne verzögert den Einkauf erheblich. Nun müssen altersschwache Modelle bis 2017 fliegen. Auch bei zivilen Notmissionen.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Das Planungschaos bei der Bundeswehr könnte zu Einschränkungen bei der zivilen Luftrettung in Deutschland führen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE will das Verteidigungsministerium die altersschwachen Bundeswehr-Rettungshubschrauber vom Typ Bell UH-1D wesentlich länger als geplant fliegen lassen. Denn der Einkauf von modernen Helikoptern ist vorläufig gescheitert. Die Modernisierung der gesamten Luftrettung gerät damit ins Stocken.

Da die Bundeswehr seit einigen Jahren wesentliche Teile der zivilen Luftrettung, zum Beispiel bei Autounfällen, übernimmt, wird diese Aufgabe durch die Panne und den längeren Einsatz der überalterten Hubschrauber möglicherweise ähnlich wie bei der Seenotrettung beeinträchtigt. Für Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist der Vorgang zudem ein weiterer Beleg, dass das Beschaffungschaos in ihrem Haus noch keineswegs beseitigt ist.

Das neue Problem beim Einkauf von moderner Ausrüstung ist der Ministeriumsspitze seit einigen Tagen bekannt. In einer Vorlage an Rüstungsstaatssekretärin Katrin Suder warnten Militärs bereits Anfang Oktober, dass für die "Search and Rescue"-Aufgaben (SAR) des Heeres ein Vertragsabschluss über dringend benötigte neue Rettungshelikopter "voraussichtlich erst im ersten Halbjahr 2017" und damit wesentlich später als geplant möglich sei.

"Irritierend und frustrierend"

Im Ministerium sorgte die Vorlage für helle Aufregung. In roter Schrift vermerkte Staatssekretärin Suder auf dem Papier, die Informationen seien "irritierend und zugleich frustrierend", zudem beschwerte sie sich, erst so spät über die Fehlplanung informiert worden zu sein. Suder mahnte an, die Planungen noch einmal genau zu prüfen".

Ursprünglich sollte das Heer, das für die SAR-Rettungseinsätze über Land zuständig ist, schon recht bald Ersatz für die extrem veralteten Bell-Modelle bekommen. Diese sind vor allem aus dem Vietnam-Einsatz der US-Army bekannt und bei der Bundeswehr seit Ende der Sechzigerjahre in Betrieb. Da man eine aufwendige Ausschreibung umgehen wollte, sollten für die SAR-Flotte Helikoptermodelle eingekauft werden, die bereits bei der Bundeswehr im Einsatz sind. So wollte man Zeit sparen.

Der Plan, von Beginn an als "extrem risikobehaftet" eingestuft, ging jedoch nicht auf. Denn die angedachten Rettungshelis - konkret ging es um einen spezielles Eurocopter-Modell - sind keineswegs baugleich mit den anderen eingesetzten Hubschraubern des Heeres. Laut der Vorlage an die Ministeriumsspitze müsse man nun doch eine europaweite Ausschreibung starten. Dies führe zu einem "gestreckten Zeitablauf".

Bell UH-1D - zuverlässig aber extrem reparaturanfällig

Hinter dem Bürokraten-Deutsch verbirgt sich eine recht lange Zeitspanne. Die "substantielle Lücke" bei der Luftrettung, so das Papier, werde durch die falsche Planung mindestens 11 bis 19 Monate andauern. Bis dahin müssten die Bell-Hubschrauber weiterfliegen, die wegen ihres Alters als extrem wartungsanfällig gelten. Insider rechnen schon jetzt mit horrenden Wartungskosten, wenn der Uralt-Flieger noch zwei Jahre länger als bisher geplant abheben soll.

Die neue Panne erinnert an Fehlplanungen bei der Seenotrettung aus der Luft. Auch hier übernahm die Truppe zivile Aufgaben, kann ihnen aber wegen der maroden Ausrüstung kaum nachkommen. Die Rettungsflieger bei der Marine warten ähnlich wie ihre Kameraden vom Heer seit Jahren auf neue Flieger und müssen die altersschwachen "Sea Lynx"-Helikopter immer wieder aufwendig instand setzen.

Ob der Notflugplan verlässlich ist, weiß niemand. Vor Haushältern des Bundestags kündigte das Ministerium kürzlich erst mal eine sogenannte 25-Millionen-Vorlage für den Kauf für das erste Quartal 2017 an. Bis die neuen Helikopter geliefert und einsatzbereit sind, vergehen dann noch mal viele Monate wenn nicht Jahre. Der grüne Abgeordnete Tobias Lindner zweifelt schon jetzt an der "Wirtschaftlichkeit des Deals, wenn die Bell wegen Verzögerungen für teures Geld länger am Laufen gehalten werden muss."

Das Ministerium bestätigte den Vorgang, jedoch ohne die entscheidenden Details zu nennen. Derzeit, so ein Sprecher, würden "die Möglichkeiten zur Beschaffung eines SAR-Hubschraubers als Nachfolgemuster für die Bell UH-1D geprüft". Um die "unterbrechungsfreie Verfügbarkeit der SAR-Fähigkeit bis zum Zulauf des neuen Modells sicherzustellen, könnte die Nutzungsdauer der Bell UH-1D entsprechend verlängert werden". Eine Entscheidung hierzu würde in den nächsten Wochen fallen.

Auch rechtlich hat die jetzt angepeilte Alternativlösung einen Haken. So fliegt der Bell-Helikopter derzeit ausschließlich mit einer militärischen Zulassung. Für den zivilen Einsatz aber bräuchte man eigentlich auch ein ziviles Zertifikat, zum Beispiel für den Flug über besiedelten Gebieten oder für die Landung auf Krankenhäusern. Die Bundeswehr sieht hier jedoch kein Problem. Die Bell-Maschinen, so ein Sprecher, haben eine militärische Zulassung, damit dürfe sie "auch für den zivilen SAR-Dienst eingesetzt werden".


Zusammengefasst: Die Bundeswehr hat sich beim Einkauf neuer Hubschrauber verplant. Deshalb müssen die alten Maschinen länger fliegen. Das könnte auch Auswirkungen auf die zivilen Rettungseinsätze haben. Die veralteten Bell-Helis müssen oft und teuer gewartet werden. Eigentlich sollten sie schon sehr bald ausgetauscht sein.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 108 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
UhlmannX 21.10.2015
Wir geben bald mehr Geld im Jahr aus für Flüchtlinge als für unser Militär.
2. sie sollten auch sagen wo die Ersatzteile her kommen
neinsagen 21.10.2015
man darf nicht laut sagen wo die Ersatzteile für unsere Maschinen her kommen. Sie kommen aus dem grössten Nato Land und unsere Instandsetzungstrupps wagen es nicht diesen Schrott in unsere Maschinen einzubauen
3. Welchen Hubschrauber hätten´s den gern?
windpillow 21.10.2015
Man sollte jetzt mal drangehen und eine Liste veröffentlichen, mit Dingen die die BW -nicht- dringend braucht, die wird wesentlich kürzer sein und verständlicher.
4.
etanerin 21.10.2015
UvL hat z. Z. andere Probleme (Doktorarbeit, G36....) als sich um die BW zu kümmern. Vielleicht hofft sie ja auch bald Mutti s Platz einnehmen zu können.
5. Unfassbar
dna017 21.10.2015
Zu unserer guten ALTEN Bundeswehr fällt mir nichts mehr ein. Kaputtgespart, unterbesetzt und eine internationale Lachnummer.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: