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Bundeswehr-Studie: De Maizières Reform frustriert die Truppe

Kritik an der Bundeswehrreform gibt es schon lange - doch diese Zahlen sind für Verteidigungsminister Thomas de Maizière ernüchternd: Fast 90 Prozent der Soldaten glauben laut einer Studie, dass die Neuausrichtung nicht von Dauer sein wird. Zwei Drittel würden ihren Job nicht weiterempfehlen.

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DPA

Minister de Maizière: Harsche Kritik der Soldaten

Berlin - Gut zweieinhalb Jahre nach Beginn der Neuausrichtung der Bundeswehr herrscht innerhalb der Truppe Frust über die Reform von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU). Laut einer Studie, die der Bundeswehrverband durch die Universität Chemnitz durchführen ließ, verlangt eine übergroße Mehrheit der rund 1800 Befragten innerhalb der Truppe rasche Nachbesserungen an dem Reformkonzept. Rund 88 Prozent der Befragten glauben sogar, dass de Maizières Reform nicht von Dauer sein werde, so vorab durchgesickerte Zahlen aus der Studie.

Die Universität hatte an Spieße, Kompaniechefs und Kommandeure Fragebögen zur Reform versandt, die Antworten will der Bundeswehrverband am Nachmittag in Berlin vorstellen. Die Kritik an der Reform brodelt schon seit längerem innerhalb der Bundeswehr, erstmals aber liegen nun Zahlen auf dem Tisch, welche die Enttäuschung der Soldaten sichtbar machen.

"Die Enttäuschung ist riesig", sagte Verbandschef Ulrich Kirsch am Donnerstagabend in der ARD, "jetzt muss dringend mit den Soldaten gesprochen werden, um zu ergründen, warum sie zu einem so harten Urteil kommen".

Die Bundeswehr reagierte gelassen, zeigte sich aber gleichsam sichtlich bemüht, auf den Frust der Soldaten einzugehen. Noch bevor der Verband seine Studie in Berlin vorgestellt hatte, äußerte sich ein Sprecher am Freitag zu den Ergebnissen. Er bezeichnete die Bundeswehrreform als "allumfassende Strukturreform", bei der "kein Stein auf dem anderen" bliebe. Deswegen sei ein Gefühl der Verunsicherung verständlich, man habe sogar damit gerechnet, so der Sprecher. Auf der Bundeswehrtagung im Oktober werde sich das Ministerium offen jeglicher Kritik stellen.

Für Minister de Maizière, der die noch von seinem Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg angestoßene Reform der Streitkräfte möglichst leise durchziehen will, sind die Zahlen wenig erfreulich. Doch sie waren erwartbar. Die massiven Streichungen von vielen Standorten, nötige Umzüge und das Eindampfen von Führungsposten und Privilegien innerhalb der Truppe, das weiß auch de Maizière, sind nicht ohne Ärger durchzuziehen.

Gleichwohl sind manche Antworten aus der Umfrage hart. So geben fast zwei Drittel der Soldaten an, sie würden ihren Kindern oder Freunden keinesfalls empfehlen, ebenfalls einen Job bei der Bundeswehr anzunehmen.

Standorte schließen, Personal schwindet

Die Bundeswehrreform soll die Truppe nach vielen kleinen Veränderungen durch die Vorgänger im Ministerium endlich deutlich verschlanken und für die modernen Anforderungen an eine Armee anpassen. Für eine bessere Effizienz wird fast jeder fünfte Standort geschlossen oder so stark verkleinert, dass man nicht mehr von einem Standort sprechen kann.

Auch das Personal wird drastisch reduziert - sowohl bei den Uniformierten als auch bei den zivilen Angestellen. Bei den Soldaten sorgt das naturgemäß für Verunsicherung. Für Minister de Maizière wird in den kommenden Monaten noch viel Erklärungsarbeit in den eigenen Reihen anstehen.

Kritik des Wehrbeauftragten

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus, zeigte großes Verständnis für die Kritik der Soldaten und sparte selber nicht damit. "Die Ergebnisse der Umfrage des Bundeswehrverbandes zeigen das, was ich bei meinen Truppenbesuchen regelmäßig erlebe und was ich schon in meinem letzten Jahresbericht geschildert habe", sagte Königshaus.

Die Unzufriedenheit sei "wirklich groß, und das, obwohl sich die meisten Soldatinnen und Soldaten bewusst sind, dass eine Reform der Bundeswehr dringend nötig ist".

Königshaus merkte an, die Soldaten fühlten "sich nicht mitgenommen", sowohl bei der Planung als auch der Umsetzung, daran sei auch die Kommunikation des Ministeriums verantwortlich.

