Bundeswehr-Skandal weitet sich aus Bericht über Horror-Fotos aus dem Kosovo

Sind makabre Spiele mit den sterblichen Überresten von Menschen ein seit langem übliches Ritual unter deutschen Soldaten? Im Kosovo seien sogar bei Exhumierungen und in der Pathologie Fotos mit Leichen geschossen worden, sagt ein Truppenpsychologe.


Berlin - Der respektlose Umgang mit Toten ist unter Bundeswehrsoldaten in Krisengebieten womöglich seit Jahren gängige Praxis - nicht nur in Afghanistan. "Ich habe selbst im Kosovo mitbekommen, dass junge Soldaten bei Exhumierungen oder in der Pathologie Fotos gemacht haben, die unter der Hand im Lager kursierten, ohne dass die Vorgesetzten offensichtlich davon etwas mitbekommen haben", sagte der Truppenpsychologe Horst Schuh der "Bild am Sonntag".

Totenschändungsskandal: "Imponiergehabe, das in einer Gruppe eine eigene Dynamik entwickeln kann"
DPA

Totenschändungsskandal: "Imponiergehabe, das in einer Gruppe eine eigene Dynamik entwickeln kann"

Wenn es tatsächlich im Kosovo vergleichbare Fälle bei Exhumierungen oder in der Pathologie gab, wäre dies eine neue Qualität der Bilder. In Afghanistan wurden Skelette für die Fotos benutzt - im Kosovo-Einsatz lagen die Toten oft noch nicht lange unter der Erde, als sie entdeckt wurden. Der ehemalige deutsche Kosovo-Kommandant Klaus Reinhardt schilderte in der vergangenen Woche im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, wie auch ihn persönlich die Konfrontation mit Leichen im Kfor-Friedenseinsatz mitgenommen habe. Viele Soldaten hätten damals kaum schlafen können.

Truppenpsychologe Schuh sagte, die meisten jungen Soldaten reagierten auf Verwundung und Tod schockiert. Es gebe aber auch einige, auf die das Makabre eine bizarre Anziehungskraft ausübe. Hinzu komme ein Imponiergehabe, das in einer Gruppe eine eigene Dynamik entwickeln könne. Er verglich diese Versuche, beängstigende Situationen zu bewältigen, mit den Scherzen von Medizinstudenten am Seziertisch. Es würde ihn nicht wundern, "wenn weitere Bilder dieser Art auftauchen", fügte der Oberst der Reserve hinzu.

Tatsächlich kommen immer neue Fotos an die Öffentlichkeit. Die "Bild"-Zeitung druckte heute eine dritte Serie von Fotos aus Afghanistan, bei der offenbar viel mehr Soldaten an den Totenschändungen beteiligt waren als bislang bekannt. Die Fotos von Ende 2003 und Anfang 2004 mit Totenschädeln und Knochen zeigten deutsche Fallschirmjäger, nachdem zuvor Gebirgsjäger und Panzergrenadiere genannt worden waren. "Viele haben eine Digitalkamera dabei und fast jeder hat einen privaten Laptop", berichtete ein Soldat. Die Fotos seien "untereinander getauscht" worden.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums hob hervor, es werde allen Hinweisen nachgegegangen. Inzwischen werden immer neue Vorwürfe über das Verhalten deutscher Soldaten in Afghanistan laut: Ein Teil der dortigen Bundeswehrführung soll nach einem Zeitungsbericht möglicherweise schon seit geraumer Zeit von den Fotos gewusst, aber nichts unternommen haben. Die "Leipziger Volkszeitung" schreibt, dass Offiziere der Bundeswehr im nordafghanischen Kundus in den vergangenen Jahren mehrfach von besorgten afghanischen Partnern gebeten worden sein, "Berichten über Schändungen" im Großraum Kabul nachzugehen. Dies erzählte ein früherer Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der im Raum Kundus tätig war, dem Blatt. In Nord-Afghanistan, so sei es ihm berichtet worden, hätten immer wieder "Exzesse in einem Knochenfeld" unter Beteiligung "deutscher und anderer Friedenssoldaten" stattgefunden. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sagte der Zeitung, die Frage der Mitwisserschaft werde mit Hochdruck geklärt.

