Bundeswehr-Skandale: Helmut Schmidt kanzelt Guttenberg ab

Schlechte Versorgung, mangelnde Hygiene, Lücken bei der Sicherheit - Forscher eines Bundeswehr-Instituts sollen mehrfach Probleme auf der "Gorch Fock" moniert haben, passiert ist offenbar nichts. Verteidigungsminister Guttenberg muss sich inzwischen auch Kritik von Altkanzler Schmidt anhören.

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Helmut Schmidt: Der Altkanzler kritisiert den Verteidigungsminister

Hamburg - Das Verteidigungsministerium und die Führung der Marine wurden in den vergangenen Jahren offenbar mehrfach über Missstände an Bord des Skandalschiffs " Gorch Fock" informiert. Das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr habe in Forschungsstudien über die Probleme berichtet, meldet die "Zeit". Die Studien liegen der Zeitschrift vor.

Für die Untersuchungen wurden demnach Marineoffizieranwärter befragt. Bei den Ergebnissen sei "Kritik am Sicherheitskonzept" auf der "Gorch Fock" festgestellt worden. Außerdem sei von "großen und ernst zu nehmenden Problemen" bei der Verpflegung und Hygiene die Rede.

Das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr begleitet die Ausbildung der Marineoffiziere seit sechs Jahren. Das Institut habe zu diesem Thema unter dem Titel "Panelstudie zur beruflichen Entwicklung von Marineoffizieren" seit 2008 drei Forschungsberichte veröffentlicht, der jüngste ist vom Mai 2010. Die Berichte seien an Marineführung und Verteidigungsministerium weitergeleitet worden.

Für die Studien wurden die Offizieranwärter unter anderem über ihre Erfahrungen auf der "Gorch Fock" befragt. Im Forschungsbericht 2009 ist von schlechter Verpflegung und fehlendem Trinkwasser die Rede. Die für die "Gorch Fock" zuständige Marineschule begründete die Engpässe mit Beschaffungsschwierigkeiten in den Auslandshäfen.

Sicherheitsbedenken, die Offizieranwärter nach dem Tod einer Kameradin im Jahr 2008 geäußert hatten, wurden im Forschungsbericht von Mai 2010 thematisiert. "Im Zusammenhang mit der Kritik am Sicherheitskonzept muss auf die Möglichkeit geachtet werden, den Offizieranwärtern ausreichend Erholung zu gewähren", heißt es dort.

Weder das Verteidigungsministerium noch die Marineführung wollten sich laut "Zeit" zu Konsequenzen aus den Forschungsberichten äußern.

Schmidt kritisiert Abberufung des Kommandanten

Die von Verteidigungsminister Guttenberg angeordnete Abberufung des "Gorch Fock"-Kommandanten Norbert Schatz wird jetzt auch von Helmut Schmidt kritisiert. An die Adresse Guttenbergs sagte der Ex-Kanzler in der "Zeit": "Um einen Rat gebeten, würde ich sagen: Sorge dafür, dass die Vorschriften eingehalten werden. Zu den Regeln gehört beispielsweise auch, dass über niemandem der Stab gebrochen wird, ehe er angehört wurde."

Diese Einschätzung beziehe sich nicht nur auf Schatz, sondern auch "auf die Entlassung des Staatssekretärs Peter Wichert und des Generalinspekteurs Wolfgang Schneiderhan", sagte Schmidt, der Herausgeber der Zeitung. Wichert und Schneiderhan waren kurz nach dem Amtsantritt von Guttenberg in Zusammenhang mit der Kunduz-Affäre Ende 2009 entlassen worden.

Schmidt äußerte sich kritisch über die Neuausrichtung der Bundeswehr und die Abschaffung der Wehrpflicht. "Ich halte es jedenfalls für einen Fehler, die Bundeswehr nicht vorwiegend unter Rücksicht auf die Verteidigung des eigenen Landes zu strukturieren, sondern mit Blick auf den Einsatz auf fremden Kontinenten. Es sollte nicht die wichtigste Aufgabe unserer Bundeswehr sein, sich jederzeit abrufbar für fremde Kriege verfügbar zu halten", sagte er.

Es sei die Rede davon, die Bundeswehr auf 180.000 Soldaten zu verkleinern, sagte Schmidt. "Für diese Zahl habe ich bisher nirgendwo eine Begründung gefunden. Warum nicht 150.000? Warum nicht 80.000?"

Die Abschaffung der Wehrpflicht könne "erhebliche, erst langfristig auftretende Folgewirkungen haben", warnte der SPD-Politiker. So könne die Professionalisierung der Armee "zu Kastendenken führen". Die Bundeswehr habe ohnehin die Tendenz zu glauben, "sie sei etwas Besonderes. Und diese Neigung, sich für etwas Besonderes zu halten, wird sich natürlich in einer Berufsarmee noch stärker ausprägen als bisher schon". Schmidt sagte, die Vorstellung einer Armee als eine Art besondere Schicksalsgemeinschaft "wäre lebensgefährlich für unsere Demokratie".

