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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Stell dir vor, es ist Krieg...

Eine Kolumne von

...und die Deutschen kommen nicht hin! Alle lachen über die Bundeswehr und ihr marodes Material. Aber Vorsicht: Die Antwort auf den Spott wird eine Aufrüstung sein, dass uns Hören und Sehen vergeht.

Schwerter zu Pflugscharen - das war früher. Heute heißt es: Panzer zu Schrotthaufen. Die Bundeswehr ist eine wahre Friedensarmee. Sie betreibt Abrüstung durch Verschleiß. Die neuesten Meldungen aus der Oldtimer-Sammlung der Hardthöhe: Wir haben ein funktionierendes U-Boot, drei flugtüchtige Marine-Hubschrauber, und unsere "Transall"-Transporter sehen aus wie aus einem Heinz-Rühmann-Film. Aber Vorsicht: Unsere Politiker wollen die Militarisierung der deutschen Außenpolitik. Sie werden sich vom maroden Material nicht aufhalten lassen. Im Gegenteil: Je lächerlicher die Bundeswehr in der Öffentlichkeit jetzt dasteht, desto größer wird die kommende Aufrüstung sein.

Die Deutschen schaffen es nicht einmal, sechs Ausbilder reibungslos von Schleswig-Holstein in den Irak zu fliegen. Dabei wollen sie so gerne wackere Streiter für Demokratie und Menschenrechte sein. Das ist peinlich. Vor allem für den Bundespräsidenten, den Außenminister und natürlich die Verteidigungsministerin. In der ersten Jahreshälfte hatten die drei die Backen aufgeblasen, und von der neuen "Verantwortung" schwadroniert, die Deutschland in der Welt übernehmen müsse. Sie hätten vorher besser mal einen Blick ins Zeughaus geworfen. Da wird der süßeste Traum der Friedensbewegung wahr: Stell dir vor, es ist Krieg - und die Bundeswehr kommt nicht hin.

Aber Vorsicht. Wer glaubt, die Militarisierung der deutschen Außenpolitik werde aus technischen Gründen ausfallen, freut sich zu früh. Es hat ja einen Grund, dass sich die Meldungen vom Schrottplatz jetzt häufen. Gauck, Steinmeier und von der Leyen haben Versprechen gegeben, die sie nun halten wollen. Die neue deutsche Rolle in der Welt wird noch richtig teuer. Was die Wähler, die das bezahlen müssen, davon haben, ist noch nicht so ganz klar. Aber Wehrpolitiker wie der SPD-Mann Rainer Arnold, die können sich unter ihresgleichen endlich wieder blicken lassen. Er hatte im Verteidigungsausschuss gesagt, der Zustand der Bundeswehr sei "beschämend", mit so einer Truppe könne man international nicht auftreten. Und das ist ja in diesem Zusammenhang eine ganz erhellende Formulierung.

Krieg als Kulisse für die eigene Selbstdarstellung

Arnold sitzt im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik. Lobby Control bezeichnet die Gruppe als "Netzwerk für Kontaktpflege und Interessenvermittlung" und natürlich sind da auch lauter Kollegen aus der Rüstungsindustrie vertreten. Mehr Verantwortung schaffen mit noch mehr Waffen - über diesen außenpolitische Kurswechsel der großen Koalition freut sich der militärisch-industrielle-politische Komplex. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel dreht gerade den Export deutscher Waffen ab. Da murren die Betriebsräte. Wenn wir uns aber künftig unsere Panzer wieder selbst abkaufen, sind alle zufrieden, Industrie und SPD.

Bei der Verteidigungsministerin ist man sich übrigens nicht so sicher, ob der Zustand der Bundeswehr sie eigentlich wirklich kümmert. Der einzige Kampfeinsatz, der für Ursula von der Leyen wirklich zählt, ist das Fotoshooting. Ikonografisch kann sie es inzwischen locker mit dem Minister-Model Guttenberg aufnehmen. Der missbrauchte seinerzeit - in heller Hose und hohen Stiefeln - ein Bundeswehrfeldlager in Afghanistan als Talkshow-Kulisse. Das war mindestens so unangemessen wie das Foto, das von der Leyen neulich auf dem Flugfeld von sich machen ließ: dunkle Jeansjacke, leuchtende Haare, dramatischer Himmel, sorgenvoller Blick und hinten, drohend, wartend, die ungeheure Maschine.

Die Bundeswehr ist in zu schlechtem Zustand, das Verteidigungsministerium ein zu komplizierter Laden und der Krieg ist überhaupt ein zu ernstes Geschäft, als dass man all das als Kulisse für die eigene Selbstdarstellung nutzen darf. Von der Leyen hat das nicht begriffen. Selbst wenn die Ministerin im Kopierraum des Verteidigungsministeriums stehe, schaue sie in die Ferne und lasse sich fotografieren, spottete Sigmar Gabriel über seine Kollegin. Gabriel nannte von der Leyen eine "Inszenierungsministerin". Das hängt jetzt an ihr. Bis vor Kurzem hat man sie für eine natürliche Nachfolgerin der Bundeskanzlerin gehalten. Jetzt immer noch?

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insgesamt 353 Beiträge
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1. Ich habe mittlerweile wirklich Angst
static2206 02.10.2014
dass Deutschland von militärischen Großmächten wie Lichtenstein oder Monaco angegriffen wird. Mit einer Witzfigur als Verteidigungsministerin war dieser Fall schon wahrscheinlich, jetzt noch die Tatsache, dass unser Pfadfinderverein in Tarnklamotten praktisch handlungsunfähig ist, macht die Sache nicht besser.
2. unsinn
otelago 02.10.2014
wenn wir in d ernsthaft leute beschäftigen, richtig über strategie und krieg nachzudenken, dann gibt es erst ein riesengerede, aber dann ist ruhe, metkwürdige dinge geschehen und niemand wird je erfahren warum. die bisherige debatte hat kita niveau.
3. v.d.L. 4 Kanzlerin
Bundeskanzler20XX 02.10.2014
Dr. Merkel ist doch nicht besser oder schlechter als vdL. Das würde schon passen, aber weil es eben passt ist vdL auch Verteidigungsministerin geworden. So kann Mutti sie leicht absägen.
4. wir brauchen
bumminrum 02.10.2014
in diesem riesigen Laden erfahrene Manager aus der Wirtschaft mit Sachverstand im Militärbereich. Was wir nicht brauchen ist ein presseaffines Modepüppchen, die sich um mehr Kindergärten kümmert und von irgendwelchen Auslandseinsätzen schwadroniert.
5. Es geht auch anders
stauss4 02.10.2014
Abschaffung der Bundeswehr und die Soldaten nutzvoller Beschäftigung in Grenzschutz (Abwehr illegaler Immigranten) und Polizei (Schutz der Bevölkerung vor Kriminellen) zuführen. Die haben erheblichen Personalmangel an kräftigen jungen Männern.
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