Bundeswehr-Infotour Soldaten-Werbung im Coca-Cola-Stil

In Brandenburg an der Havel startete die Infotour der Bundeswehr. Die aufwendige Kampagne soll Nachwuchs für die von Sorgen geplagte Truppe mobilisieren. Doch Verteidigungsminister Rudolf Scharping hatte anderes zu tun. Er blieb der Aktion fern, seine Staatssekretärin hatte wenig zu sagen.

Von Jan Lehmann


Bundeswehr zum Anfassen: Nachwuchs soll informiert werden
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Bundeswehr zum Anfassen: Nachwuchs soll informiert werden

Berlin - Der Termin stand schon lange im Kalender, dann jedoch durchkreuzten 73 Großraum-Airbusse die Pläne von Rudolf Scharping. Am Dienstag startete unter großem Medieninteresse in Brandenburg an der Havel die "Bundeswehr-Infotour", aber der werbewirksam angekündigte Verteidigungsminister glänzte durch Abwesenheit. Er saß zur selben Zeit im Berliner Reichstag und tüftelte an der Taktik, um die umstrittene Finanzierung der Transportflugzeuge doch noch durch den Haushaltsausschuss zu boxen.

Dabei braucht die Bundeswehr dringend Hilfe, es fehlt an Nachwuchs. 25.000 Unteroffiziere sollen pro Jahr ausgebildet werden, doch der Bewerber-Andrang ist bescheiden. Demnächst stehen die geburtenschwachen Jahrgänge zur Rekrutierung an und gleichzeitig sollen die entsprechenden Stellen bis zum Jahr 2010 auf 40.000 erweitert werden. "Deswegen müssen wir Werbung für uns machen," erläuterte Brigitte Schulte, parlamentarische Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, den Sinn der Infotour.

Scharping-Ersatz: Staatssekretärin Brigitte Schulte bei der Infotour
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Scharping-Ersatz: Staatssekretärin Brigitte Schulte bei der Infotour

Die aufwendig inszenierte Aktion erinnert an die Weihnachts-Reise eines großen Getränkeherstellers. Mit riesigen Trucks ziehen die Feldjäger durchs Land und präsentieren die Jobs bei der Bundeswehr. Publikumsmagnet sind dabei Verlosungen und Bühnenshows, die Jugend soll angesprochen werden.

Die Bundeswehr wirbt damit, dass die Soldaten schon während der Dienstzeit eine Ausbildung oder einen Berufsabschluss machen können. Wer sich langfristig, also mindestens für acht Jahre verpflichtet, der kann die Meisterschule beim Bund absolvieren. Außerdem sollen höhere Einstiegsgehälter und bessere Aufstiegsmöglichkeiten den Job bei der Armee schmackhafter machen. Man dürfe dann aber auch nicht vor einem Auslandseinsatz zurückschrecken, erinnerte Brigitte Schulte, der sei außerdem "eine sinnvolle Veränderung der Perspektive".

Bühnenshow: Die Jugend soll erreicht werden
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Bühnenshow: Die Jugend soll erreicht werden

Als kurzfristiger Scharping-Ersatz konnte die Staatssekretärin zwar nicht mit Faktenwissen glänzen, fand dafür aber den Auftakt der Infotour "richtig toll". Um ihren Chef nicht ganz in Vergessenheit geraten zu lassen, streute Schulte ab und an ein Scharping-Zitat in die Runde: "Er sagt immer, dass die Bundeswehr der größte Konzern in Deutschland ist." Damit das auch so bleibt, müsse sich die Truppe besser präsentieren. Die Infotour macht in den kommenden drei Monate in 24 deutschen Städten Halt. Gut möglich, dass auch Rudolf Scharping demnächst doch einmal live dabei ist. Es sei denn, ein paar Finanzierungsprobleme durchkreuzen mal wieder seinen Zeitplan.



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