"Es genügt nicht, den Spießen 80 Seiten Gesetze zu schicken und darauf zu vertrauen, dass Chefs und Spieße die Sache schon richten werden", sagte Königshaus, "die Soldatinnen und Soldaten empfinden die interne Kommunikation als völlig unzureichend". Der Wehrbeauftragte hatte auf die Unzufreidenheit in der Truppe in seinen Berichten immer wieder hingewiesen.

mgb

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1.
Gegengleich 07.09.2012
Zitat von sysopDPAKritik an der Bundeswehrreform gibt es schon lange - doch diese Zahlen sind für Verteidigungsminister Thomas de Maizière ernüchternd: Fast 90 Prozent der Soldaten glauben laut einer Studie, dass die Neuausrichtung nicht von Dauer sein werden. Zwei Drittel würden ihren Job nicht weiterempfehlen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,854446,00.html
Wieso wird dies als de Maizières Reform betitelt? Ist nicht KTzG der Hautpveranwortliche für diese Reform?
2. Das könnte auch Absicht sein.
prince62 07.09.2012
So isses eben, wenn ein kalter Technokrat nur die eine einzige Vorgabe weitergibt, daß gespart werden müsse auf Teufel komm raus, oder besser gesagt ohne Sinn und Verstand. Allerdings bleibt zu befürchten, daß genau dieser Zustand erreicht werdensoll, denn wenn die Truppe zukünftig auch im Inneren eingesetzt werden soll, dann braucht man stupide und mit wenig Intellekt gesegnete Leute, die auf Befehl alles, aber auch wirklich alles ausführen werden.
3. ach ne
blaumupi 07.09.2012
Zitat von sysopDPAKritik an der Bundeswehrreform gibt es schon lange - doch diese Zahlen sind für Verteidigungsminister Thomas de Maizière ernüchternd: Fast 90 Prozent der Soldaten glauben laut einer Studie, dass die Neuausrichtung nicht von Dauer sein werden. Zwei Drittel würden ihren Job nicht weiterempfehlen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,854446,00.html
Ach ne, wieso ist das nun de Maizières Reform? Hat das nicht unser genialer Karl-Theodor von und zu verbockt?
4.
Sleeper_in_Metropolis 07.09.2012
Zitat von prince62So isses eben, wenn ein kalter Technokrat nur die eine einzige Vorgabe weitergibt, daß gespart werden müsse auf Teufel komm raus, oder besser gesagt ohne Sinn und Verstand. Allerdings bleibt zu befürchten, daß genau dieser Zustand erreicht werdensoll, denn wenn die Truppe zukünftig auch im Inneren eingesetzt werden soll, dann braucht man stupide und mit wenig Intellekt gesegnete Leute, die auf Befehl alles, aber auch wirklich alles ausführen werden.
Nun ja, die Bundeswehr war auch vor der Reform nicht gerade ein Hort der Hochbegabten. Hauptsächlich wurde zum Bund gegangen, weil da für relativ anspruchslose Tätigkeiten sehr gut gezahlt wurde (außer natürlich bei den Wehrpflicht-Sklaven). Löhnen durfte den Spass der Steuerzahler. Außerdem befand sich die Bundeswehr seit dem Ende des kalten Krieges immer in irgendwelchen Umbauprozessen, die bei den Soldaten nie gut ankamen. Ziel war und ist natürlich immer Geld zu sparen, das klappt nur, wenn man die Beamten-Armee drastisch verkleinert und konzentriert auf wenige Standorte verteilt. Zusätzlich ist das tödliche Berufsrisiko des Soldaten auch bei der Bundeswehr seit einigen Jahren durchaus real geworden. Das das alles bei den betroffenen nicht gut ankommt, ist verständlich.
5. muss man relativieren
jetzt:hördochauf 07.09.2012
---Zitat--- So geben fast zwei Drittel der Soldaten an, sie würden ihren Kindern oder Freunden keinesfalls empfehlen, ebenfalls einen Job bei der Bundeswehr anzunehmen. ---Zitatende--- Diese 2/3 sind doch garnicht schlecht - eine anonyme Umfrage in vielen Betrieben würde ggf. schlechter ausfallen.. Junge- lern nur was anständiges! ist doch seit Generationen ein oft gesungenes Lied... ...und mal ehrlich : Was erwartet man bei lauer Bezahlung?
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Bundeswehrreform: Panzer, Betten, Unimogs - eine Kaserne wird abgewrackt

Neues Stationierungskonzept der Bundeswehr
Verteidigungsminister Thomas de Maizière hat das neue Stationierungskonzept der Bundeswehr vorgestellt. Danach stehen mehr als 60 der 328 Standorte vor dem Aus: 32 werden geschlossen, und weitere 33 schrumpfen auf weniger als 15 Mitarbeiter.
Baden-Württemberg
Schließung: Hardheim, Hohentengen, Immendingen, Sigmaringen.

