Bundeswehrkaserne in Bad Reichenhall Gebirgsjäger berichtet von sexueller Belästigung

Ein weiterer Fall von Sex-Mobbing in der Bundeswehr: Diesmal erhebt ein Obergefreiter schwere Vorwürfe gegen die Gebirgsjäger in Bad Reichenhall. Gegen 14 Beschuldigte wird ermittelt.

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Wenn am frühen Abend im Bundestag noch Dokumente aus dem Verteidigungsministerium eintrudeln, handelt es sich meist um eher unangenehme Vorgänge. Meist schreiben die Parlamentarischen Staatssekretäre von Ministerin Ursula von der Leyen (CDU). Oft müssen sie Peinlichkeiten eingestehen, von denen die Abgeordneten schon durch die Presse Wind bekommen haben.

Ganz ähnlich war es am Montag. Per Brief von Staatssekretär Markus Grübel informierte das Ministerium den Verteidigungsausschuss, dass es innerhalb der Bundeswehr mindestens eine weitere relevante Ermittlung wegen sexuellen Mobbings gebe. Dieses Mal geht es um die Gebirgsjäger in Bad Reichenhall, die ähnlich wie das Ausbildungszentrum in Pfullendorf als Elite-Einheit innerhalb der Bundeswehr gesehen werden. Über den neuen Fall war gerüchteweise auch schon berichtet worden.

In Pfullendorf hatte die Beschwerde einer Frau Leutnant kürzlich üble Praktiken bei der Sanitäterausbildung aufgedeckt. In den Hörsälen schwangen sich so manche Ausbilder auf, als seien sie im Schützengraben, ließen die Rekruten nackt antreten oder ließen sie vor versammelter Mannschaft im Analbereich untersuchen.

Bis heute wehren sich die Ausbilder gegen die Vorwürfe. Im Ministerium aber liegen in den Schubladen recht eindeutige Fotos, die wenig Zweifel an einem perversen Eigenleben in Pfullendorf lassen.

Der neue Vorgang bei den Gebirgsjägern geht aus dem Schreiben nur abstrakt hervor. Demnach habe sich im Herbst 2016 ein Obergefreiter beim Wehrbeaufragten des Bundestags gemeldet. Soldat G. schrieb, er habe Angst, nach einer Sonderausbildung zu seiner Stammeinheit bei den Gebirgsjägern zurückzukehren. Als Grund gab er an, dass er zwischen November 2015 an rund ein Jahr lang von Kameraden und Vorgesetzten "mehrmals diskriminiert sowie verbal und tätlich sexuell belästigt und genötigt worden" sei.

Betroffener und Vorgesetzter wurden versetzt

Wie das Sex-Mobbing genau ablief, bleibt in dem Schreiben ziemlich offen. Dafür rattert der Staatssekretär wie aus dem Schnellfeuergewehr herunter, wie schnell und hart die Bundeswehr reagiert und ermittelt habe. Neben den Vorgesetzten der Gebirgsjäger hätten auch die Feldjäger, sozusagen die Truppenpolizei, recherchiert.

Im Ergebnis scheinen sich die Vorwürfe bestätigt zu haben, jedenfalls wurde der Führer der Teileinheit in Bad Reichenhall Ende 2016 "aus seiner Funktion herausgelöst", also versetzt. Über weitere Disziplinarmaßnahmen ist in dem Schreiben aus dem Ministerium aber nichts zu lesen.

Vielmehr müht sich das Ministerium vor allem, jegliche Vergleiche mit dem Skandal in Pfullendorf gleich auszuschließen. Zwar sei der Vorfall "bedauerlich und vollkommen inakzeptabel", so Grübel, gleichsam hätten "die truppendienstlich verantwortlichen Kommandeure umsichtig und konsequent reagiert".

Der Obergefreite sei versetzt worden, gegen 14 Beschuldigte liefen noch Ermittlungen, das Heeres-Kommando werde die Sache weiterverfolgen.

Abseits des Falls zeigt das Schreiben, wie nervös die Ministeriumsspitze nach dem Fall Pfullendorf ist. Der Muff der alten Tage, Mobbing, sexuelle Sprüche von Ausbildern gegenüber Frauen oder abstoßende Aufnahmeriten an einer Tanzstange im Aufenthaltsraum wie in der Staufer-Kaserne, das alles will so gar nicht zur neuen Bundeswehr von Ministerin Ursula von der Leyen passen. Dass der Fall in Pfullendorf lange vertuscht wurde, erst recht nicht.

Wehrbeauftragter brachte die Sache ins Rollen

Folglich setzt von der Leyen auf schonungslose Offenheit, auch wenn diese weitere peinliche Fälle aus der Truppe ans Tageslicht spült. Eine ganze Gruppe von Ermittlern geht in ihrem Auftrag noch einmal alle alten und bereits abgearbeiteten Beschwerden von Soldaten durch und prüft, ob diese richtig recherchiert worden sind.

Bald schon soll der Bundestag dazu einen ausführlichen Bericht erhalten. Bisher heißt es, eine weitere "smoking gun" wie Pfullendorf habe man nicht gefunden. Sicher aber ist sich niemand.

In dem Fall von Bad Reichenhall war es der eigentlich unabhängige Wehrbeauftragte, der den Bundestag auf ungewöhnliche Weise alarmierte. In einem Schreiben informierte Hans-Peter Bartels den Ausschuss vor einigen Wochen, es gebe neben Pfullendorf wohl noch eine weitere aktuelle Ermittlung wegen Sex-Mobbings.

Nicht wenige im Ausschuss sehen in dem Vorstoß des früheren SPD-Obmanns des Gremiums eine politische Breitseite gegen das Haus von CDU-Ministerin von der Leyen. Ohne diese jedoch hätte der Ausschuss wohl nicht so schnell vom Fall des Obergefreiten G. erfahren.

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