Ermittlungen gegen Bundeswehrdolmetscher So lockte der Geheimdienst den Spion in die Falle

Über mehr als ein Jahr beobachtete der Militärgeheimdienst MAD einen Bundeswehrübersetzer, der für Iran spioniert haben soll. Am Ende überführten die Fahnder den mutmaßlichen Verräter mit einem Täuschungsmanöver.

Militärischer Abschirmdienst (MAD) in Köln (Archivbild)
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Militärischer Abschirmdienst (MAD) in Köln (Archivbild)

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Die Enttarnung und Festnahme eines mutmaßlichen Spions aus den Reihen der Bundeswehr gelang nur nach einem Hinweis aus dem Ausland. Nach SPIEGEL-Informationen erhielt der Militärische Abschirmdienst (MAD) im Frühjahr 2017 von einem befreundeten Nachrichtendienst die Warnung, dass Iran einen Informanten in der Bundeswehr führe und so an geheime Informationen aus der Truppe gelangen könnte.

Der befreundete Dienst - hinter der Formulierung steckt oft die CIA - lieferte allerdings keine Hinweise auf die Identität des Spions in den Reihen der Bundeswehr. Erst durch eine MAD-Operation gelang es, den Deutsch-Afghanen Abdul Hamid S. als Verdächtigen zu identifizieren. Der 50-Jährige, der seit den Zweitausenderjahren als Dolmetscher für das Kommando Strategische Aufklärung (KSA) in der Heinrich-Hertz-Kaserne in Daun tätig war, wurde am Montag in Bonn festgenommen.

Auffällige Reisebewegungen

Die Identifizierung des Verdächtigen gestaltete sich schwierig, da den Deutschen weder ein Name noch eine Bundeswehreinheit übermittelt worden war. Dem MAD gelang es erst in mühsamer Kleinarbeit, den mutmaßlichen Spion zu enttarnen. Abdul Hamid S. geriet wegen seiner auffälligen Reisebewegungen ins Visier: Er reiste regelmäßig zeitgleich mit einem bekannten Führungsoffizier des iranischen Geheimdienstes in bestimmte Städte in der EU. Am Ende zählte der MAD 19 dieser verdächtigen Reisen.

Soldaten der Bundeswehr im afghanischen Masar-i-Scharif
DPA

Soldaten der Bundeswehr im afghanischen Masar-i-Scharif

Um S. zu überführen, spielte der MAD mit gezinkten Karten. Unauffällig schob man dem Dolmetscher in der Kaserne immer wieder vermeintlich brisante und geheime Informationen oder Dokumente zu. Der Trick gelang: Kaum hatte S. die fingierten Infos erhalten, meldete er sich bei seinem iranischen Führungsoffizier und bat um ein Treffen. Im Frühjahr 2018 waren sich die MAD-Agenten so sicher, dass sie den Fall und die gesammelten Indizien an den Generalbundesanwalt meldeten.

Für die Bundeswehr ist der Fall heikel, arbeitete S. doch in einer geheimen Einheit der Truppe. Als Dolmetscher übersetzte er für ein Bataillon zur elektronischen Kriegsführung - im Militärjargon stets mit "Eloka" abgekürzt - abgehörte Telefongespräche oder aufgeschnappte Funksprüche der Taliban aus dem Einsatz in Afghanistan. Ob er allerdings darüber hinaus an geheime Infos über den Einsatz oder aus der Truppe gekommen ist, wird bisher bezweifelt.

Sicherheitscheck ohne Ergebnisse

Unangenehm ist der Fall dennoch. Für die sensible Tätigkeit bei der "Eloka"-Einheit, im Auslandseinsatz sozusagen die mobilen Augen und Ohren der Truppe, müssen alle Soldaten und Dolmetscher eigentlich durch eine aufwendige Sicherheitsüberprüfung der Stufe drei, die auch den familiären Hintergrund und verdächtige Reisebewegungen ausleuchtet. Im Fall S. aber endete der Check ohne Ergebnisse. Nun stellt sich die Frage, wie treffsicher die Überprüfungen sind.