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1. Es wird immer lächerlicher
Dunedin, 26.01.2011
Das ist hier ein Chaoten - Land, jetzt muß sich der Verteidigungsminister auch noch öffentlich von einem greisen Exkanzler, der sich kaum an das aktuelle Datum erinnern kann, kritisieren lassen. Was regen sich die Leute eigentlich über Silvio Berlusconi auf, hier ist es vergleichbar lustig
2. Was geht eingentlich hier vor?
Matthias Hofmann 26.01.2011
Zitat von sysopSchlechte Versorgung, mangelnde Hygiene, Lücken bei der Sicherheit - Forscher eines Bundeswehr-Instituts sollen mehrfach Probleme auf der "Gorch Fock" moniert haben, passiert ist offenbar nichts. Verteidigungsminister Guttenberg muss sich inzwischen auch Kritik von Altkanzler Schmidt anhören. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741714,00.html
so fragt sich der erstaunte Bürger. 2008 stirbt auf merkwürdige Weise eine junge Soldatin auf der Wache. Die Umstände können nicht aufgedeckt werden. 2010 stribt schon wieder eine junge Soldatin (nach siebenfachem aufentern!), dieses Mal liegt das Schiff gar im Hafen. - Eine Untersuchung für den "Kollateralschaden" findet nicht statt. Ein Unfall halt... Jetzt scheint das faule Ei aufgeplatzt zu sein und sofort stinkts zum Himmel. Warum bloß müssen immer erst ein paar Menschen sterben, bevor die Arroganz der Macht reagiert und das auch nur auf Druck einer Zeitung mit vier Buchstaben! Eine große Peinlichkeit Herr Minister.
3. oooo
inci 26.01.2011
Zitat von sysopSchlechte Versorgung, mangelnde Hygiene, Lücken bei der Sicherheit - Forscher eines Bundeswehr-Instituts sollen mehrfach Probleme auf der "Gorch Fock" moniert haben, passiert ist offenbar nichts. Verteidigungsminister Guttenberg muss sich inzwischen auch Kritik von Altkanzler Schmidt anhören. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741714,00.html
die gefahr für die demokratie erkennt schmidt meiner meinung nach zu recht. das muß man sich mal in ruhe zu gemüte führen, die verfechter des sozialen grundgedankens (SPD/Grüne) ziehen die hartz-gesetzgebung, und die falken befürworten die vorübergehende abschaffung der wehrpflicht. wer sagt uns nicht, daß es demnächst eine bundeswehr in deutschland geben wird, die von blackwater & co. gemanagt wird? so wie die arbeitsvermitllung ja auch von privaten gemanagt wird. manchmal sehe ich mich gerade auf dem nach "deutsche-bank-city" statt berlin und "allianz-stadt" anstelle von münchen.
4. Blah
amerlogk 26.01.2011
Wie oft hören wir von Schmidt "dazu äußere ich mich nicht, das ist Tagespolitik". Aha, geht also doch... Und das jenseits des Themas zu dem er sich geäußert hat.
5. Ganz abschaffen
Hercules Rockefeller, 26.01.2011
Wenn wir schon die Wehrpflicht über Bord gehen lassen (darf man das momentan eigentlich so formulieren?), wieso eigentlich nicht gleich die ganze Bundeswehr dichtmachen? Schmidt hat insofern Recht, dass wir unter keinen Umständen eine Armee brauchen, die sich gänzlich in Auslandseinsätzen betätigt. Nur muss dann die Frage erlaubt sein, wo soll sie sich sonst betätigen? Im Inneren brauchen wir sie nicht, da böte sich bei geringeren Kosten eine bessere Ausstattung der Polizei und anderer Organe an. Ggfs. leistet man sich eine Aufstockung der SEKs, falls es mal zu größeren Problemen an verschiedenen Orten kommen sollte. Brauchen wir eine Bundeswehr? Die Sache ist doch die, die Wehrpflicht wurde abgeschafft, weil heute keiner mehr Bock auf Krieg hat-und das ist gut so. Es gibt Länder, die haben keine Armee, die werden auch nicht laufend von anderen Staaten vereinnahmt. Deutschland hat keine Rohstoffe, die eine Eroberung rechtfertigen-Europa selbst ist nicht mehr so primitiv, dass es innerhalb des Kontinents noch einmal zur Waffe greifen wollte. Zügelt man den Zustrom von Problemmigrationsgruppen mit erheblichem Gewaltpotential, dann kommt es auch zu keinen Bürgerkriegen bzw. wäre dieser im Handstreich zu Gunsten der Europäer erledigt und träte nur einmalig auf. Letztlich dient die Bundeswehr nur der Unterstützung von fragwürdigen Auslandseinsätzen, über deren Sinn und Zweck man als Bürger nicht einmal im Nachhinein informiert wird. Sowas ist aber zutiefst undemokratisch. Man sollte sich ganz aus dem Kriegsbusiness verabschieden und die Kräfte ganz auf das wirtschaftliche und geistige Fortkommen konzentrieren. Dann könnte man Roboter und Drohnen wunderbar das Land verteidigen lassen-da wärs auch egal, wenn die sich gegenseitig über den Haufen schießen oder grob fahrlässig "Kameraden" über die Reling gehen lassen. Es gibt ein Leben nach der Bundeswehr, wir sollten diesen Schritt beruhigt gehen können.
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Die "Gorch Fock"
Das Schiff
Das legendäre Segelschulschiff "Gorch Fock" ist das älteste Schiff der deutschen Marine, es gilt als Botschafterin Deutschlands auf den Weltmeeren. Gebaut wurde es auf der Hamburger Werft Blohm & Voss, im August 1958 lief es vom Stapel. Benannt ist das Schiff nach dem Schriftsteller Gorch Fock, der im Ersten Weltkrieg in einer Seeschlacht starb.

