Bundeswehr Interne Beschwerden über Missstände nehmen massiv zu

Sexuelle Belästigung, Rechtsextremismus und Fehlverhalten von Vorgesetzen: Immer mehr Soldaten beschweren sich über die Zustände bei der Bundeswehr. Das Verteidigungsministerium wertet dies trotzdem als gutes Zeichen.

Bundeswehrsoldaten (Symbolbild)
DPA

Bundeswehrsoldaten (Symbolbild)


Nach mehreren öffentlich gewordenen Bundeswehr-Skandalen ist in der Truppe die Zahl interner Beschwerden über sexuelle Belästigung, rechtsextreme Auswüchse und Fehlverhalten von Vorgesetzten massiv angestiegen. Zunächst hatte die "Rheinische Post" darüber berichtet und berief sich auf Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2017 des Bundesverteidigungsministeriums.

Das Verteidigungsministerium hat die Berichte inzwischen bestätigt. "Es gibt einen klaren zeitlichen Zusammenhang zwischen dem hohen Meldeaufkommen und der öffentlichen Diskussion um bestimmte Fälle", sagte ein Ministeriumssprecher.

Im Januar hatte der SPIEGEL abscheuliche Ausbildungspraktiken und Gewaltrituale am Standort Pfullendorf öffentlich gemacht. Ende April wurde zudem bekannt, dass der Offizier Franco A. monatelang ein Doppelleben als syrischer Flüchtling geführt und offenbar rechtsextremistisch motivierte Anschläge geplant hatte. Bei Untersuchungen wurden daraufhin in mehreren Kasernen Wehrmachtsandenken gefunden.

Zahl der Beschwerden verdoppelt

Aus den aktuellen Zahlen des Verteidigungsministeriums geht hervor, dass besonders Beschwerden wegen Fehlverhaltens von Vorgesetzten gegenüber Untergebenen zugenommen haben. Während 2016 nur 28 solche Fälle gemeldet wurden, waren es bis zum 9. Juli 2017 schon doppelt so viele.

Bei Meldungen zu Verstößen gegen die sexuelle Selbstbestimmung sei bereits in den ersten sechs Monaten dieses Jahres mit 127 erfassten Verdachtsfällen bereits das Vorjahresniveau von 128 Fällen erreicht.

Bei Meldungen über Vorfälle mit rechtsextremem beziehungsweise fremdenfeindlichem Hintergrund hat das Ministerium bereits im ersten Halbjahr 96 Verdachtsanzeigen gelistet - nach 63 im gesamten Vorjahr.

"Kultur der Offenheit und Verantwortung"

Der Anstieg der Beschwerden sei auch das Ergebnis einer Reform des internen Meldesystems, sagte der Sprecher. Dieses sei im ersten Quartal 2017 verändert worden und ermögliche nun, dass Beschwerden schneller und umfangreicher nach oben geleitet würden.

Es sei ein gutes Zeichen, dass die Sensibilität in der Truppe für solche Vorkommnisse messbar gestiegen ist, sagte er. Dem von Ursula von der Leyen (CDU) geleiteten Ministerium sei eine Kultur der Offenheit und Verantwortung wichtig; man müsse Fehler erkennen, ansprechen und angehen.

Gemeldet worden seien nicht nur neue Fälle, sondern auch eine Vielzahl alter Vorkommnisse, die aus der Perspektive der Betroffenen zuvor noch nicht angemessen bearbeitet oder gewürdigt wurden, sagte ein Ministeriumssprecher der "Rheinischen Post".