Nach der Übergabe des Falls an den Generalbundesanwalt ging 2018 alles recht schnell. Die Fahnder dort brauchen im Gegensatz zu den Geheimdiensten gerichtsfeste Beweise und nicht nur Indizien. Aufgrund der Vorarbeit des MAD aber gelang es schon im Dezember 2018, einen Haftbefehl gegen S. zu erwirken. Am Dienstag dann wurde er schließlich in seiner Bonner Wohnung festgenommen. Neben seinem Arbeitsplatz bei der Bundeswehr filzten die Fahnder auch noch ein Bankschließfach.

Wie groß der entstandene Schaden ist, wird derzeit noch bewertet. Aus Sicherheitskreisen aber hieß es am Dienstag, nach bisheriger Kenntnis habe S. keine brisanten oder sensiblen Informationen an seinen iranischen Führungsoffizier übergeben können, da man dem mutmaßlichen Spion in einer recht frühen Phase auf die Schliche gekommen sei. Am Mittwochnachmittag wollten der MAD und die Bundesanwaltschaft die Geheimdienstkontrolleure des Bundestags in geheimer Sitzung unterrichten.

Unabhängig vom Einzelfall zeigt die Episode, wie aggressiv Staaten wie Iran in Europa Spionage betreiben. Im vergangenen Jahr wurde ein in Österreich akkreditierter iranischer Diplomat in Deutschland festgenommen. Er soll über Jahre Quellen in Belgien geführt haben. Zuletzt soll er zweien seiner Zuträger den Auftrag für einen Anschlag auf das Treffen einer iranischen Oppositionsgruppe in Paris erteilt haben. Die beiden wurden kurz vor dem geplanten Anschlag festgenommen.

Zudem wurden Hackerattacken iranischer Dienste auf deutsche Ziele bekannt. Zwischenzeitlich glaubten die deutschen Behörden auch, Teheran bereite eine Liste mit potenziellen jüdischen Zielen in Deutschland vor, die im Falle eines Krieges von Iran mit Israel angegriffen werden könnten. Der Verdacht hat sich allerdings nicht erhärtet.

Berlin protestiert bei iranischem Diplomaten

Die Bundesregierung jedenfalls will Teheran nicht so leicht davonkommen lassen. Kaum war Abdul Hamid S. am Dienstag festgenommen, fand der deutsche Top-Diplomat Philipp Ackermann bei einem Gespräch mit dem Geschäftsträger der iranischen Botschaft in Berlin ernste Worte.

Bei dem Termin wurde der Fall "unmissverständlich angesprochen", hieß es nach dem Gespräch, Berlin habe seine "große Sorge über die mutmaßliche Agententätigkeit zum Ausdruck gebracht". Zudem machte man gegenüber dem iranischen Diplomaten deutlich, dass man die weiteren Ermittlungen in dem Fall genau beobachten werde.

Damit ist wohl auch gemeint, dass der namentlich bekannte Führungsoffizier des iranischen Geheimdienstes in Zukunft nicht mehr ganz unbehelligt durch Europa reisen kann.



insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
mweldag 16.01.2019
1. warum wurd der Spion nicht umgedreht?
Ich hätte dem Spion die Optionen auf den Tisch gelegt und Iran die ganze Zeit mit Falschinformationen versorgt.
achim21129 16.01.2019
2. Mist ...
... jetzt weiß der Iran, das unsere Panzer nicht fahren, unsere Jäger, Transporter und Helikopter nicht fliegen und unsere Schiffe nicht schwimmen. Besser wir ergeben uns!
schnittkerandre 16.01.2019
3.
Nun, wurde ein Agent aus dem Iran enttarnt. Alle sind empört, besorgt. Wie viel Agenten setzt Deutschland z.B. im/gegen den Iran ein? Oder ist das irrelevant und nicht so schlimm?
isoprano 16.01.2019
4.
[ ... Er reiste regelmäßig zeitgleich mit einem bekannten Führungsoffizier des iranischen Geheimdienstes ... ] Zum Glück gibt es ausländische Geheimdienste, die dem deutschen Geheimdienst unterstützend zur Seite stehen. Auffälliger kann man sich als Spion nicht verhalten!? MAD ... Nomen est Omen. Könnte der Nachfolger von M.A.S.H werden.
Bernhard.R 16.01.2019
5. Falschinformationen weitergegeben?
Wenn die Schlapphüte nicht mehr haben, kommt er mit Bewährung davon.
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