Die "Gorch Fock" ist 89 Meter lang und 12 Meter breit, der Tiefgang beträgt 5,25 Meter. Fock- und Großmast sind 45,30 Meter hoch, der Besanmast etwa 40 Meter. Eine Diesel-Antriebsanlage erlaubt eine Geschwindigkeit mit dem Motor von 12 Knoten (etwa 23 Kilometer in der Stunde). Die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln liegt bei rund 17 Knoten, bei ihrem Rekord war sie 18,2 Knoten schnell. Die "Gorch Fock" untersteht der Marineschule Mürwik bei Flensburg, Heimathafen ist Kiel.
Die Besatzung
Der Dreimaster hat eine 85-köpfige Stammbesatzung, dazu kommen bis zu 138 junge Lehrgangsteilnehmer. In mehr als 50 Jahren wurden rund 14.500 Kadetten auf der "Gorch Fock" ausgebildet - viele berichteten anschließend von einer extrem harten Ausbildung. 1989 kamen mit fünf Sanitätsoffiziersanwärterinnen erstmals Frauen an Bord.
Die Ausbildung
Offizier- und Unteroffizieranwärter erhalten dort ihre praktische und theoretische Ausbildung für spätere Aufgaben in der Flotte. Laut Marine sollen die Lehrgangsteilnehmer an Bord das "grundlegende seemännische Handwerk" erlernen. "Sie erfahren in der Praxis die Bedeutung von Teamwork und Kameradschaft." Allerdings werde den Lehrgangsteilnehmern und der Crew "sowohl beim Aufentern in bis zu 45 Meter Höhe als auch beim Segelsetzen viel abverlangt", heißt es auf der Marine-Homepage.

Trotz modernster Technik ist der Ausbildungsabschnitt Segelschulschiff nach Ansicht der Marine weiterhin von großer Bedeutung. "Nirgendwo wird der Einfluss des Wetters auf Schiff und Besatzung so intensiv erlebt und zur gesicherten Erfahrung wie auf einem Großsegler", heißt es auf der Internetseite der Marine. Gerade die Ausbildung auf einem Segelschulschiff präge die Charaktereigenschaften und Gemeinschaftssinn, die für einen militärische Vorgesetzten unerlässlich seien.
Die Todesfälle
Während der Lehrgänge kam es mehrfach zu Todesfällen. Seit 2008 verloren gleich zwei Soldatinnen an Bord ihr Leben: Im vergangenen November stürzte eine 25-jährige Offiziersanwärterin aus der Takelage auf das Deck. Im September 2008 war eine 18-jährige Soldatin während ihrer Wache bei rauer See in die Nordsee gefallen und ertrunken.
Der Kommandant
Seit 2006 hatte Kapitän Norbert Schatz, 53, das Kommando über die "Gorch Fock" - im Zusammenhang mit dem Unfalltod der 25-jährigen Sarah wurde er Ende Januar 2011 von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg abgesetzt. Die Dreimastbark sei schon immer sein Ziel gewesen, erklärte der 53-Jährige einst. Nach dem Abitur trat er deshalb 1976 in die Marine ein und entschied sich für eine Laufbahn als Fregattenfahrer. Gleich zu Beginn sammelte er erste Erfahrungen auf dem Segelschiff. Von 1997 bis 1999 war er als Erster Offizier an Bord.