koe/dpa/AFP

insgesamt 7 Beiträge
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sierra76 15.07.2017
1. Ein Schelm..
..wer Böses dabei denkt. Korrelation bedeutet nicht automatisch Kausalität?.
palef 15.07.2017
2. ...per Tagesbefehl wird jetzt alles...
...schneller und umfangreicher nach oben geleitet...aha! Von denselben Leuten? Hatten die früher einen anderen Befehl? Was machen die jetzt anders? Wieso umfangreicher? Hanebüchen ist das, Freunde des Selbst-Verteidigungs-Ministeriums!
hunactun 15.07.2017
3. Die Bundeswehr
wird in weiten Kreisen der Bevölkerung mit großem innerem Abstand betrachtet, ja als völlig überflüssig berachtet. Die Truppe spürt das natürlich, schafft sich folglich ihre eigene Welt mit eigenen Verhaltensregeln und eigenen Wertmaßstäben. Zur Zeit des Kalten Krieges wusste die Bw wenigstens, wer der "potentielle Gegener" war, ein "Feindbild" durfte sie ja nicht haben. Daraus konnte man als Truppenführer Leistungswillen, Kampf- und Opferbereitschaft entwickeln. Heute fehlt das alles. Deutschland macht mit Russland trotz aller Sanktionen hervorragende Geschäfte. Wo ist da der "Feind" oder "potentielle Gegner" ? Die einzigen NATO-Partner, die - aus welchen Gründen auch immer - ein funktionstüchtiges Feindbild haben, sind die Polen und die Balten. Ihnen sollten wir also auch die Verteidigung der Bundesrepublik überlassen und die Bundeswehr konsequenterweise abschaffen. Wen es trotzdem zu den Waffen zieht, der kann sich ja bei den Streitkräften unserer ostwärtigen Nachbarn einschreiben lassen. Die brauchen dann nur nach französischem Muster eine "NATO-Legion" aufzulegen.
albertwilhelm-s 15.07.2017
4.
...und generell: Frauen gehören nicht ins Militär...und schon garkeine v.d.L. Die Beschwerden wurden zu meiner BW Zeit 67 immer von vorneherein verhindert,weil jeder ahnte,welche Repressalien drohten.Diese durfte ich dann selbst erleben,weil ich couragiert sein wollte.Was dann folgte konnte eine Persönlichkeit mit schwachen Nerven schnell zum Outcast,Alkoholiker machen.Nach Entlassung zeigte ich alle Vorfälle u.Diszis bei Wehrbeauftragten an,Sämtl. Strafen wurden darauf eingezogen.Den Verlust an Freiheit konnte das nicht aufwiegen und der Vertauensverlust an diesem Staatsgebilde ist seitdem nicht kleiner geworden.Heute sind die jungen Leute ggf. nicht so autoritätshörig,das wäre gut: weht Euch!
braindead0815 16.07.2017
5. wenn man die politischen zusammenhänge
nicht kennt, sehen will / kann, wird man so argumentieren. aber der preis für den wohlstand in deutschland war eben ein bündnis nato, war der preis neben dem € auch nach der wiedervereinigung im bündnis nato zu bleiben, damit die großmächte usa, frankreich und GB ihr wohlwollen zeigen. wir hätten neutral bleiben können (war mit adenauer nicht zu machen), dann hätte deutschland aber so ausgesehen, wie die DDR 1990. kein finanziellen hilfen, keine nachkriegs schuldenerlassgeschenke, keine aufträge usw. dazu sichert die marine an den küsten afrikas z.b. die internationalen schifffahrtswege. jeder will in deutschland alle waren zur verfügung haben. das muss einer machen. ganz so blauäugig darf man nicht sein. und heruntergewirtschaftet ? die bundeswehr ist eine parlamentsarmee. die im rahmen eines etats aufgestellt ist. was glauben sie würde es kosten das wir eine high-tech armee haben und wie würde das volk darauf reagieren? es ist ja schon jetzt kaum geld vorhanden, in bereiche bildung, rente, infrastruktur, forschung, kitas, soziales zu investieren bzw. die ausgaben aufrecht zu halten (kommunen gehen pleite). profillos ? sie sollten sich mal anschauen und lesen, was die bundeswehr alles leistet, leisten muss / kann. die bundeswehr hat profil. nur wird es eben in den medien zur zeit sehr einseitig dargestellt.
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