Bundeswehr in Afghanistan Der weichgespülte Kampfeinsatz

So sieht die Regierung die Bundeswehr am liebsten: als Friedenstruppe. Dass sie als Teil des Isaf-Einsatzes in Afghanistan auch an Feuergefechten beteiligt ist, wird in Berichten ans Parlament verharmlost. Ein FDP-Verteidigungsexperte informiert sich lieber im Internet.

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Berlin - Rainer Stinner ist ordentliches Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestags. Doch der FDP-Politiker fühlt sich in diesem Gremium immer schlechter informiert, wenn es um Afghanistan geht. Dass die Bundeswehr dort im Rahmen des Isaf-Einsatzes auch an Kämpfen teilnimmt, wird in den offiziellen Berichten des Verteidigungsministeriums an die Ausschussmitglieder kaum deutlich.

November 2007 in Nordafghanistan: Bundeswehr-Hubschrauber im Einsatz
Lars Magne Hovtun/ Forsvaret

November 2007 in Nordafghanistan: Bundeswehr-Hubschrauber im Einsatz

Die offizielle Linie der Bundesregierung ist eine andere: Sie hebt zumeist die Absicherung des Wiederaufbaus durch die Isaf hervor.

Es ist eine abstrakte Prosa, die da im Ministerium verfasst wird, aus der die wirkliche Lage oft nur schemenhaft zu erkennen ist. Dass auch im Norden Afghanistans, wo die Deutschen sind, scharf geschossen wird, dass die Isaf-Kräfte und ihre afghanischen Verbündeten von Taliban massiv angegriffen, sich zeitweise zurückziehen und sogar Luftangriffe anfordern müssen - all das wird nicht im Detail geschildert.

Der naheliegende Grund: In weiten Teilen der Öffentlichkeit bleibt der Einsatz am Hindukusch umstritten. So lehnt die Bundesregierung denn auch Kampfeinsätze deutscher Truppen im unruhigen Süden bislang strikt ab, obwohl die verbündeten Truppen dort erhebliche Verluste erleiden - etwa Briten und Amerikaner.

Hinter der Art und Weise, wie die Abgeordneten über den deutschen Isaf-Beitrag informiert werden, vermutet Stinner mittlerweile Methode. "Die Bundesregierung beschönigt in ihren Berichten an die Abgeordneten die militärische Seite der Operationen in Afghanistan und informiert uns somit völlig unzureichend", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Mittlerweile behilft sich der FDP-Bundestagsabgeordnete und sein Büro mit dem Internet, um sich ein klareres Bild zu verschaffen. Eine absurde Situation. "Ich fühle mich besser unterrichtet über laufende militärische Operationen in Afghanistan, wenn ich etwa bei Wikipedia nachsehe, als in den offiziellen Mitteilungen der Bundesregierung", klagt der Liberale.

Wikipedia als Informationsquelle

Wikipedia ist eine Online-Enzyklopädie, in die jeder Mann und jede Frau Informationen hineinschreiben kann. Eine Quelle, die zwar mit Vorsicht zu handhaben ist, wie auch Stinner weiß. Die aber zum Teil durch die weltweite Vernetzung interessante Spuren liefert. Der Grund für Stinners Neugier im Falle Afghanistan: Wikipedia-Autoren werten auch die internationalen Medien und Presseerklärungen aus den Ministerien anderer Isaf-Staaten aus - und sind mit ihren Berichten nicht selten aufschlussreicher als das Behördendeutsch aus dem Verteidigungsministerium.

Besonders frappierend war aus Sicht Stinners die Darstellung der im Herbst vergangenen Jahres im Norden Afghanistans durchgeführten Operation "Harekate Yolo II". Um die Taliban dort zu vertreiben, wurde von der Isaf eine internationale Truppe zusammengestellt. Ihr Befehlshaber war der deutsche Brigadegeneral Dieter Warnecke, zuständig für das Regionalkommando Nord. Unter seinem Befehl standen damals unter anderem auch das norwegische Quick Response Team aus Masar-il-Sharif, dazu eine weitere norwegische Marineeinheit, das 209. afghanische Armeekorps und auch 300 Soldaten der Bundeswehr, neben Sanitätern auch Hubschauberpiloten, Logistiker und Aufklärer.

Die Gefechte und Operationen zogen sich im Oktober 2007 über mehrere Wochen hin und den genauen Ablauf kann man bei Wikipedia nachlesen: wie das norwegische Quick Response Team Anfang November im Distrikt Ghowrmach in heftige Kämpfe verwickelt wurde und sich zurückziehen musste. Wie dort am 5. November afghanische Soldaten ebenfalls unter Beschuss gerieten - und ihnen deutsche und norwegische Kräfte zu Hilfe kamen. Am Ende wurde sogar ein Luftangriff durch Nato-Kräfte geflogen, angefordert durch die Isaf. Mehrere Dutzend Aufständische und ein Taliban-Kommandeur sollen laut afghanischem Verteidigungsministerium dabei getötet worden sein. Über die Operationen, die am 7. November ohne eigene Verluste der Isaf beendet wurden und mit der Vertreibung der Taliban endeten, wurde in Deutschland kaum berichtet. Ausnahmen waren die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und SPIEGEL ONLINE.

Knapp vier Wochen später erhielten die Abgeordneten des Verteidigungsausschusses den Abschlussbericht zu "Harekate Yolo II". Das Papier des Bundesverteidigungsministeriums ist ein Dokument der Oberflächlichkeit. In der "Unterrichtung des Parlamentes" findet sich Anfang Dezember 2007 nur ein einziges Stichwort, das im militärischen Sprachgebrauch auf Kämpfe hindeutet: Man sei nach einer Stufe anderer Maßnahmen in die "decisive phase" übergegangen - in die entscheidende Phase.

Ähnlich lapidar der Tenor in einem weiteren Bericht an die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses vom 11. Dezember. Ziel der Operation "Harekate Yolo II" sei die "Zurückdrängung eines in den letzten Monaten beobachteten Aufwuchses von Insurgenten" gewesen. Daran hätten sich auch 300 Deutsche beteiligt. "Im Zuge der Operationen kam es zu mehreren Festnahmen von Insurgenten durch afghanische Sicherheitsbehörden."

Kein Wort vom Luftangriff, auch nichts über angeblich von afghanischer Seite gemeldete Tote, keine Hinweise auf schwierige Gefechte. Dabei hatte die norwegische Tageszeitung "Aftenposten" damals den Kommandeur des norwegischen Isaf-Kontingents damit zitiert, dass norwegische Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr in derart schwere Kämpfe verwickelt gewesen seien.

Stattdessen wird in den Berichten der Bundesregierung gerne auf die Hilfsleistungen der Isaf eingegangen. "Die Bundesregierung tut das, weil sie den Eindruck verbreiten will, bei dem Isaf-Einsatz im Norden handele es sich um reine Entwicklungshilfe in Flecktarn", sagt Stinner. Dass die Isaf auch mit deutscher Beteiligung in Kampfeinsätzen sei, wolle "man vergessen machen", so der FDP-Abgeordnete.

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