Bundeswehr-Skandal Soldat soll Totenschändung gestanden haben

Bei der Aufklärung der Totenschändung in Afghanistan gibt es erste Erfolge. Sechs der beteiligten Bundeswehrsoldaten seien identifiziert, teilte Verteidigungsminister Franz Josef Jung mit. Einer von ihnen soll die Tat beim Verhör bereits gestanden haben.


Berlin - "Wir sind auf Hochtouren bei unseren Ermittlungen", sagte Jung im ZDF-"heute journal". Sechs Beteiligte der Leichenschändungen in Afghanistan seien identifiziert. "Vier sind nicht mehr bei der Bundeswehr, bei zwei weiteren werden wir die entsprechenden Konsequenzen ziehen", kündigte der CDU-Politiker an. Jung hatte zuvor schonungslose Aufklärung zugesagt und den betroffenen Soldaten mit Entlassung gedroht.

Bundeswehr in Afghanistan: Kritik an der Ausbildung
REUTERS

Bundeswehr in Afghanistan: Kritik an der Ausbildung

Nach Informationen des Deutschlandfunks hat einer der Vernommenen die Tat gestanden. Die Männer kamen vermutlich aus dem bayerischen Standort Mittenwald, wie die Nachrichtenagentur dpa aus gut informierten Kreisen erfahren haben will. Die "Bild"-Zeitung hatte die Affäre mit der Veröffentlichung von Fotos ins Rollen gebracht, auf denen Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit zum Teil obszönen Gesten einen Totenschädel präsentieren.

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbands, Bernhard Gertz, befürchtet in Folge des Vorfalls eine wachsende Gefahr von Anschlägen auf deutsche Soldaten in Afghanistan. "Dieses Vorgehen ist in der Tat geeignet, die ganze arabische, muslimische Welt gegen uns aufzubringen", sagte Gertz dem Fernsehsender "Phoenix". "Die Kommandeure vor Ort werden sich überlegen müssen, mit welchen Reaktionen sie zu rechnen haben."

Gertz kritisierte die bisherige Ausbildung der Soldaten. "Es gibt ein Problem bei der Vermittlung der ethischen Seite des Soldatenberufs", sagte Gertz der "Leipziger Volkszeitung". Er betonte: "Wir sind stolz auf unsere Tradition der Inneren Führung, auf das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform." Aber das zentrale Motiv müsse der Respekt vor der Würde des Menschen sein. Es gebe offenbar einige Soldaten, die das so deutlich nicht begriffen hätten.

Die afghanische Regierung fürchtet gewaltsame Proteste nach der Totenschändung durch deutsche Gebirgsjäger: "Radikale Kräfte suchen geradezu nach solchen Situationen", sagt Wirtschaftsminister Amin Farhangzu SPIEGEL ONLINE. Er hoffe, dass Deutschlands Ruf im Land keinen Schaden nehme.

Der Skandal wird heute voraussichtlich auch im Bundestag zur Sprache kommen. Das Parlament berät über den weiteren Einsatz der Streitkräfte gegen den internationalen Terrorismus und über das neue Weißbuch zur deutschen Sicherheitspolitik und zur Zukunft der Bundeswehr. Dazu gibt Verteidigungsminister Jung eine Regierungserklärung ab.

Der stellvertretende Grünen-Fraktionsvorsitzende Hans-Christian Ströbele sagte im Hessischen Rundfunk, er fürchte, dass die bisher bekannten Fälle nicht die einzigen bleiben werden: "Soweit ich gehört habe, soll es noch viel mehr Fotos geben aus Afghanistan". Auf den Fotos seien auch Mitglieder der Elitetruppe KSK zu sehen.

Nato-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer sagte dem "Tagesspiegel", das Fehlverhalten der deutschen Soldaten sei "inakzeptabel". Es gefährde aber den Einsatz in Afghanistan insgesamt nicht.

Der frühere Bundeswehr-General Klaus Reinhardt warnte in der "Berliner Zeitung" davor, den Afghanistan-Einsatz infrage zu stellen. "Wir dürfen das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Die Soldaten der Bundeswehr, die in Auslandseinsätze gehen, sind so intensiv ausgebildet wie in keiner anderen Armee", sagte Reinhardt, der 1999 Kommandeur der internationalen Friedenstruppe im Kosovo war.

Der Präsident des Reservistenverbandes, Ernst-Reinhard Beck, nannte die Vorfälle einen "Einzelfall". In der "Neuen Osnabrücker Zeitung" warnte er jedoch davor, die gesamte Bundeswehr in Verruf zu bringen. "Ich verwahre mich dagegen, jetzt zu sagen: Das ist symptomatisch für unsere Soldaten im Auslandseinsatz."

als/ddp/dpa

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