"Schonungslos verfolgt und bestraft"

Deutsche Politiker kündigten ein hartes Vorgehen gegen die Soldaten an: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte dem Magazin "Focus", es komme darauf an, dass Afghanistan sehe, dass solche Vergehen nicht geduldet, sondern "schonungslos verfolgt und bestraft" würden. Merkel appellierte an das afghanische Volk, besonnen auf die mutmaßlichen Leichenschändungen zu reagieren. Die Bundesregierung werde "alles in unserer Macht stehende tun, damit solche Vorfälle nicht mehr passieren", sagte sie.

SPD-Fraktionschef Peter Struck hat in der "Bild am Sonntag" die Verantwortung für den Totenkopf-Skandal zurückgewiesen: Es habe während seiner Amtszeit als Verteidigungsminister keine Hinweise auf die Vorgänge gegeben. "Hätte der Führungsstab oder gar ich davon erfahren, wäre das natürlich sofort bestraft worden." Struck war von 2002 bis 2005 Verteidigungsminister.

Auf die Frage, ob er sich etwas vorzuwerfen habe, antwortete er: "Nein. Mich haben diese makaberen Bilder in dieser Woche wie ein Blitz getroffen." Er sei bestürzt, "weil ich mir so etwas nicht vorstellen konnte". Struck sagte, er sei oft in Afghanistan gewesen und habe die Soldaten dort als hochkompetent erlebt. Der SPD-Fraktionschef erklärte weiter, er glaube, dass eine harte Bestrafung eine "heilsame Wirkung auf alle hat, die im Ausland über die Stränge schlagen könnten." Natürlich werde das Verteidigungsministerium genau prüfen, ob Vorgesetzte etwas gewusst und zu verantworten hätten. "Dann müssen auch sie bestraft werden", so Struck.

Unterdessen wiederholte Grünen-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele seine Befürchtung, dass es noch viele ähnliche Fälle geben werde. Bei Recherchen zum KSK-Einsatz in Afghanistan sei ihm versichert worden, "dass es einige hundert Fotos mit problematischem Inhalt von den Aktivitäten dieser Soldaten in Afghanistan gibt", sagte der Grünen-Politiker. Als Konsequenz aus den Vorfällen forderte er ein Ende des deutschen Afghanistan-Einsatzes. Die Linkspartei forderte den Wehrbeauftragten auf, sich künftig verstärkt um Ausbildung und Betreuung im Einsatz zu kümmern. Der verteidigungspolitische Sprecher Paul Schäfer verlangte auch eine bessere parlamentarische Kontrolle über Auslandseinsätze.

"Einsätze sehr wohlüberlegt vorbereitet"

Auch beim Militär zeigte man sich erschüttert über das Verhalten einiger deutscher Soldaten: Der ehemalige Generalinspekteur und frühere Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, Harald Kujat, nannte die Vorgänge abscheulich. Er nahm im RBB zugleich die Bundeswehrführung vor pauschalen Vorwürfen in Schutz: "Ich kenne die 26 Nato-Armeen sehr gut." Es gebe keine Truppe, die ihre Einsätze "so sorgfältig, so umfassend und so wohlüberlegt" vorbereite wie die Bundeswehr. Kujat äußerte den Verdacht, dass sich in den Fotos gesellschaftliche Fehlentwicklungen wie etwa Verrohung widerspiegelten.

Der frühere NATO-General und Missionschef im Kosovo, Klaus Reinhard, sprach von einer schallenden Ohrfeige für die Bundeswehr. Am meisten schockiert habe ihn, dass ein Feldwebel auf den Fotos zu sehen sei, der nicht eingegriffen habe, sagte Reinhard dem "Münchner Merkur". Die Vorkommnisse könne er sich nur mit der Konfrontation der Soldaten mit eigener Angst, ständiger Bedrohung und mit dem Tod von Kameraden erklären. Womöglich wollten sie sich abreagieren, in dem sie den Tod lächerlich machten.

anr/AFP/AP/ddp



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