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Freiburg im Breisgau, Heidelberg, Pforzheim, Ravensburg, Schwäbisch Gmünd.

Stationierung: Künftig 15.800 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 25.500, mit Sigmaringen wird ein Großstandort mit über 1000 Dienstposten geschlossen.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 2,4 auf 1,5.
Bayern
Schließung: Fürstenfeldbruck, Kaufbeuren, Penzing.

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Bamberg, Deggendorf, Kempten (Allgäu), Regensburg, Traunstein, Würzburg.

Stationierung: Künftig 31.000 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 50.700, mit Fürstenfeldbruck und Penzing werden zwei Großstandorte mit über 1000 Dienstposten geschlossen.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 4,1 auf 2,5.
Berlin
Keine Schließungen oder signifikanten Reduzierungen. Das Führungskommando der Luftwaffe kommt nach Berlin-Gatow.

Stationierung: Künftig 5000 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 5200.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner bleibt bei 1,5.
Brandenburg
Keine Schließungen oder signifikanten Reduzierungen. Das Führungskommando des Heeres kommt nach Strausberg.

Stationierung: Künftig 7400 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 8800.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 3,5 auf 2,9.
Bremen
Keine Schließungen oder signifikanten Reduzierungen.

Stationierung: Künftig 700 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 1100.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 1,7 auf 1,1.
Hamburg
Keine Schließungen oder signifikanten Reduzierungen.

Stationierung: Künftig 2400 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 2700.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 1,5 auf 1,4
Hessen
Schließung: Rotenburg an der Fulda.

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Darmstadt, Gelnhausen, Wetzlar.

Stationierung: Künftig 5400 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 8600.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 1,4 auf 0,9.
Mecklenburg-Vorpommern
Schließung: Lübtheen, Rechlin, Trollenhagen

Das Führungskommando der Marine kommt nach Rostock.

Stationierung: Künftig 10.600 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 14.200.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 8,6 auf 6,4.
Niedersachsen
Schließung: Ehra-Lessien, Lorup, Schwanewede.

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Braunschweig, Göttingen, Neuharlingersiel, Stade.

Stationierung: Künftig 40.800 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 51.600.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner 6,5 auf 5,1.
Nordrhein-Westfalen
Schließung: Kerpen, Königswinter.

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Arnsberg, Dortmund, Herford, Paderborn, Recklinghausen, Siegen. Das Führungskommando der Streitkräftebasis erhält seinen Sitz in Bonn.

Stationierung: Künftig 26.800 Soldaten und Zivilbeschäftgte statt bisher 36.600.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 2,0 auf 1,5.
Rheinland-Pfalz
Schließung: Bad Neuenahr-Ahrweiler, Birkenfeld, Emmerzhausen, Kusel, Speyer.

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Kaiserslautern. Das Führungskommando des Zentralen Sanitätsdienstes kommt nach Koblenz.

Stationierung: Künftig 20.600 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 28.700, mit Kusel und Speyer werden zwei Großstandorte geschlossen.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 7,2 auf 5,1.
Saarland
Keine Schließungen

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Sankt Wendel.

Stationierung: Künftig 1400 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 2700.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 2,6 auf 1,4.
Sachsen
Schließung: Mockrehna.

Stationierung: Künftig 3600 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 4500.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 1,1 auf 0,9.
Sachsen-Anhalt
Keine Schließungen.

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Halle (Saale) Stationierung: Künftig 4400 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 5600.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 2,4 auf 1,9.
Schleswig-Holstein
Schließungen: Alt Duvenstedt, Bargum, Glücksburg, Hohn, Hürup, Ladelund, Lütjenburg, Idstedt, Seeth.

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Albersdorf, Bramstedtlund, Itzehoe, Schleswig.

Stationierung: Künftig 15.300 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 26.000.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 9,2 auf 5,4.
Thüringen
Schließung: Ohrdruf.

Künftig weniger als 15 Dienstposten: Mühlhausen, Suhl.

Stationierung: Künftig 6300 Soldaten und Zivilbeschäftigte statt bisher 9000.

Bundeswehrdichte je 1000 Einwohner sinkt von 4,0 auf 2,8.
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