Rüstungsskandal: Bundeswehr sieht "erhebliche Mängel" beim Sturmgewehr G36

Das Urteil ist deutlich: Nach SPIEGEL-Informationen attestiert die Bundeswehr dem Sturmgewehr G36 "erhebliche Mängel". Ärger macht auch Pistolenmunition. Das Ministerium von Thomas de Maizière hat Hinweise darauf offenbar nicht ernst genommen.

Schießübung mit G36-Sturmgewehr: Streukreis von 50 bis 60 Zentimetern Zur Großansicht
DPA

Schießübung mit G36-Sturmgewehr: Streukreis von 50 bis 60 Zentimetern

Die Bundeswehr hat mit ihren Gewehren und Pistolen, die in Afghanistan im Einsatz sind, offenbar gravierende Probleme. Ein vertraulicher Abschlussbericht der zuständigen Wehrtechnischen Dienststelle belegt, dass das Standardgewehr G36 bei Erwärmung durch Sonneneinstrahlung und Dauerfeuer an Präzision verliert. Von einem "erheblichen Mangel" spricht auch ein anderes internes Dokument, das dem SPIEGEL vorliegt.

Nach der Abgabe von 90 Schuss aus hundert Meter Entfernung habe die Waffe einen Streukreis von 50 bis 60 Zentimetern aufgewiesen. "Hier ist die Frage zu stellen, inwieweit ein Soldat in einem Feuergefecht mit heißgeschossener Waffe überhaupt noch treffen kann." Als Grund hat der Abschlussbericht die aus Kunststoff hergestellten Teile der Waffe identifiziert, die bereits bei 23 Grad Celsius an Steifigkeit verliere. Liege die Waffe in der Sonne oder werde sie von einer Seite erwärmt, verlagere sich dadurch der Treffpunkt des Gewehrs.

Die "Erst-Treffer-Wahrscheinlichkeit" sinke, der Munitionsbedarf steige, der Soldat verliere "das Vertrauen in seine Schießfähigkeit", so der Abschlussbericht der Waffenprüfer aus dem Juli vergangenen Jahres. Der Hersteller Heckler & Koch erklärte dem SPIEGEL, es handle sich bei den beobachteten Phänomenen um "auch für den Laien nachvollziehbare" normale physikalische Vorgänge.

Verletzungsgefahr durch "überhöhten Gasdruck"

Probleme gibt es auch bei der Pistole P8: Bei der von der Bundeswehr verwendeten Munition vom Typ DM51 soll ein gefährlich hoher Gasdruck entstehen. Pistolen seien am Verschluss oder Rohr gerissen, bei manchen würden durch den Druck Metallteile herausgeschleudert. Das Ministerium räumte gegenüber dem SPIEGEL 48 Vorkommnisse seit dem Jahre 2012 ein, darunter 12 durch "Bruch oder Riss", hält dies aber für ungefährliche "Verschleißphänomene".

In internen Dokumenten ist hingegen von einer "Verletzungsgefahr" bei Verwendung der Munition die Rede. Noch heute schießen Bundeswehrsoldaten mit der vermutlich gefährlichen Munition in der P8. Deren Hersteller Heckler & Koch führt die Probleme laut SPIEGEL auf den Einsatz nicht freigegebener Munition mit "überhöhtem Gasdruck" zurück, zählt aber auch jene DM51 dazu.

Einen Großteil der Dokumente hat ein in den Ruhestand versetzter Beamter des Wehrbeschaffungsamts in Koblenz an Bundestagsabgeordnete verschickt. Mehrmals hatte er sich zuvor an Verteidigungsminister Thomas de Maizière gewandt. Das Ministerium erklärte dem SPIEGEL dazu, man habe die Vorwürfe geprüft und für unbegründet befunden. Es habe daher keine Veranlassung bestanden, "den Minister erneut mit dem Vorgang zu befassen".

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insgesamt 253 Beiträge
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1.
KurtFolkert 14.09.2013
Wir brauchen bessere Waffen. Dazu müssen wir aber auch mehr Geld investieren. Also bleibt alles beim alten!
2. Kein Geheimnis
sesky 14.09.2013
Das G36 hat viele Intelligente und Richtungsweisende Merkmale aber wenn es an der Substanz fehlt und die Barrel Harmonics mist sind (und oh gott, dieser Handschutz), nützt das alles nichts. Das HK da bei Rüstungsverträgen gerne mal Mist baut ist spätestens nach der XM8-Kopfgeburt klar. Wenn es drauf ankommt, können sie es (siehe M416/M417) aber beim Verteidigungsministerium kennt man sicch ja. Wenn keine Konkurrenz in fairen Ausschreibungen zu befürchten ist, kann man ja auch mal billig-ABS verwenden.
3.
F.S. 14.09.2013
Die mangelhafte Treffgenauigkeit hab ich beim G36 schon vor 11 Jahren feststgestellt... Hab das auch mehrfach angesprochen was jedoch von meinen Vorgesetzten ignoriert wurde.
4. Manchmal ist Fortschritt = Rückschritt
mat_yes 14.09.2013
Die alte G3 war prima. Hab selber mit ihr auf 250 Meter immer getroffen. Auch die Uzi war nicht schlecht. Warum also neuen Mist anschaffen? Geht mir übrigens auch mit den ganzen Generationen von neuen Autos so. Lieber ein Wagen den ich selber reparieren kann, als nen Buggy-Buggy wo permanent die falsch programmierte Elektronik rumspinnt. Wo lag denn der Vorteil der Russischen Armee im 2. Weltkrieg? Nicht nur in der Masse an Menschen. Nein auch an den Einfachen Waffen und Fahrzeugen, die in jedem Klima funktionieren. Gleiches gilt auch für die ICE!!! Russland hat Sonderversionen, die tadellos zwischen St.Petersburg und Moskau verkehren, während in Deutschland, aufgrund falscher Spardiktate, die DB nur die Grundversionen kauft und am Ende im Sommer und Winter nur Pannen passieren. Also lieber Einfache, weniger elegangte Teile kaufen, hauptsache sie funktionieren!
5. Was funktioniert?
cato-der-ältere 14.09.2013
Könnte man umgekehrt mal berichten was überhaupt funktioniert in dem Laden? Vielleicht wäre das übersichtlicher. Allerdings ist man auch nicht wirklich traurig wenn die Mordinstrumente nichts taugen. Rausgeschmissenes Geld ist es so oder so.
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