Vorwürfe gegen Ausbilder Erneut Ermittlungen in Bundeswehr-Kaserne Pfullendorf

Die Staufer-Kaserne in Pfullendorf steht wieder im Mittelpunkt von Ermittlungen. Nach SPIEGEL-Informationen soll ein Ausbilder Soldaten bei einem Marsch so lange angetrieben haben, bis einer ohnmächtig zusammenbrach.

Bundeswehr-Soldaten
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Der Bundeswehr droht ein neuer Skandal und wieder geht es um die Ausbildung junger Soldaten. Die Truppe ermittelt nach SPIEGEL-Informationen seit einigen Wochen abermals wegen Verfehlungen in der Staufer-Kaserne im baden-württembergischen Pfullendorf.

Die Vorwürfe richten sich diesmal gegen die Verantwortlichen des Ausbildungszentrums Spezielle Operationen. Unteroffiziere mussten demnach bei einer Schulung so lange marschieren, bis mehrere von ihnen zusammenbrachen. Ein Soldat fiel sogar in Ohnmacht und wurde ins Krankenhaus eingeliefert.

Die Bundeswehr nahm nach einer Beschwerde Mitte Januar Disziplinarermittlungen auf. Zuständig für die Staufer-Kaserne ist das Ausbildungskommando des Heeres. Sowohl Jörg Vollmer, der Inspekteur des Heeres, als auch der Heeres-General Frank Leidenberger inspizierten die Kaserne wegen des Vorfalls kürzlich und ließen sich über die jüngsten Ermittlungsergebnisse informieren.

Ausbilder versetzt

Mittlerweile haben sich die Vorwürfe weitgehend bestätigt: Ein verantwortlicher Ausbildungsfeldwebel wurde versetzt, ein Truppendienstgericht muss noch über weitere Maßnahmen entscheiden.

Offiziell wollte die Bundeswehr den Vorgang zunächst jedoch nicht bestätigen. Bei laufenden Ermittlungen äußert sich die Truppe grundsätzlich nicht. Bisher hat die Bundeswehr auch den Verteidigungsausschuss nicht über den Fall unterrichtet.

Bei den betroffenen Soldaten handelte es sich um Unteroffiziersanwärter, die erst wenige Tage zuvor für einen Kurs nach Pfullendorf gekommen waren. Einige von ihnen brachen wegen des Umgangs des Ausbilders mit ihnen ihre Laufbahn bei der Bundeswehr spontan ab.

Im Lehrplan nicht vorgesehen

Konkret soll der Ausbilder an dem Tag einen Marsch über mehrere Kilometer angeordnet haben - obwohl dies so nicht im Lehrplan vorgesehen war. Erst am Tag zuvor hatten die Soldaten ihre Fitness bei einem Sporttest unter Beweis gestellt. Auch nachdem bereits mehrere Soldaten bei dem Marsch zusammengebrochen waren, ließ der Ausbilder die Gruppe zunächst unerbittlich weiterlaufen.

Zwar trug keiner der Soldaten in Pfullendorf bleibende gesundheitliche Schäden davon. Dennoch erinnert der Fall an einen folgenreichen Übungslauf in einer Bundeswehrkaserne in Munster im Sommer 2017. Damals waren ebenfalls mehrere Soldaten zusammengebrochen. Die Ausbilder ließen den Lauf fortsetzen, ordneten gar Strafrunden an. Zwei Soldaten erlitten in Munster einen Hitzeschock. Der Offiziersanwärter Jonas K. verstarb wenig später in einer Klinik an multiplem Organversagen.

Die Ermittlungen zu dem dramatischen Vorfall sind bis heute nicht abgeschlossen, in einem ersten Bericht wurden jedoch mehrere Fehler der Ausbilder eingeräumt.

Zum Beispiel ließen sie die Soldaten mit nicht wettergerechter Kleidung marschieren. Zudem hätten sie die Übung beenden müssen, nachdem die ersten Rekruten zusammengebrochen waren. Gleichwohl steht noch immer ein Gutachten zur genauen Todesursache des Offiziersanwärters aus.

"Drill mit unnötiger Härte verwechselt"

In der Führung der Truppe reagieren viele gereizt, dass der Ausbilder in Pfullendorf nach dem tragischen Marsch in Munster offenbar nicht besonders sensibilisiert war. "Militärischer Drill", heißt es in diesen Kreisen, "wird in der Truppe noch immer mit unnötiger Härte verwechselt".

Die Staufer-Kaserne hatte im Frühsommer 2017 für Schlagzeilen gesorgt, weil dort anstößige Praktiken bei der Sanitäterausbildung und erniedrigende Aufnahmerituale unter den Mannschaftssoldaten aufgedeckt worden waren.

Zwar wurden die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen der Sanitätsausbildung eingestellt. Trotzdem wurden mehrere Ausbilder versetzt.

Der neue Fall dürfte vor allem dem neuen Kommandeur der Staufer-Kaserne, Oberst Carsten Jahnel, Sorgen bereiten. Der Offizier war nach der Affäre um die Sanitätsausbildung extra nach Pfullendorf versetzt worden, er sollte mögliche Missstände abstellen und einen Neustart der Kaserne ermöglichen, in der auch Soldaten aus dem Ausland ausgebildet werden.



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