Tödlicher Bundeswehr-Marsch Verteidigungsministerium täuschte Parlament

Nach dem tödlichen Marsch von Bundeswehrsoldaten hat das Verteidigungsministerium den Bundestag irreführend unterrichtet. Nach SPIEGEL-Informationen wurden Ergebnisse eines Gutachtens verkürzt dargestellt.

Bundeswehrsoldaten
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Das Verteidigungsministerium hat den Bundestag bei der Aufklärung nach einem tödlichen Marsch von Bundeswehrsoldaten im Truppenstandort Munster in einem wichtigen Punkt getäuscht.

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Heft 11/2018
Depression: Wie gerät man hinein - wie kommt man heraus?

Nach SPIEGEL-Informationen erklärte Generalinspekteur Volker Wieker bei einer vertraulichen Unterrichtung der Obleute des Verteidigungsausschusses, der Tod des 21-jährigen Schützen Jonas K. und die körperlichen Schäden bei drei anderen Soldaten nach einem Marsch in Munster im Juli 2017 wären bei angemessener Fürsorge der Vorgesetzten vermeidbar gewesen. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Die Unterrichtung bezog sich auf ein rechtsmedizinisches Gutachten der Hamburger Uni-Klinik. Das Gutachten, das der SPIEGEL nun einsehen konnte, stellt den Fall jedoch wesentlich differenzierter dar. Demnach war der Tod von Jonas K., der zehn Tage nach dem Marsch starb, "nach rechtsmedizinischer Einschätzung nicht vorhersehbar". Allerdings sei auf erste Symptome eines Hitzschlags "nicht entsprechend reagiert" worden.

Nur für die Fälle der drei anderen Soldaten, die wesentlich später bei demselben Marsch zusammengebrochen waren und auch mit Hitzschlag in Kliniken geflogen werden mussten, kommen die Rechtsmediziner zu dem Urteil, dass diese Vorfälle "hätten vermieden werden können".

Der Marsch der Offiziersanwärter endete im Juli 2017 tragisch. Selbst nachdem der 21-jährige Jonas K. schon nach einer kurzen Wegstrecke zusammengebrochen war, ließen die Ausbilder den Rest des Trupps weitermarschieren. Auch als mehrere andere Soldaten kollabierten, wurde die Übung nicht abgebrochen. Am Ende mussten drei weitere Soldaten mit einem Hitzschlag im Krankenhaus behandelt werden.

Das Verteidigungsministerium räumte auf SPIEGEL-Nachfrage die irreführende Information ein. "Wenn durch den stark verkürzenden mündlichen Vortrag am Telefon ein falscher Eindruck entstehen konnte, bedauert dies das Ministerium", sagte ein Sprecher. Die Aussagen im Gutachten seien "in Bezug auf den gestorbenen Schützen K. weniger eindeutig als auf die anderen zu Schaden gekommenen Soldaten".

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mgb/kvh

insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
vonschnitzler 09.03.2018
1. Zwickmühle...
Einerseits müssen die Soldaten auf Einsätze vorbereitet werden, die den Soldaten sowas und noch mehr abverlangen. Andererseits darf nicht passieren, was hier passiert ist - ich möchte nicht in der Haut der Ausbilder stecken...
skeptikerjörg 09.03.2018
2. Und wo ist die Täuschung?
Wenn der Artikel annähernd den Sachverhalt darstellt, hat der Generalinspekteur die Mitschuld der Ausbilder und damit der Bundeswehr in einem der 4 Fälle als größer dargestellt bzw. als eindeutiger, als sie nach dem Gutachten waren. Das kann man Fehlinformation nennen, aber Täuschung? Täuschung wäre doch wohl, wenn er versucht hätte, die Ausbilder reinzuwaschen. Deutsche Sprache, schwere Sprache. Aber ich unterstelle mal, dass das nicht zufällig war.
nixproblem 09.03.2018
3. Seltsame Fürsorge des obersten Soldaten!
Ausgerechnet bei dem Fall, der die tragische Folge hatte, werden die entlastenden Aussagen des medizinischen Gutachtens unterschlagen. Die spätere Aussage des Verteidigungsministeriums relativiert dann noch die Enlastung "als weniger eindeutige" Aussage. Sehr, sehr seltsam!
touri 09.03.2018
4.
Zitat von vonschnitzlerEinerseits müssen die Soldaten auf Einsätze vorbereitet werden, die den Soldaten sowas und noch mehr abverlangen. Andererseits darf nicht passieren, was hier passiert ist - ich möchte nicht in der Haut der Ausbilder stecken...
Deswegen sollten die Ausbilder auch ersteinmal selbst besser ausgebildet werden. Wenn ich mich an meine Bundeswehrzeit zurückerinnere, da wurde das Thema Sport sind der Grundausbildung ziemlich vernachlässigt. Was gemacht wurde waren die vorgeschriebenen Märsche und Biwaks. Fit wird man aber nicht, wenn man einmal alle 14 Tage einen Marsch macht, der einen an die Grenze führt (da ist der Trainingseffekt nahe null), sondern indem man 4-5 mal die Woche kleinere Einheiten trainiert und sich nach und nach steigert. Ich persönlich habe mich damals privat fit gehalten, was gut war. Es gab durchaus Leute, die bei den Märschen zusammengeklappt sind und in die Kaserne gefahren wurden. Bei Minustemperaturen. Ein Freund von mir war im Rekordsommer 2003 beim Bund. Glücklicherweise war er von der Abstammung her sehr hitzebeständig (philipinische Wurzeln, bei allem unter 25 Grad war ihm kalt) aber der Ausbilder hat dann auch so Scherze gemacht wie die Leute bei über 30 Grad im Schatten mit voller Montur und langen Klamotten marschieren zu lassen. Da sind auch so einige umgekippt. Manchmal wundert man sich, dass nicht mehr passiert.
honzah 09.03.2018
5. Karriere oder Verantwortung?
Zitat von skeptikerjörgWenn der Artikel annähernd den Sachverhalt darstellt, hat der Generalinspekteur die Mitschuld der Ausbilder und damit der Bundeswehr in einem der 4 Fälle als größer dargestellt bzw. als eindeutiger, als sie nach dem Gutachten waren. Das kann man Fehlinformation nennen, aber Täuschung? Täuschung wäre doch wohl, wenn er versucht hätte, die Ausbilder reinzuwaschen. Deutsche Sprache, schwere Sprache. Aber ich unterstelle mal, dass das nicht zufällig war.
Sehe ich anders, denn es ist ein Unterschied, ob der Generalinspektuer die Schuld auf die Ausbilder abwälzt oder ob generelle Regeln gesetzt werden, die zulassen, dass körperlich ungeeignete Rekruten in die Ausbildung als Offiziersanwärter genommen werden, ohne dass ihre körperliche Verfassung auf einen adäquaten Stand gebracht wird. Hier sieht man klar, wie sich das System vdL durch die Organisation frisst: Immer ist die niedrigste verfügbare Ebene schuld, und niemand kommt auf die Idee oder wagt es anzusprechen, ob nicht grundlegende Mängel in der Organisation und Führung bestehen. Offiziere, die Mut haben, sich auch mal vor ihre Truppe und gegen die Ministerin zu stellen, haben keine Chance mehr, in hohe Ränge aufzurücken. Was übrig bleibt, sind Karrieristen, die vdL nach dem Mund reden.
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