Bundeswehr-Skandal Scheingeiselnahmen und Stromstöße als "Ausbildungshöhepunkt"

Prozess um einen der größten Skandale in der Geschichte der Bundeswehr: 163 Rekruten einer Coesfelder Kaserne sollen bei simulierten Geiselnahmen misshandelt worden sein. Der Kompaniechef räumt ein, von Scheinentführungen durch seine "vertrauenswürdigen Ausbilder" gewusst zu haben.


Münster/Coesfeld - Im Prozess gegen noch aktive oder ehemalige Ausbilder der Bundeswehr vor dem Landgericht Münster hat am Vormittag der erste Angeklagte ausgesagt. Ende Mai 2004 seien zwei Zugführer seines Instandsetzungsbataillons zu ihm gekommen und hätten ihn gebeten, als "Ausbildungshöhepunkt" eine Geiselnahme mit den Rekruten zu simulieren, sagte der damalige Hauptmann und Kompaniechef Ingo S. Er habe der Bitte zugestimmt, weil es sich bei den beiden Zugführern um "vertrauenswürdige Ausbilder" gehandelt habe. Die Ausbilder, allesamt mit Auslandserfahrung, seien bis zu den Vorfällen absolut integer gewesen. "Sie gehörten zur Spitze", sagte der frühere Kompaniechef.

Mutmaßliches Misshandlungswerkzeug: Beweismittel Kübelspritze im Gerichtssaal in Münster
DPA

Mutmaßliches Misshandlungswerkzeug: Beweismittel Kübelspritze im Gerichtssaal in Münster

Ingo S. stritt ab, von Misshandlungen gewusst zu haben. Zwar habe er bei der ersten der vier Übungen selbst gesehen, wie kniende Rekruten in einer Sandgrube mit verbundenen Augen und gefesselten Händen mit Wasser bespritzt worden seien. Dies sei jedoch alles im Rahmen einer einsatznahen Ausbildung abgelaufen. Nach der Übung hätten einzelne Soldaten gesagt, die Ausbildung habe ihnen gut gefallen. Die Staatsanwaltschaft zählt den angeklagten Kompaniechef und die beiden Zugführer zu den Hauptbeschuldigten.

Ingo S. ist einer von insgesamt 18 Angeklagten, denen die Staatsanwaltschaft vorwirft, in ihrer Funktion als Ausbilder zahlreiche Rekruten der Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Coesfeld schwer misshandelt und verletzt zu haben. Den Männern im Alter von 25 bis 34 Jahren drohen im Falle einer Verurteilung Haftstrafen von bis zu zehn Jahren.

Die ehemaligen Offiziere beziehungsweise Unteroffiziere sollen im Sommer 2004 rund 160 Rekruten bei Übungen entwürdigend behandelt und zum Teil gequält haben. Bei einem der Vorfälle wurden junge Soldaten während einer fingierten Geiselnahme mit verbundenen Augen und gefesselten Händen in eine in der Nähe der Kaserne gelegene Sandgrube gebracht und dort "verhört". Dabei wurden sie aus einer so genannten Kübelspritze mit Wasser bespritzt. Mehrfach sei den Soldaten Wasser aus durch Nase und Mund gespritzt worden. Laut Staatanwaltschaft sollen die Ausbilder die Rekruten auch geschlagen, getreten und mit Elektrostößen misshandelt haben. Die Opfer hätten zum Teil Todesangst gehabt.

Der Verteidiger des Kompaniechefs machte auch die Strukturen in der Bundeswehr mitverantwortlich. Es habe in vielen Teilen der Truppe den Wunsch gegeben, die Ausbildung einsatznäher zu gestalten. Genaue Anweisungen zur Ausgestaltung seien jedoch bewusst nie gegeben worden.

Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Reinhold Robbe, erhob indes schwere Vorwürfe gegen die Bundeswehr-Ausbilder. "Sie waren nicht befugt, eine Geiselnahme einzuüben, dazu ist eine Spezialausbildung notwendig", sagte Reinhold Robbe im Hessischen Rundfunk. Das Training sei zwar gut gemeint, aber schlecht gemacht gewesen.

"Solche simulierten Geiselnahmen dürfen nur in Anwesenheit von Ärzten, Psychologen und Seelsorgern gemacht werden", betonte Robbe. Er forderte, alle Institutionen müssten in Zukunft darauf achten, dass sich solche Dinge nicht wiederholten.

phw/ddp/AP/dpa



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